Never Mind the Markets
05:00 - 13.03.17

Woran die Südländer kränkeln

Tobias Straumann

Angela Merkel und der griechische Premierminister Alexis Tsipras bei einem EU-Gipfel in Brüssel. Foto: Francois Lenoir (Reuters)

Gute Nachricht aus der Eurozone: Die Kerninflation (ohne Energiepreise) hat sich auf knapp einem Prozent stabilisiert. EZB-Chef Draghi verkündete deshalb das Ende der Deflationsgefahr, das heisst einer verhängnisvollen Dynamik von sinkenden Preisen, rückgängigen Investitionen, zunehmender Verschuldung und steigender Arbeitslosigkeit.

Kritiker haben immer bemängelt, dass diese Deflationsgefahr ohnehin nie bestanden habe. Wie auch immer, das Thema ist jetzt vom Tisch.

Nicht vom Tisch ist aber die Frage, wie die schwächeren Länder in der Währungsunion ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit verbessern können. Das erfordert nämliche tiefere Inflationsraten als in Deutschland, weil das Instrument der Abwertung nicht mehr zur Verfügung steht. Wie sieht es in dieser Hinsicht aus?

Die Anpassung geht nur langsam vonstatten. Die Tabelle zeigt es klar:

  • Griechenland ist nach wie vor das grösste Sorgenkind der Währungsunion. Die jährliche Inflation ist nur 0,4 Prozent tiefer als in Deutschland. Wie soll dieses Land dereinst wieder preislich wettbewerbsfähig werden?
  • Portugal ist wieder aus den Schlagzeilen verschwunden, aber kommt wirtschaftlich kaum vom Fleck und ist hoch überschuldet. Die Inflationsdifferenz zu Deutschland beträgt nur 0,6 Prozent.
  • Italien ist bezüglich Inflationsdifferenz zu Deutschland besser aufgestellt. Sie beträgt immerhin 1 Prozent. Aber auch das wird kaum reichen, um in absehbarer Zeit wieder beim Export zulegen zu können.
  • Spanien (2,9 Prozent) hat sogar eine deutlich höhere Inflationsrate als Deutschland (1,9 Prozent).

Die höhere spanische Inflationsrate könnte man natürlich auch als Ausdruck einer bereits vollzogenen Anpassung interpretieren. Spanien hat ja in der Tat höhere BIP-Wachstumsraten gehabt als alle anderen südeuropäischen Länder. Aber selbst bei Spanien wäre es falsch, das Ende des Anpassungsprozesses auszurufen.

  • Spaniens Wachstum beruhte bisher hauptsächlich auf dem Aufholeffekt. Erst jetzt ist das BIP wieder auf dem Niveau von 2008. Das Pro-Kopf-Einkommen ist immer noch tiefer als 2008.
  • Spanien wächst vor allem wegen des Privatkonsums, des staatlichen Budgetdefizits und der Erholung des Bausektors.
  • Die Staatsverschuldung bleibt unvermindert hoch bei etwa 100 Prozent.

So ist es weiterhin unrealistisch, dass sich Südeuropa dank Senkung der Löhne und Preise aus der Stagnation befreien kann. Tiefe Zinsen, schwacher Euro und die immer noch relativ niedrigen Energiekosten machen es möglich, die Situation für eine Weile zu stabilisieren oder ein wenig zu verbessern. Aber die Grundprobleme bleiben ungelöst.

Ralf Dahrendorf bei einem Symposium in Luzern (5. September 2003). Foto: Sigi Tischler (Keystone)

Am 23. Juni 2016 stimmte eine Mehrheit der Einwohnerinnen und Einwohner Grossbritanniens für den Ausstieg aus der Europäischen Union.

Am 8. November wurde in den USA Donald Trump zum 45. Präsidenten des Landes gewählt.

Im kommenden Mai wird in Frankreich möglicherweise die Sozialnationalistin Marine Le Pen im ersten Wahlgang die meisten Stimmen erhalten. Und auch wenn sie in der Ausmarchung nicht zur Präsidentin der Republik gewählt werden sollte: Ihr Front National, zur Jahrtausendwende noch eine Randerscheinung, ist eine Macht in der zweitwichtigsten Volkswirtschaft Europas geworden.

Diese drei Ereignisse wären noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen. Sie haben eine Gemeinsamkeit: In allen drei Ländern, Grossbritannien, den USA und Frankreich, lehnen sich die unteren und mittleren Schichten der Bevölkerung gegen ihre «Eliten» auf.

Viel ist in den letzten Monaten über dieses Phänomen geschrieben worden – auch beispielsweise hier und hier in diesem Blog: Zu lange haben die Politiker und Wirtschaftsführer in den westlichen Industrieländern nicht realisiert, dass in ihrer eigenen Bevölkerung eine Schicht von Globalisierungsverlierern heranwächst, die nicht von den Früchten des Wachstums profitiert.

2016 war das Jahr, als diese Bruchlinien – für viele überraschend – mit aller Wucht zum Vorschein gekommen sind.

Doch war das wirklich so überraschend? Nein.

Ein grosser liberaler Denker

Ich bin kürzlich per Zufall auf einen Text von Ralf Dahrendorf gestossen, der mich fasziniert hat. Der 2009 verstorbene Dahrendorf, deutscher und britischer Staatsbürger, war Schüler von Karl Popper an der London School of Economics (LSE), Abgeordneter im Deutschen Bundestag, später Mitglied des House of Lords, Direktor der LSE, Prorektor der Oxford University – kurzum: ein grosser liberaler Denker von der Sorte, wie sie heute kaum mehr zu finden ist.

Dahrendorf publizierte im März 1995 diesen 16-seitigen Text, in dem er äusserst klarsichtig die Herausforderungen beschreibt, mit denen die Länder der «Ersten Welt» – er meinte die Industriestaaten Westeuropas, Nordamerika sowie Japan – konfrontiert sind.

Im Kern, schreibt Dahrendorf, muss ihnen eine Quadratur des Kreises gelingen, ein eigentliches Trilemma aus drei Zielen:

  • Erstens müssen sie sich der Globalisierung mit dem Aufstieg neuer Konkurrenten stellen,
  • zweitens müssen sie den inneren sozialen Zusammenhalt bewahren, und
  • drittens darf dabei ihre offene, auf individueller Freiheit beruhende Ordnung keinen Schaden nehmen.

Das Problem: Diese drei Ziele stehen oft in Konflikt zueinander. In seinen Worten:

«The overriding task of the First World in the decade ahead is to square the circle of wealth creation, social cohesion and political freedom.»

Gehen wir etwas genauer auf die Gedanken Dahrendorfs ein:

Dahrendorf stellt in seinem Essay die Globalisierung per se nicht infrage. Im Gegenteil: Sie sei die Kraft, die es Millionen von Menschen in der weniger entwickelten Welt ermöglicht, den Lebensstandard der westlichen Industrienationen anzustreben. Er sieht es gar als Imperativ für die Erste Welt, diesen Prozess nicht zu verhindern, weil es sonst immer zu Migrationsströmen von armen zu reichen Ländern komme:

«The humiliating experiences of asylum-seekers in many countries of the First World are an indictment of the latter’s claims to civilization, and yet there is no simple answer to the predicament. Rather, there is only one answer, and it is not simple. It is the universalization of the benefits of the First World — what has come to be called development.»

Die westlichen Industrieländer haben also jedes Interesse, sich der Globalisierung zu stellen und dabei neue Konkurrenten – 1995, als Dahrendorf die Zeilen schrieb, waren das vor allem asiatische Tigerstaaten wie Korea, Taiwan oder Thailand – zuzulassen.

Globalisierung ist gewünscht

Dahrendorf sah aber auch, dass dies für Unternehmen weltweit ein hartes, hoch kompetitives Umfeld schafft:

«It has become hard, and for most impossible, to hide in this world. All economies are interrelated in one competitive market-place, and everywhere the entire economy is engaged in the cruel games played on that stage.»

Um in dieser Welt zu überleben, brauchen die global tätigen Unternehmen nach Ansicht Dahrendorfs in ihren Heimatländern der westlichen Welt vor allem eines: Flexibilität. Sie müssen fähig sein, Stellen abzubauen, Löhne zu senken und nicht vom regulatorischen Umfeld erdrückt zu werden:

«Flexibility means in the first instance the removal of rigidities. Deregulation and less government interference generally help create flexibility; many would add a lighter burden of taxation on companies and individuals. Flexibility has increasingly come to signify the loosening of the constraints of the labour market. Hiring and firing become easier; wages can move downwards as well as upwards; there is more and more part-time and limited-term employment; workers must be expected to change jobs, change employers, change locations of employment. They have to be flexible themselves. So do entrepreneurs of course; Schumpeter’s idealized figure of the entrepreneur and his «creative destructiveness» is invoked. Flexibility also means the readiness of all to accept technological changes and respond to them quickly. In marketing terms, flexibility is the ability to move in wherever an opportunity offers itself. The story is familiar enough, as is its accompanying language of structural adjustment, efficiency gains, competitiveness and seemingly unending increases in productivity.»

So viel zum ersten Punkt, zur Herausforderung des Wirtschaftswachstums und der Globalisierung. Hier sind Dahrendorfs Gedanken nicht überraschend: Die Globalisierung ist gewünschte Tatsache, Unternehmen und Staaten müssen sich ihr stellen, und sie können dies am besten tun, wenn sie flexibel bleiben.

Nun zum zweiten Punkt, der Wahrung des inneren sozialen Zusammenhalts:

Hier sieht Dahrendorf bereits 1995 grosse Gefahren in der wachsenden Ungleichheit in den Ländern der Ersten Welt. Gerade hier ist die Feststellung wichtig, dass Dahrendorf ein Liberaler war, der durchaus das Motto «Freie Märkte für freie Menschen» vertrat. Er hatte nichts gegen «gesunde» Ungleichheit, die alle Menschen in einem Land anspornt, nach Höherem zu streben.

Gefahren der Aussichtslosigkeit

Doch er warnte vor der Art von Ungleichheit, die gewisse Bevölkerungsschichten chancenlos zurücklasse:

«For one thing, income inequalities have grown. Some regard all inequalities as incompatible with a decent civil society; this is not my view. Inequality can be a source of hope and progress in an environment which is sufficiently open to enable people to make good and improve their life chances by their own efforts. The new inequality, however, is of a different kind; it would be better described as inequalization, the opposite of levelling, building paths to the top for some and digging holes for others, creating cleavages, splitting. The income of the top 10, or even 20 per cent is rising significantly, whereas the bottom 20, indeed 40 per cent see their earnings decline (…) The systematic divergence of the life chances of large social groups is incompatible with a civil society.»

Dahrendorf warnte eindringlich vor dem korrosiven Effekt auf die westlichen Gesellschaften, wenn ein immer grösserer Teil der Bevölkerung keine Chancen für den eigenen Aufstieg mehr sieht:

«They opt out of a society which has pushed them to the margin already. They become a threat.»

Und:

«Worse still, the truly disadvantaged and those who fear to slide into their condition do not represent a new productive force, nor even a force to be reckoned with at present. The rich can get richer without them; governments can even get re-elected without their votes; and GNP can rise and rise and rise.»

Spannend, wie er hier sagt, dass Regierungen auch ohne die Stimmen der «Verlorenen» wiedergewählt werden können. Das galt tatsächlich – bis 2016.

So viel zum zweiten Punkt, zur Wichtigkeit der Wahrung des inneren gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Nun zum dritten und letzten Punkt, zur freiheitlichen Ordnung:

Wenn globaler wirtschaftlicher Wettbewerb zu einer Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts innerhalb eines Landes führt, so warnte Dahrendorf, erklinge früher oder später der Ruf nach einer starken, autoritären Hand an der Regierungsspitze. Sie verspricht die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung – auch wenn dies mit einer Beschneidung der individuellen Bürgerfreiheiten einhergeht.

Aufkommen autoritärer Systeme

Ein bedenkliches Gegenmodell zu Westeuropa und den USA sah Dahrendorf in Asien, wo in Staaten wie Singapur, Korea und China autoritäre Regimes für Wirtschaftswachstum und inneren sozialen Zusammenhalt sorgten, dafür aber auf individuelle politische Freiheiten ihrer Bürger verzichteten:

«And how are the dreaded Western values supposed to be kept out? By strong government, is the answer. Authoritarianism is not totalitarianism. Authoritarian rulers will not brook active opposition, but they leave people alone as long as they do not attack the powers that be. Law-abiding citizens who assiduously attend to their own affairs and otherwise live inoffensive private lives need not fear the wrath of their leaders (…) But those who criticize government for its unaccountable power, those who use their freedom of speech to expose nepotism, those who dare put up alternative candidates at elections, are in trouble. The limits of civic freedom are tightly drawn.»

Dahrendorf war 1995 bemerkenswert klarsichtig, als er schrieb, dass sich dieses autoritäre System weiter etablieren könnte:

«It is possible that a new Asian — essentially Chinese — balance will be found which combines world competitiveness in economic terms with a social cohesion that is traditional rather than civil, and with authoritarian political régimes.»

Und, ganz entscheidend, dass dieses asiatische Modell auch in den Bevölkerungen Europas und Nordamerikas wieder neue Sympathien für den Autoritarismus wecken könnte:

«It is also possible that the example will affect European leaders and voters, and that a growing number will wish to go down a similar route at the risk of abandoning some of the cherished rights and liberties of the European and North American tradition. The temptations of such authoritarianism are considerable.»

Und eine weitere luzide Warnung, dass sich die Wut der Unterschichten nicht nur gegen die eigenen Eliten, sondern auch gegen Ausländer richten wird:

«Then the invasion of foreigners. In state schools local children have become a minority, and teachers offer prayers in several religions. Somehow this mess has to be sorted out again, and England returned to the English, Germany to the Germans, France to the French…»

Er wurde nicht gehört

Diese warnenden Zeilen schrieb Ralf Dahrendorf vor 22 Jahren: Wird es den westlichen Staaten gelingen, Wachstum zu schaffen und den inneren sozialen Zusammenhalt zu wahren, ohne in Autoritarismus abzugleiten?

Er warnte, die Regierungen müssten alles unternehmen, damit die Schicht der Globalisierungsverlierer in ihrer Bevölkerung nicht weiter wächst.

Die Globalisierung schritt, wie prognostiziert, weiter voran. Doch die Ungleichheit in Staaten wie Grossbritannien und den USA ist weiter gewachsen. Die Schicht der Verlierer wurde grösser. Der innere soziale Zusammenhalt erodierte.

2016 war der «Tipping Point» erreicht, als diese Schicht auf politischer Ebene eine Projektionsfläche in einer Mischung aus Fremdenfeindlichkeit und Autoritarismus erhielt: die Brexit-Befürworter, Trump, Le Pen.

Dieser Prozess ist noch nicht zu Ende, ist doch auch in Ländern wie Deutschland – und durchaus auch in rechtsbürgerlichen Kreisen in der Schweiz – eine sonderbare Sympathie für autoritäre Regimes zu erkennen.

Gleichzeitig ist in China zu sehen, wie die Ungleichheit in der Bevölkerung rasant steigt und auch dort die reelle Gefahr besteht, dass eine Schicht von Globalisierungsverlierern heranwächst. Bleibt die Frage, ob das dortige, autoritäre Modell dafür sorgen kann, dass der innere soziale Zusammenhalt gewahrt bleibt.

Ralf Dahrendorf hatte 1995 recht mit seiner Warnung. Leider wurde er nicht erhört.

05:00 - 06.03.17

Der völlig unterschätzte Staatsbankrott

Tobias Straumann

Revolution mit Folgen: Ein Stalin-Double posiert neben einem Porträt des sowjetischen Diktators an dessen 126. Geburtstag in Georgien 2005. Foto: Reuters

Hundert Jahre ist es her, seit der Zar vertrieben wurde und die Bolschewisten die Macht in Russland übernommen haben. Im Landesmuseum gibt es dazu eine sehenswerte Ausstellung.

Nicht nur politisch, auch wirtschaftlich war das Ereignis epochal. Die Bolschewisten implementierten schrittweise ein völlig neues Modell. Beginnend mit dem Fünfjahresplan von 1928 realisierten sie die totale Verstaatlichung und Kollektivierung der Wirtschaft. Der Preis war hoch. In der Ukraine verhungerten Millionen von Bauern, und Hunderttausende fielen den Säuberungswellen der kommunistischen Diktatur zum Opfer. Nur Mao hatte mehr Menschen auf dem Gewissen als Stalin (Quelle der Grafik).

Auch in der Geschichte der Staatsbankrotte nimmt die bolschewistische Machtübernahme einen prominenten Platz ein. Im Februar 1918 wagte es zum ersten Mal eine Regierung, alle Staatsschulden gegenüber dem Ausland einseitig zu streichen. Man kann deshalb diesen Akt auch als grössten Staatsbankrott der Geschichte bezeichnen.

Fast 70 Jahre lang bankrott

Kopf hinter der Schuldenstreichung: Büsten von Lenin in einem Museum in St. Petersburg. Foto: Reuters

Der russische Bankrott ist zudem bis heute der längste Bankrott. Erst 1987 war er formell abgeschlossen. Zu diesem Zeitpunkt nahm die Sowjetunion nach Jahrzehnten der Abstinenz erstmals wieder Geld auf den internationalen Finanzmärkten auf. Dafür musste sie eine symbolische Summe bezahlen, um den alten Bankrott endgültig zu besiegeln.

Die Hauptleidtragenden waren die französischen Gläubiger. Sie hatten vor dem Ersten Weltkrieg aus geopolitischen Gründen das Zarenreich grosszügig unterstützt. 1914 befanden sich rund 80 Prozent der russischen Schulden in französischen Händen.

Den Gläubigern dämmerte es zu spät

Interessant ist, dass die Gläubiger lange Zeit nicht wahrhaben wollten, dass es die Bolschewisten ernst meinten. Die folgende Grafik zeigt den Kurs der russischen Staatsanleihe von 1906, die in Paris kotiert war (Quelle). Als im Februar 1918 der Bankrott offiziell angekündigt wurde, stieg der Kurs zunächst. Erst 1920 dämmerte es den Anlegern, dass ihr Geld für immer und ewig verloren sein könnte, und erst Ende der 20er-Jahre drückte sich dieser Pessimismus auch vollumfänglich im Kurs aus.

Warum dauerte es so lange, bis die Gläubiger die neue Realität anerkannten? Ein neues Buch mit dem treffenden Titel «Die Hoffnung stirbt zuletzt» nennt mehrere Gründe. Die Anleger hofften, …

  • … dass die Bolschewisten ihre Meinung ändern würden.
  • … dass der russische Bürgerkrieg (1918–22), an dem sich auch westliche Truppen beteiligten, eine neue Regierung an die Macht bringen würde.
  • … dass Russland auseinanderbrechen würde und die neu entstandenen Länder einen Teil der Schuld begleichen würden.
  • … dass die französische Regierung oder der französische Bankensektor die Gläubiger vergüten würde.

Die Kurse und die zugrunde liegenden Erwartungen der Gläubiger zeigen deutlich, wie lange es dauerte, bis der Westen die Konsequenzen der bolschewistischen Oktoberrevolution verstand. 1933 ging die Zeit der Ungewissheit endgültig zu Ende, als die USA die Sowjetunion anerkannten und diplomatische Beziehungen aufnahmen.

05:00 - 03.03.17

Wie zwei Inseln die Welt veränderten

Mark Dittli

Im 17. Jahrhundert konnte niemand ahnen, was einmal aus der Insel Manhattan werden würde. Foto: GCShutter (iStock)

Alternative Geschichtserzählungen faszinieren. Momentan sorgt in Grossbritannien beispielsweise die TV-Serie «SS-GB» für Gesprächsstoff: Sie geht der Frage nach, was mit Grossbritannien passiert wäre, wenn das Nazireich 1941 die Schlacht um England gewonnen und die Insel eingenommen hätte.

Im Rückblick erscheint der Lauf der Geschichte immer logisch, die Dinge kommen so, wie sie kommen mussten. Doch wir wissen: Die Historie ist voller Zufälle.

Um einen dieser historischen Zufälle soll es in diesem Beitrag gehen. Für einmal sprechen wir also nicht von Donald Trump, nicht von der Eurokrise, nicht vom Finanzsystem.

Es soll in diesem Beitrag im Entfernten zwar um das Thema Globalisierung und Freihandel gehen, doch im Konkreten ist es schlicht die Geschichte von zwei Inseln. Zwei geologisch eigentlich völlig unbedeutende Fleckchen auf der Weltkarte, beide rund drei Kilometer breit und nicht mehr als zehn Kilometer lang.

Die eine der beiden Inseln heisst Manhattan. Die andere heisst Run. Von der ersten haben Sie wahrscheinlich schon gehört. Von der zweiten wohl eher nicht.

Doch es gab mal eine Zeit, als Run als ungleich wichtiger und wertvoller angesehen wurde als Manhattan. Eine Zeit, als ein europäischer Staatsmann im Interesse seines Landes bewusst auf den Anspruch auf Manhattan verzichtete, um den Anspruch auf Run zu zementieren.

Die Geschichte spielt in den 1660er-Jahren.

Als die Niederlande eine Weltmacht waren

Zunächst einige Informationen zu den beiden Inseln:

Manhattan ist zu dieser Zeit Heimat von Niew Amsterdam, einer niederländischen Kolonie an der Südspitze der Insel. Ein breiter Weg verbindet Niew Amsterdam mit der Siedlung Haarlem im Norden der Insel. Die Insel Manhattan ist das Zentrum von Niew-Nederland, einer Kolonie, die sich von Cape Cod im Norden bis zur Delaware Bay im Süden erstreckt.

Run ist eine winzige Insel in der Bandasee in Südostasien, Teil des insgesamt neun Inseln umfassenden Banda-Archipels. Die Inselgruppe steht zur fraglichen Zeit fast ausschliesslich unter der Kontrolle der Niederländischen Ostindien-Kompanie (Vereenigde Oostindische Compagnie, VOC). Das Besondere an den Banda-Inseln: Sie sind der einzige Ort auf der Welt, an dem der Muskatnussbaum wächst. Die Früchte des Baums, die Muskatnuss und der Samenmantel Macis, sind in Europa zu jener Zeit von grossem Wert.

Die Insel Run war einst die Perle der ostindischen Inseln. Foto: Hans Peter Grumpe (Wikimedia)

Das Monopol der VOC über den Welthandel mit Muskatnuss ist jedoch nicht vollkommen, denn die Insel Run, der westlichste Ausläufer des Banda-Archipels, steht unter der Kontrolle von englischen Händlern.

So viel zu den beiden Inseln. Nun zu den beiden Kolonialmächten:

Die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen – auch die Republik der Vereinigten Niederlande genannt – ist in den 1660er-Jahren eine Welthandelsmacht. Die Niederländische Ostindien- sowie die Westindien-Kompanie sind Giganten, die den Handel auf den Weltmeeren – unter anderem mit begehrten Gewürzen – dominieren.

England hatte zur fraglichen Zeit soeben das gut zehnjährige republikanische Interregnum von Oliver Cromwell hinter sich und ab 1660 mit König Charles II. die Monarchie wieder eingeführt.

Die beiden Mächte hatten sich schon von 1652 bis 1654 einen Krieg geliefert. Unter Charles II. erfasst wieder eine patriotische Welle das Land; der Monarch erlässt eine Reihe von protektionistischen Massnahmen, die das Ziel haben, die Handelsmacht der Niederländer auf den Weltmeeren zu brechen.

1664 bricht der zweite Krieg zwischen England und den Vereinigten Niederlanden aus. Die Engländer annektieren Niew-Nederland; der niederländische Gouverneur Peter Stuyvesant überlasst die Insel Manhattan mit Niew Amsterdam ohne Blutvergiessen den Engländern. Diese taufen die Siedlung zu Ehren des Duke of York sofort in New York um.

Doch der Krieg wird zum Desaster für die Engländer. Die Niederländer gewinnen eine Reihe von Schlachten, besetzen die englischen Zuckerplantagen von Surinam in Südamerika und zerstören im Juni 1667 unter Admiral Michiel de Ruyter im Überfall auf Medway fast die gesamte englische Flotte in der Mündung der Themse.

Ein wertloses Monopol

Ende Juli 1667 treffen sich die Kriegsparteien im niederländischen Ort Breda zu Friedensverhandlungen. Die siegreichen Niederländer verhandeln unter der Führung von Ratspensionär Johan de Witt.

De Witt ringt den Engländern drei grosse Zugeständnisse ab: Die Niederländer dürfen fortan Güter, die auf dem Rhein stromabwärts nach Rotterdam transportiert wurden, nach England liefern. Zweitens erhalten die Niederländer Surinam. Und drittens gibt England endgültig jeden Anspruch auf die Insel Run auf. Im Gegenzug geht die Kolonie Niew-Nederland auf England über.

So bescheiden sah Nieuw Amsterdam um 1664 aus. Gemälde von Johannes Vingboons. (Wikimedia)

Der Friedensvertrag von Breda wird als Erfolg von De Witt gefeiert. Mit der Insel Run kontrollieren die Niederländer nun das gesamte Banda-Archipel und besitzen das Monopol für den Handel mit den Früchten des Muskatnussbaums.

Run im Tausch gegen Manhattan. Der weltweite Gewürzhandel ist nun fest in niederländischer Hand. Der Verlust der relativ unbedeutenden Kolonie in Nordamerika wiegt dagegen nicht schwer.

Der Rest, wie wir wissen, ist Geschichte.

Gut hundert Jahre nach dem Friedensvertrag von Breda beginnen die englischen Kolonien in Nordamerika ihre Rebellion gegen die Krone.

Wenig später, während der Napoleonischen Kriege, erlangt ein englisches Expeditionskorps kurz die Kontrolle über die Banda-Inseln. Die Zeit genügt, um Samen und Setzlinge des Muskatnussbaums – samt Erde – zu stehlen und nach Ceylon, Penang, Singapur und Sansibar zu bringen, um sie dort anzupflanzen. Das einstige Monopol der Banda-Inseln ist fortan wertlos.

Welchen Lauf die Historie wohl genommen hätte, wenn De Witt Manhattan behalten und stattdessen Run aufgegeben hätte? Wenn das Gebiet zwischen Cape Cod und der Delaware Bay eine niederländische Kolonie geblieben wäre? Wir wissen es nicht.

Heute ist Run als Teil der Republik Indonesien ein unbedeutendes Eiland mit einigen Hundert Einwohnern. Manhattan ist das Finanzzentrum der Welt.

05:00 - 01.03.17

Im Aussenhandel droht ein Chaos

Markus Diem Meier

Jeder schaut für sich – was heisst das für die Welt? Donald Trump an seinem Schreibtisch im Oval Office. Foto: Jonathan Ernst (Reuters)

Bisher dominiert mit Aussicht auf die Administration Trump bei US-Unternehmen vor allem der Optimismus: Es winken Steuersenkungen und fette Aufträge durch Regierungsgelder für die Infrastruktur sowie Deregulierungen. Und ja: Eine bessere Infrastruktur würde natürlich auch das Wachstumspotenzial erhöhen, weil sie die Effizienz der gesamten Wirtschaft erhöht.

Dabei bleibt weiterhin das allergrösste Risiko für die Wirtschaft ein scharfer protektionistischer Schub, zum Beispiel deutliche Steuererhöhungen auf Importen. Sollte Präsident Trump diese Pläne tatsächlich umsetzen, dann hat das eine derart schlimme Wirkung, dass sich kein Optimismus mehr rechtfertigen lässt.

Importierende Unternehmen bestrafen?

Auch zur Gefahr vor dem Protektionismus aber herrscht ein schwer verständlicher Optimismus vor, der an die Tage nach dem Wahlsieg von Donald Trump erinnert. Schon damals wurde Trump praktisch ent-trumpt und es wurde behauptet oder vermutet, der Mann werde seine Drohungen schon nicht wahrmachen. Mittlerweile wissen wir, dass er es genauso meint, wie er es angedroht hat. Für den Bau der Mauer zu Mexiko hat er bereits den Startschuss gegeben, und ganze Volksgruppen liess er praktisch über Nacht nicht mehr einreisen.

Eine zu den Protektionismusplänen vernehmbare Ansicht lautet, Trump wolle bloss Druck auf die Handelsschranken der anderen ausüben, dass also andere ihre Zölle reduzieren. Wenn er damit Erfolg hätte, wäre dem Freihandel sogar geholfen, so die These. Eine andere These geht davon aus, dass er ohnehin nur droht. Die ersten Anzeichen sprechen auch hier gegen eine solche optimistische Auslegung. Dazu gehören die Pläne für ein Steuersystem, das importierende Unternehmen bestraft und exportierende belohnt. Im Handelsverkehr mit Mexiko hätte eine solche Steuer sogar die Mauer bezahlen sollen, die die Trump Regierung bauen will. Wobei allerdings dann nicht hauptsächlich die Mexikaner, sondern die amerikanischen Konsumenten letztlich zur Kasse gebeten werden.

Das Welthandelssystem ist nicht fair

Die grösste Wahrscheinlichkeit und Gefahr für die baldige Einführung von protektionistischen Massnahmen (nicht nur in den USA) stammen aber wohl daher, dass die Globalisierung mit dem real existierenden Freihandel (der nicht dem theoretischen Ideal entspricht) und der Personenfreizügigkeit in breiten Massen nicht mehr viele Freunde hat. Darin liegt auch ein wichtiger Grund für Trumps Erfolg. In diesem Artikel bin ich summarisch auf sechs gute Gründe für die Unbeliebtheit der Globalisierung eingetreten. Zusammenfassend kann man sagen: Das Welthandelssystem ist nicht fair, es schafft und zementiert Ungleichgewichte und Ungleichheiten. Und es gibt keine Instanz, die für einen Ausgleich sorgt. Eine jenem Artikel angehängte Umfrage unter Lesern bestätigt die Skepsis. Hier das Ergebnis:

Die berechtigte Kritik an den realen Mängeln des aktuellen Welthandelssystems bedeutet dennoch umgekehrt nicht, dass ein scharfer Protektionismus der USA irgendwie eine bessere Ausgangslage schaffen oder die Mängel beseitigen würde: Das Gegenteil ist der Fall. Alles würde nur noch viel schlimmer.

Die Macht einer zentralen Macht

Ein Grund dafür ist die Bedeutung der USA im Zentrum des Welthandelssystems. Das drückt sich allein schon in der grossen Rolle des US-Dollars aus. In einer oberflächlichen Betrachtung der Wirtschaftstheorie spielen zentrale Mächte keine Rolle: Verändern sich die Produktions- und Kostenverhältnisse in irgendeinem Land, das Teil des Welthandelssystems ist, sind Anpassungen in allen Märkten die Folge. Das gilt natürlich für jeden Markt: Kann ein Produzent ein Produkt aus irgendeinem Grund plötzlich günstiger herstellen, führt das über die Zeit zu Veränderungen der Produktionsstruktur und Position bei allen Mit-Wettbewerbern.

Das Problem aber ist, dass solche Anpassungen in einem Welthandelssystem nicht über Nacht vonstattengehen. Und wenn ein einzelnes Land, wie jetzt die USA, das Welthandelssystem stark dominieren und die Handelsverhältnisse direkt und indirekt auf dieses Land ausgerichtet sind, ist der Wandel zu einem neuem System ein besonders langer und schwieriger Prozess, der alles andere als konfliktfrei und harmonisch verläuft. Davon zeugen frühere solche Prozesse, wie etwa der Übergang vom spanisch dominierten Welthandelssystem zum britischen und dann vom britischen zum amerikanischen. Ein auf eine zentrale Macht fokussiertes Welthandelssystem ist immer auch stark verwoben mit entsprechenden politischen Verbindungen und Abhängigkeiten, und die weltweiten Wertschöpfungsketten bauen stark darauf auf.

Solche zentralen Mächte haben das System immer auch für ihre eigenen Interessen ausgenützt. So liessen sich die USA zum Beispiel über die Verpflichtung der übrigen westlichen Welt, den Dollarkurs zu stützen, praktisch von den anderen den Vietnamkrieg in den 60er-Jahren finanzieren. Aber eine zentrale Macht im Welthandelssystem setzt dessen Standards und sorgt auch für deren Durchsetzung. Das stabilisiert ein solches System.

US-Konsumenten generieren die Nachfrage für andere Länder

Die theoretisch bessere Alternative wäre ein Welthandelssystem, das auf Regeln basiert, an die sich alle halten und von allen getragen wird. Das war ursprünglich die Idee der Konferenz von Bretton Woods im US-Bundesstaat New Hampshire, als im dortigen Mount Washington Hotel 1944 Vertreter aus 44 Ländern noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine neue Welthandelsordnung auf die Beine stellen wollten. Am Ende setzten dem System dann die USA ihren Stempel auf und booteten den Briten John Maynard Keynes aus, der fairere Regeln einführen wollte – zum Beispiel mit einer eigenen Weltwährung, ohne die dominierende Rolle des Dollars. Das Resultat war aber wenig überraschend. Divergierende Interessen in Schach halten und Regeln durchsetzen kann nur ein Land mit entsprechendem Weltmachtstatus.

Wenn nun die zentrale Macht selbst das System fallen lässt, droht tatsächlich Schlimmes. Dabei ist durchaus verständlich, dass die USA mit dem auf sie fokussierten Welthandel nicht zufrieden sind. Eine zentrale Eigenschaft dieses Systems sind US-Netto-Aussenhandelsdefizite. Anders gesagt generieren die US-Konsumenten die Nachfrage für viele andere Länder der Welt, etwa von China oder Deutschland, indirekt aber auch für alle Länder, die wiederum von diesen Regionalmächten abhängen. Das entzieht den Amerikanern nicht nur Nachfrage nach den eigenen Produkten, das führt auch zu einer ständig steigenden Verschuldung der Amerikaner. Denn dank der zentralen Rolle des Dollars und der USA als Wirtschaftsmacht finanzieren die übrigen Länder die Defizite der Amerikaner andauernd. Auf die Dauer kann das nicht nachhaltig sein.

Warum China nicht nachrückt

Doch aus dem gleichen Grund ist es ausgeschlossen, dass eine andere Macht rasch in die Rolle der Amerikaner schlüpfen könnte. Oft genannt wird hier China. Der Chinakenner Michael Pettis hat in einem Interview mit mir in diesem Beitrag ausführlich klargemacht, warum das aus rein ökonomischen Gründen ausgeschlossen ist. Hier die entscheidende Passage aus dem Interview:

«Das Handelssystem der USA baut auf US-Aussenhandelsdefiziten auf, das chinesische Handelssystem dagegen auf chinesischen Exportüberschüssen. Kein Land wird bereit und in der Lage sein, fortlaufend die Überschüsse Chinas aufzunehmen und Defizite zu verzeichnen, denn das würde ein deutlich geringeres Wirtschaftswachstum zur Folge haben. Deshalb wird ein Rückzug der USA auf keinen Fall dazu führen, dass China nachrückt. Ein Rückzug der USA würde daher zu einem höchst instabilen Handelsumfeld führen.»

Das gilt grundsätzlich auch für Europa und Japan, nur dass diese Länder auch sonst schon keinen Einfluss mehr ausüben, der sie überhaupt zu Kandidaten für eine solche Rolle machen würde.

Um die weltweiten Ungleichgewichte und die weiteren Mängel des Welthandelssystems zu korrigieren, müsste ein Prozess beginnen, der einerseits auf einer zentralen Macht im Handelssystem beruht, die solche Korrekturen durchsetzen und garantieren kann und will, und andererseits in einem ausreichenden Vertrauen der anderen in diese Möglichkeit. Am besten wäre dafür eine neue Art von Bretton-Woods-System. Doch genau das wird unmöglich, wenn die USA unter ihrem neuen Präsidenten mit scharfen protektionistischen Massnahmen auf Konfrontationskurs gehen – mit der Botschaft: Jeder schaut für sich. Im Welthandelssystem würde das zu einer Katastrophe führen und nicht zu einer gerechteren Welt.