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VR-Präsident Walter Kielholz: So will die CS «überwintern»

Walter Kielholz, Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse, zu den Abbaumassnahmen im Investment Banking

«Kapital- und Ertragskraft unter Beweis stellen»


Die Credit Suisse muss entschieden ihre Kapital- und Ertragskraft unter Beweis stellen, argumentiert Verwaltungsratspräsident Walter Kielholz. Sie beschleunigt den Abbau im Investment Banking und legt im Rahmen der integrierten Bank ein verstärktes Gewicht auf das Private Banking.


—— Herr Kielholz, Sie sind seit zehn Jahren Verwaltungsrat der Credit Suisse. In dieser Zeit wurde die Investmentbank mehrmals umgebaut. Aktionärswert wurde aber keiner geschaffen. Wie viel Zuversicht haben sie noch?

Das Geschäft wandelt sich dauernd, deshalb die Anpassungen. Seit dem Untergang von Lehman am 15. September hat sich das Umfeld für das Investment Banking fundamental geändert, wie wir es so nicht vorausgesehen haben. Die ganze Finanzwelt baut den Verschuldungsgrad beschleunigt ab, das macht einzelne Geschäftsfelder unattraktiv. Die Krise im Bereich der mit Vermögenswerten unterlegten Kreditprodukte ist so tiefgreifend, dass es einfach keinen Sinn macht, in diesem Segment weiterhin Kapazitäten zu halten, obwohl wir in Teilbereichen sogar marktführend waren.


—— Reden wir von zyklischen Veränderungen oder von strukturellen?

In den nächsten fünf Jahren gibt es unserer Meinung nach Geschäftsbereiche, die strukturell nicht mehr attraktiv sind, sei es, weil sie aus regulatorischen Gründen mit mehr Kapital unterlegt werden müssen, sei es, weil die Investoren gewisse Produkte nicht mehr nachfragen.


—— Ist das das Ende der Credit Suisse als Investmentbank?

Nein, aber es ist heute keine Frage mehr, dass das Investment Banking zukünftig im Wesentlichen im Rahmen von Universalbanken betrieben werden wird, sei es in Kombination mit einem starken internationalen Retail Banking oder wie im Fall der Credit Suisse mit einem globalen Private Banking. Das integrierte Modell hat sich als das einzig gangbare erwiesen.


—— Welchen Ertrag kann die Investmentbank der CS in den Jahren 2009/2010 erwirtschaften?

Unsere Investmentbank wird mit den verbleibenden Geschäftsbereichen im Jahr 2009 einen Ertrag erzielen, der ungefähr auf dem Niveau von 2005 liegen dürfte. Die Basis für diese Annahme sind die Leistungen der verbleibenden Investment-Banking-Aktivitäten in den vergangenen drei Jahren. Wir haben als erste Bank fundierte Planungsgrössen für das Investment Banking im geänderten Marktumfeld bekanntgegeben. Gleichzeitig reduzieren wir die Risiken weiter, um die Prognoseunsicherheit abzubauen.


—— Versprechen Sie nicht das Blaue vom Himmel? Die ‹neue› Investmentbank soll höhere Margen bei kleinerem Risiko bringen?

Wir werden mit den Erträgen der Investmentbank im Jahr 2009 etwa dort sein, wo wir vor den Boomjahren lagen. Dank des verbesserten Geschäftsmix und des tieferen Risikoprofils sollten wir über den Zyklus hinweg eine höhere Marge erzielen.


—— Bis in den Sommer hinein hat die Führungsspitze der Credit Suisse den Eindruck erweckt, ihre Investmentbank sei stabiler als diejenige der Konkurrenz. Wurde der Investor an der Nase herumgeführt?

Bis zum 15. September waren wir auch im Vergleich zur Konkurrenz sehr gut unterwegs. Wie man an der Entwicklung der risikogewichteten Aktiven sehen kann, ist die Credit Suisse seit Beginn der Krise daran, die Risiken zurückzufahren. In diesen schwierigen Märkten war das aber nur schrittweise möglich. Insgesamt hat die Credit Suisse trotz der nun erlittenen Verluste eine bessere Leistung gezeigt als die meisten vergleichbaren Finanzinstitute. Aber natürlich wurden wir von den Marktverwerfungen teilweise erfasst und können mit dem Erreichten nicht zufrieden sein.


—— Welche Risiken stecken jetzt noch in der Investmentbank?

Unser Eigenhandel und unsere identifizierten Problempositionen, beispielsweise bei den Geschäftsliegenschaften, beinhalten noch gewisse Risiken. Im Verhältnis zu unserer Eigenkapitalposition von rund 42 Mrd. Fr. sind unsere Risikopositionen von weniger als 15 Mrd. Fr. aber auch unter sehr negativen Szenarien nicht existenziell bedrohlich.


—— Was bedeuten die EBK-Richtlinien für die Credit Suisse?

Alle Geschäfte müssen mit mehr Kapital unterlegt werden. Folglich wird der Return on Equity sinken. Um diesen Effekt etwas abzufedern, gilt es ebenfalls, die Kosten zu senken.


—— Was liegt zukünftig noch drin punkto Return on Equity?

Sicher nicht mehr über 25%, wie in den letzten Jahren. In den nächsten Jahren werden gute Retailbanken vielleicht eine Eigenkapitalrendite von 10 bis 15% erreichen. Die niedrigeren Börsenbewertungen spiegeln gegenwärtig aber viel mehr die Unsicherheit, ob die Branche in den nächsten Jahren überhaupt Gewinne erzielen kann, und wenn Ja, in welcher Höhe.


—— Welche Leistung kann die CS bringen?

Über den Zyklus hinweg sollte die Credit Suisse dank dem grossen Anteil des Vermögensverwaltungsgeschäfts, das nicht kapitalintensiv ist, einen Return on Equity von etwa 20% erreichen, der über demjenigen von reinen Retailbanken liegen sollte.


—— Wie sieht Ihre Strategie im Private Banking aus?

Die Verbindung von institutionellen Dienstleistungen (Investment Banking und Asset Management) mit Privatkundendienstleistungen halte ich für ein gutes Geschäftsmodell. Wir stellen zusätzliche Kundenberater an und expandieren im Ausland. Ein reines Schweizer Offshore-Private-Banking allein kann nicht unser Wachstumsmodell sein.


—— Was passiert mit dem Asset Management? Dort haben sie ebenfalls Massnahmen in Aussicht gestellt.

Im herkömmlichen Anlagefondsgeschäft im Ausland verfügt die Credit Suisse nicht über die kritische Grösse. Wir stellen Überlegungen an, wie unser Geschäftsmodell anzupassen ist und werden informieren, sobald die Pläne spruchreif sind.


—— Die CS hat festgestellt, dass das Kundenverhalten und die Risikoeinschätzung der Kunden geändert haben. Inwiefern muss deshalb die Private-Banking-Strategie überdacht werden?

Im Private Banking findet ein Umdenken statt. Gefragt sind gegenwärtig einfachere Produkte, die Margen im Private Banking und im Asset Management werden sinken. Wenn wir die Nettomargen einigermassen halten wollen, müssen wir die Kosten senken. Wir sind aber in der Credit Suisse nicht der Meinung, dass die Kunden ewig risikoscheu bleiben werden. Besonders die institutionellen Anleger werden wieder gewisse Anlagerisiken eingehen müssen, wenn sie ihre Renditeversprechen einhalten wollen.


—— Wie beurteilen Sie die Tatsache, dass die grossen Banken der führenden Industrieländer mehr und mehr teilverstaatlicht werden?

In Europa ist ein gemischter Bankensektor eigentlich nichts Ungewöhnliches. In Italien wurden die Banken erst Ende der Neunzigerjahre privatisiert, in Frankreich wurden letztmals 1982 alle Banken verstaatlicht, in Deutschland sind viele Banken staatlich, ebenso in der Schweiz. In den USA sind staatliche Banken neu.


—— Fürchten Sie Wettbewerbsverzerrungen?

Es besteht natürlich die Gefahr, dass über die Zeit die Refinanzierung für diejenigen Institute schwierig wird, die über keine direkte Staatsgarantie verfügen. Gerade deshalb muss die Credit Suisse besonders entschieden Kapitalkraft und Ertragskraft unter Beweis stellen.


—— Wie gross ist das Risiko, dass die Credit Suisse von den US-Steuerbehörden in die Mangel genommen wird?

Wir wissen von keiner Untersuchung der US-Steuerbehörden gegen uns. Die US-Behörden scheinen dazu überzugehen das Crossborder Private Banking generell anzugreifen. Das US-Crossborder-Geschäft hat für die Credit Suisse eine geringe Bedeutung, und wir haben es streng im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben betrieben.


—— Wie sehen Sie die Zukunft des Bankgeheimnisses?

Der Druck auf das Bankgeheimnis wird zunehmen vor dem Hintergrund steigender Ansprüche an den Staat in einer wirtschaftlichen Krise und wegen des dadurch entstehenden Bedarfs an Steuereinnahmen. An diesen politischen Realitäten kommen wir nicht vorbei. Dennoch wird der Schutz der Privatsphäre auch im Bankgeschäft, damit meine ich das Bankgeheimnis, weiterhin im schweizerischen Recht verankert bleiben. Gleichzeitig ist es aber wichtig, dass wir Private Banking auch lokal an Standorten im Ausland betreiben.


—— Ist das Lohnsystem der CS zukunftsfähig?

Unser Topmanagement und die Managing Directors mussten einen bedeutenden Anteil ihrer variablen Entschädigung der Jahre 2004 bis 2007 in erfolgsabhängige Instrumente investieren. Weil die operative Leistung und die Entwicklung des Aktienkurses dieses Jahr so schlecht sind, mussten sie einen Grossteil davon zurückgeben. Zurzeit warten wir ab, was das Parlament in der Revision des Aktienrechts zur Salärfrage beschliesst. Zudem hat die EBK bzw. die Finma angekündigt, Richtlinien zur Kompensation zu erlassen. Auf dieser Basis werden wir allenfalls nötige Anpassungen vornehmen. Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass sich unser Entlöhnungssystem bewährt hat.


Interview: Monica Hegglin und Arno Schmocker