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Die Frau, die Zurich FS antreibt

Ex-Converium-Chefin Inga Beale coacht das Zurich-Tarifmodell und trainiert die Kostenstellen

Thomas Hengartner


Vielen in Erinnerung ist Inga Beale aus den Jahren 2006 und 2007, als sie Chefin des damals kotierten Rückversicherers Converium war. Seit 2008 wirkt die Britin in der erweiterten Geschäftsleitung von Zurich Financial Services. Vom Spitzenjob in die zweite Führungsetage umgestiegen zu sein, empfindet die 46-jährige Managerin nicht als Makel. Der Zurich-Konzern sei ja um ein Vielfaches grösser, sagt sie und lächelt vielsagend. Hier ist sie oberste Verantwortliche für die richtige Tarifierung der Schadenversicherungssparte sowie für das konzernweit ausgelegte Effizienzsteigerungsprogramm.


Dass Beale doch manches anders anpacken muss, ist aber durchaus zu spüren: «In Converium waren die Kunden andere Versicherungsunternehmen, also Fachleute, da konnte man rasch entscheiden und schnörkellos umsetzen». Das passte gut zu ihrer Art. «Ja, ich mag lange Abklärungen nicht», gibt sie zu.


In Zurich Financial gehe es zwar nicht gleich temporeich zu und her, aber deswegen längst nicht gemächlich, wie sie betont. «Hier haben wir mit unterschiedlichsten Kundenkategorien zu tun, von der Privatperson über den Gewerbebetrieb bis zum multinationalen Grosskonzern, und stehen somit viel mehr in der Öffentlichkeit». Geschäftliche Entscheide müssten dennoch auch hier zügig getroffen werden, aber – ebenso wichtig – gut ausgewogen sein.


Design für passende Struktur


Als Chief Underwriting Officer ist Beale Chefin über die versicherungstechnischen Tarife und damit zuständig für Risiko- und Preisdisziplin in der ganzen Zurich-Organisation – und diese ist in der Tat weitläufig: «Wir haben weltweit rund 7000 Underwriter». Dazu gehören Teams für die Offerterarbeitung komplexer Firmenversicherungen. Hier sind in intensiver Arbeit kundenspezifisch Szenarien zu Wahrscheinlichkeit und Ausmass von Schadensereignissen zu berechnen. «Der daraus abgeleitete Prämienbedarf, ergänzt um die Zielgewinnmarge, gilt dann intern als Grundpreis», erklärt Beale.


Dass sie und ihre Mitarbeitenden mit rigiden Tarifvorgaben zu Geschäftsverhinderern werden könnten, lässt Beale, die am Newbury College Kurse in Ökonomie, Mathematik und Rechnungslegung belegt hatte, nicht gelten. Sie, die ursprünglich Architektin hatte werden wollen, hat die Zusammenhänge analysiert und einem Architekten gleich ein Design für geeignete Strukturen und Formen gefunden: «Der Offertpreis bleibt Sache der Kundenverantwortlichen in den Marktgebieten». Wollten sie mit Sicht auf die Gesamtkundenbeziehung und das wettbewerbliche Umfeld unter den Grundpreis gehen, müssten sie die Zustimmung des Verkaufs- oder Länderleiters einholen.


In weit gefasster Auslegung war Beale schon vor ihrer heutigen Funktion für die Zurich-Gruppe tätig gewesen. Converium ist 2001 aus Zurich ausgegliedert worden, und der Konzern war daraufhin Kunde von Converium. Die Abspaltung der Rückversicherungsaktivitäten unter neuem Namen und die anschliessende Kotierung von Converium zählten zu den Massnahmen, mit denen die in finanzielle Schwierigkeiten geratene Zurich 2001 und 2002 saniert wurde.


Von den Besten «stehlen»


Nach nur sechs Jahren eigenständigen «Börsenlebens» wurde Converium vom französischen Konkurrenten Scor mit einer Übernahmeofferte eingedeckt. Beale, die nach mehreren Karriereschritten für die britische Prudential und für GE Insurance Solutions 2006 an die Spitze des jungen Rückversicherers gewechselt hatte, kämpfte für eine unabhängige Entwicklung. Als das nicht gelang, entschied sie sich gegen eine neue Funktion innerhalb der Scor-Gruppe.


Von Zurich, bzw. deren damaligem Chef James Schiro, liess sie sich jedoch für ein neues Engagement begeistern. «Das hat auch mit der Stadt Zürich zu tun», sagt sie, «denn von den vielen Orten auf der Welt, an denen ich gearbeitet und gelebt habe, gefällt es mir hier am besten».

Zu den Aufgaben, die sie in ihrem Büro mit Blick auf den Arboretum-Park und das Hafenbecken des Zürichsees zu erfüllen hat, gehört auch das Effizienzsteigerungsprogramm «The Zurich Way». Der Kostenblock von Sach- und Haftpflichtversicherern wie Zurich macht rund ein Viertel der entsprechenden Prämieneinnahmen aus. Hier zu optimieren, bringt Wettbewerbsvorteile und Gewinnchancen.


Wesentliche Ansatzpunkte seien Standardisierungen, die Elimination von Doppelspurigkeiten und interner Wissenstransfer. «Die Erfolgs-Tricks der Kollegen aus anderen Konzernteilen zu übernehmen – quasi Wissen zu stehlen –, ist in unserer Organisation offiziell erwünscht», sagt Beale, «also sorgen wir dafür, dass es möglichst oft geschieht».


Am Rugby-Sport orientiert


Dieses interne Lernen und Verbessern will Beale vorantreiben: «Wir dürfen nie selbstzufrieden werden». In dieser Einstellung kommt ihre Passion für den Rugby-Sport gut zum Ausdruck. Nicht begnadete Einzelkämpfer, sondern die Teamleistung bestimmten in dieser Sportart über Erfolg oder Misserfolg. «Und gut ist ein Rugby-Team – wie im übertragenen Sinn auch ein Unternehmen wie unseres – nur, wenn es einige besonders kräftige, ein paar ganz schnelle und zusätzlich auch den einen oder anderen überragend grossen oder äusserst vifen Mitspieler in den eigenen Reihen hat», erklärt Beale. Sie muss es schliesslich wissen, war sie doch in jüngeren Jahren in England selbst eine ambitionierte Rugby-Spielerin.



Zurich beweist Starqualitäten


Die seit der ersten Februar-Woche bekannten Geschäftszahlen von Zurich Financial Services belegen die Fitness des Schweizer Versicherungsmultis: Aus gut 3% Mehreinnahmen von 53,8 Mrd. $ blieb ein 6% höherer Gewinn von 3,2 Mrd. Den Aktionären wird die Wiederaufstockung der Dividende auf 16 Fr. je Aktie vorgeschlagen (vgl. FuW Nr. 10 vom 16. Februar).


Nicht unwesentlichen Anteil am guten Ergebnis haben die intern ausgerichteten Massnahmen, die im oben stehenden Artikel ausführlich beschrieben sind. In allen wesentlichen Betriebsteilen – vom Vertrieb über die Tarifierung bis zur Abwicklung der Schadenmeldungen – werden Optimierungen vorangetrieben. Die Effizienzsteigerungen übertrafen 2009 die Vorgabe von 900 Mio. $ klar. Für dieses und das nächste Geschäftsjahr strebt Zurich weitere operative Verbesserungen in ähnlicher Grössenordnung an.


Dank dieser Anstrengungen zählt Zurich in der Branche zu den Besten. Der Konzern trimmte im vergangenen Jahr den Kosten-Schaden-Satz von 98,1 auf 96,8% der Einnahmen. Die französische Axa hingegen legte in der vergangenen Woche einen ungünstigen Schadenverlauf offen. Ihre Gesamtkostenquote verschlechterte sich von 95,5 auf 99% der erhaltenen Prämien.


Auch an der Börse haben die Zurich-Aktien die Nase vorn (vgl. Chart). Die Papiere notieren zum 1,2fachen des ausgewiesenen Buchwerts. Axa hingegen werden lediglich auf dem 0,7fachen des Eigenkapitals bewertet. Zurich kann allerdings mit dem Geschäftsführungsauftrag für die amerikanische Farmers-Versicherung einen lukrativen und zugleich kapitalschonenden «Nebenverdienst» vorweisen. Die im Branchenvergleich überdurchschnittliche Einstufung der Aktien hat somit einen guten Grund.

TH