«Alle Städte sind gleich, nur Venedig is e bissele anders», sagt die Tante Jolesch in Friedrich Torbergs nach ihr betitelter Anekdotensammlung. Die Lagunenstadt ist in der Tat ohnegleichen. Will man der Legende Glauben schenken, so ist sie nun exakt 1600 Jahre alt: Am 25. März 421 soll der Grundstein für den Bau von San Giacomo di Rialto gelegt worden sein; um diese Kirche herum sei dann die Stadt herangewachsen – eher gut erfunden als wahr? So oder so: Venedigs Beitrag zur europäischen Geschichte und Kultur ist nicht zu überschätzen; die stolze Pose des Markus-Löwen (in Venedig fliegen die Löwen und die Tauben watscheln zu Fuss) zeigt es. Freilich blickt er auf Glorie von gestern hinunter: Schon Napoleon liquidierte, was von der Stadtrepublik noch übrig war, deren Handels- und Kriegsflotten einst die Adria und das östliche Mittelmeer beherrscht hatten. «La Serenissima Repubblica di San Marco» war eine Grossmacht, sie verband Westeuropa mit der byzantinischen bzw. dann der osmanischen Welt. Heute ist die Serenissima ein Relikt, wenngleich ein magisches. Sobald die Seuche vorüber ist, wird das Touristenfussvolk wieder grelle Kontraste in die doch so aristokratischen Gassen und Kanäle hineintragen.