Unternehmen / Schweiz

1970 bis 1979 Das Schweizer Bankenwesen im Umbruch

Nicole Rütti

Von Leo Schuster

Ein Rückblick auf die Siebzigerjahre zeigt, dass bereits damals zu Recht vom grossen Wandel gesprochen werden konnte. Das trifft sowohl auf die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung als auch auf die Bankenwirtschaft zu. Gekennzeichnet ist dieser Zeitabschnitt durch den zunehmenden Dirigismus zu Lasten von Liberalismus und Deregulierung, durch ordnungspolitische Grundsatzdiskussionen und die Abwehrhaltung und Defensive des Staats sowie der Banken. In diesem Jahrzehnt wurde mancher Grundstein für die spätere bankwirtschaftliche Entwicklung gelegt. Das war damals nicht abzusehen, ist aber heute längst zur Realität geworden, wie Securitisation (Verbriefung), Desintermediation, Globalisierung und Computerisierung belegen.
Das Jahrzehnt der Siebziger begann mit einer inflationären Hochkonjunktur und einer optimistischen Stimmung in der Wirtschaft, die zweistellige Wachstumsraten aufwies. Der erste ökonomische Paukenschlag ertönte allerdings bereits am 15. August 1971, als die Konvertibilität des Dollar suspendiert wurde und in der Folge das System fester Wechselkurse 1973 endgültig zusammenbrach. Mit der Einführung flexibler Wechselkurse konnte die Notenbank von diesem Zeitpunkt an ihre Geldpolitik autonom bestimmen und die Geldmenge wirksamer kontrollieren. Das war im vorangegangenen Regime der festen Wechselkurse nicht möglich.
Mit der ersten grossen Erdölkrise von 1973/74 folgte der zweite weltpolitische Paukenschlag. Die Krise verursachte Mitte der Siebzigerjahre einen Bruch im Wachstumstrend. Die Konsequenzen waren die Schuldenkrise vor allem der lateinamerikanischen Länder, eine weltweite Rezession, die verminderte Konsumneigung, eine fehlende Investitionsbereitschaft und das bis dahin eher unbekannte Phänomen der Stagflation, das heisst eine wirtschaftliche Stagnation mit gleichzeitigen Inflationserscheinungen. Zur Abwehr der damit einhergehenden Konsequenzen nahmen die Schweizer Stimmbürger 1978 – in einem zweiten Anlauf – den Konjunkturverfassungsartikel an, der eine wirksamere Konjunkturpolitik ermöglichte.

Am Gängelband der Politik

Aus heutiger Sicht wird dieser Periode mehr Stabilität zugeordnet, als dies tatsächlich der Fall war. Die seit einiger Zeit überbordende Fusionsmanie konnte zwar damals noch nicht einmal erahnt werden. Die Zahl der Banken war im Wesentlichen stabil, und durch die Expansion der Grossbanken verzeichnete die Zahl der Filialen sogar einen namhaften Zuwachs. Es handelte sich um einen strategischen Sündenfall, der später nur unter Inkaufnahme von Opfern korrigiert werden konnte.
Die Banken wurden in dieser Phase am Gängelband der Politik geführt. Zu Beginn der Siebzigerjahre schränkte eine Reihe dringlicher Bundesbeschlüsse zum Schutz der Währung und zur Abwehr ausländischer Gelder ihren Aktionsradius ein. Die Aufnahme von Geldern aus dem Ausland war bewilligungspflichtig, es bestand ein Verzinsungsverbot, und ausländische Frankenguthaben wurden zu einem negativen Satz verzinst. Darüber hinaus führte der Kreditbeschluss und die daraus resultierende Kreditplafonierung, die teilweise rückwirkend eingeführt und erst 1975 wieder aufgehoben wurde, zu systemwidrigen Wettbewerbsverzerrungen.
Der Gesetzgeber entwickelte in diesem Jahrzehnt verschiedene Aktivitäten. Das Bundesgesetz über die Banken und Sparkassen vom 8. November 1934 wurde am 11. März 1971 teilrevidiert, und die dazugehörende Verordnung erfuhr am 17. Mai 1972 eine Totalrevision.
Dennoch gab es im schweizerischen Bankensystem mehrere Schwachstellen, die erst später ausgemerzt wurden. Dazu gehörte die Organisation der Bankenaufsicht, deren personeller Ausbau erst 1980 abgeschlossen wurde. Die Banken ihrerseits hatten Nachholbedarf bei den Führungsinstrumenten. Vor allem die Risikopolitik hätte nach der Einführung der flexiblen Wechselkurse und mit der Lancierung der ersten derivativen Finanzinstrumenten wie Zins-Futures und Swaps eine Erweiterung benötigt. Die Finanzinstitute begannen auch erst Mitte dieses Jahrzehnts, eine Kostenrechnung zu etablieren. Bis dahin war nur das Prinzip der Mischrechnung, das heisst die Quersubventionierung von Kunden und Geschäften praktiziert worden. Ausserdem existierten Lücken in der Statistik. Insbesondere in den wichtigen Bereichen der Vermögensverwaltung sowie in Geld- und Devisengeschäften bestand keinerlei Transparenz, was zur Thematisierung der vermeintlichen oder tatsächlichen Macht der Banken führte.

Der Chiasso-Fall

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel erschien 1976 das Buch «Eine Schweiz – über jeden Verdacht erhaben» von Jean Ziegler, damals Genfer Nationalrat und Professor, in dem die Bankiers mit Banditen verglichen und den Schweizer Banken die Funktion von Hehlern zugeordnet wurde. Während die Diskussion zu diesem Buch noch im Gange war und die öffentliche Meinung polarisierte, ereignete sich 1977 – von den Kritikern der Banken gleichsam als Bestätigung der Thesen Zieglers verstanden – der so genannte Chiasso-Fall. Auf Grund seiner Dimensionen hatte dieser Fall von Wirtschaftskriminalität der Schweizerischen Kreditanstalt, den diese allerdings aus eigener Kraft bereinigte, weit reichende Systemdiskussionen zur Folge.
Nicht nur für die Sozialdemokratische Partei lieferte dies ein Beweis dafür, dass der Finanzplatz unkontrolliert, überdimensioniert und zu einem Staat im Staat geworden war. Ausserdem wurde eine völlig neuartige Diskussion entfacht über die Unvereinbarkeit von Finanzplatz und Werkplatz Schweiz, mit dem Vorwurf an ersteren, er vernichte Arbeitsplätze.
Obwohl die Schweizerische Bankiervereinigung im Juli 1977 als direkte Antwort und Reaktion auf den Chiasso-Fall mit einer «freiwilligen Sorgfaltspflichtvereinbarung der Banken gegen die missbräuchliche Verwendung des Bankgeheimnisses» reagierte, lancierte die Sozialdemokratische Partei ein Jahr später ihre Bankeninitiative. Es dauerte sechs Jahre, bis die Initiative, die auf die Redimensionierung sowie Entflechtung der Banken ausgerichtet war und die Macht der Finanzinstitute einschränken wollte, zur Abstimmung gelangte und vom Volk und den Ständen verworfen wurde. Abgesehen von diesen politisch einmaligen Vorgängen, die die Führungskräfte der Schweizer Banken weitgehend absorbierte, wurden mit der Expansion des Massengeschäfts, der Förderung der Kapitalmarktorientierung, der Internationalisierung und der Computerisierung wesentliche bankpolitische Weichenstellungen in Angriff genommen.
Durch den Ausbau ihrer Filialen und durch die Erweiterung des Sortiments stiegen die Grossbanken in das breite Massengeschäft ein und lieferten damit den Kantonal- und Regionalbanken, die dieses Geschäft bis dahin tätigten, einen harten Verdrängungswettbewerb. Ausserdem beschritten die Finanzinstitute damals den Weg vom klassischen bankorientierten Intermediationsgeschäft, der über die Bankeinlagen zu den Bankkrediten führte, hin zur kapitalmarktgetriebenen Securitisation. Die Konsequenzen daraus sind heute in der Aufwertung der Wertpapierfinanzierung und der Shareholder-value-Orientierung offenbar geworden.
Noch in den Siebzigerjahren beteuerten die Grossbanken, dass sie Schweizer Institute sein und bleiben wollten, obwohl sie damals schon etwa die Hälfte ihres Geschäfts und ihrer Ergebnisse im Ausland generierten. Inzwischen sind sie multinationale Konglomerate geworden, was angesichts der weltweiten Globalisierung und der Struktur des Finanzplatzes mit grosser ausländischer Präsenz und Konkurrenz nicht zu umgehen war. In jener Zeit wäre ein «Grössen-Rally» durch Fusionen, wie es heute stattfindet, unverständlich und politisch unmöglich gewesen. Erinnert sei an ein kleines, aber feines Institut – damals die Hausbank von Nestlé – namens Handelsbank in Zürich, die zum Verkauf gestanden hatte. Sie durfte aus politischer Rücksichtnahme von keiner Schweizer Grossbank übernommen werden und fiel dann an einen britischen Konkurrenten.
Die Schweizer Banken hatten in dieser Zeit nicht nur hausgemachte Probleme. Mit dem Erdölpreisschock gerieten sie in die Rolle der Finanzvermittler für die Entwicklungsländer. Es fiel ihnen die Aufgabe des «Recyclings» von Petrodollars zu, eine Funktion, deren Schwierigkeit und Konsequenzen heute schon weitgehend vergessen sind. Damit ging eine Änderung der Finanzströme einher, da die Erdölländer ihre Überschüsse in den privaten Bankensystemen anlegten, die diese dann an die Regierungen der Defizitländer weiterreichten. Dort wurde das Kapital allerdings weniger für produktive Investitionen, sondern im Wesentlichen zur Deckung der Ertragsbilanzdefizite eingesetzt. Hinzu kommt, dass die vorwiegend kurzfristigen Mittel keine fristenkongruente Anlage fanden, was schliesslich zur Schuldenkrise führte und 1982 in der Zahlungsunfähigkeit Mexikos kulminierte. Dieser Text ist für Abonnentinnen und Abonnenten reserviert. Digital 5 Wochen ab CHF 20.– Jetzt testen Bereits abonniert?