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«2013 war vor allem strategisch wichtig»

Marc Bürki, CEO von Swissquote, sieht den Online-Broker in der Topliga etabliert und hofft auf substanzielle Synergien aus dem Kauf des Devisenhändlers MIG. Dies erläutert er im Interview mit «Finanz und Wirtschaft».

Marc Bürki, CEO des grössten Online-Brokers der Schweiz, spricht im Interview mit «Finanz und Wirtschaft» über das Handelsverhalten seiner Kunden sowie deren Sicht auf die Märkte. Für Swissquote (SQN 83 -1.43%) selbst sei das abgelaufene Jahr in Bezug auf Gewinn trotz Börsenhausse wenig spektakulär verlaufen, sagt er. Die Online-Bank habe sich dafür mit dem Zukauf des Devisenhändlers MIG im Herbst in die weltweite Topliga vorgearbeitet. Swissquote wird durch den Erwerb von MIG ihren Gesamtertrag (2012: 111 Mio. Fr.) deutlich um rund 40 Mio. Fr. erhöhen. Und Grössenvorteile sollen schon 2014 deutliche Synergie­gewinne greifbar werden lassen.

Herr Bürki, wie verhalten sich Ihre Kunden? Herrscht Optimismus vor oder Skepsis?
Viele unserer Kunden fahren seit 2008 eine ähnliche Strategie: Sie haben den Einbruch nach der Finanzkrise ausgesessen und warten auf mehr Zuversicht im Markt. Im Rückblick erweist sich das als gute Strategie. Die meisten Portfolios haben sich erholt. Wir verzeichnen einen ­Rekordstand bei den Depotvermögen. ­Davon ist ein grosser Teil der Kursperformance zu verdanken.

Die Trägheit hält trotz Börsenhausse an?
Auf der Handelsseite ist die Aktivität noch immer gering. Seit 2012 hat sie sich zwar erholt. Mit durchschnittlich zwölf bis dreizehn Transaktionen pro Kunden und Jahr ist sie allerdings noch immer tief, verglichen mit 2007/08, als die Anzahl Trans­aktionen rund doppelt so hoch war – dies trotz Börsenhausse. Unsere Kunden verhalten sich konservativ. Ein Teil des Vertrauens in Wertschriften und das System an sich ist verloren gegangen, und es braucht Zeit, wieder genügend Zuversicht für die Wirtschaft aufzubauen.

Die Barbestände sind weiterhin hoch?
Ja, es wird nach wie vor viel Bargeld gehalten. Die Barbestände machen bei unseren Trading-Kunden fast ein Viertel aus. Von den gut 10 Mrd. Fr. an Assets, die wir ­gesamthaft verwalten, liegen rund 3 Mrd. Fr. in bar auf unserer Bilanz.

Sehen Sie einen Trend?
Wir sind in einer spannenden Zeit. Unsere Kunden rechnen mit einer Korrektur am Markt und steigen aus. Vor Weihnachten erachteten viele den Moment für gekommen, einen Teil der guten Gewinne mitzunehmen. Allgemein wird mit einem Zinsanstieg und damit einer Konsolidierung an den Aktienmärkten gerechnet. Man hofft fast auf eine «gute Korrektur», damit man von neuem investieren kann.

Wie wirkt sich das Kundenverhalten auf den Geschäftsgang von Swissquote aus?
Bezüglich Gewinn wird das vierte Quartal wenig spektakulär ausfallen, genauso wie das Gesamtjahr. Wir haben im dritten Quartal die vollen Integrationskosten für die Übernahme des Online-Devisenhändlers MIG verbucht. Nach Steuern waren das rund 10 Mio. Fr. Darin enthalten sind auch 1,5 Mio. für allfällige Kosten im Zusammenhang mit dem US-Steuerstreit. Ausserdem haben wir 1 Mio. für die Abgeltungssteuer mit Grossbritannien zurückgelegt. Aus Rentabilitätssicht kann man das Jahr vergessen. 2013 war vor allem strategisch wichtig. Mit dem Erwerb von MIG haben wir uns in der Topliga positioniert. Das vierte Quartal war von der Integrationsphase geprägt. 2014 werden wir versuchen, Gewinn daraus zu ziehen.

Und die Dividende?
Die Dividende wird sich auf dem Niveau der Vorjahre bewegen, allerdings nicht das Ausschüttungsniveau von 2012 erreichen, als wir eine einmalige Kapitalrückzahlung vornahmen. Investoren dürfen 50 bis 60 Rappen pro Aktie erwarten.

Ist dies ein Ausdruck von Zuversicht?
Mit der Übernahme von MIG im Herbst werden die Forex-Aktivitäten, also der Handel unserer Kunden mit Devisen, künftig rund die Hälfte zum Gruppen­ertrag beitragen, gleich viel wie die Trading-Aktivitäten mit Wertschriften. Synergiegewinne werden aber bereits im ­laufenden Jahr einen deutlichen Zusatzbeitrag an das Ergebnis leisten.

Können Sie den Grössenvorteil beziffern?
Beide Geschäftsbereiche, also Forex und Trading, stützen sich auf die Kernplattform und unsere Banklizenz ab. Das Ziel ist, mit der Integration von MIG beide Sparten gleich profitabel zu machen. Auf Gruppenebene erzielen wir eine Bruttomarge von rund 25%. Wir wollen auf den 40 Mio. Fr. Ertrag, die MIG jährlich erwirtschaftet, bereits 2014 unsere durchschnittliche Marge von 25% generieren Wenn wir die beiden IT-Systeme verschmolzen haben, streben wir in einer zweiten Synergiephase an, die Bruttomarge im Forex auf mittelfristig 50% zu steigern.

Das klingt ambitioniert.
MIG betreibt ein anderes Businessmodell als Swissquote und war bisher nur knapp profitabel. Sie agierte im Devisengeschäft direkt als Gegenpartei der Kunden und nahm den Handel auf ihr Nostrobuch. Swissquote dagegen ist reine Vermittlerin. Wir geben die Aufträge eins zu eins an den Markt weiter, und zwar an Banken, die Liquidität zur Verfügung stellen. Dabei verdienen wir eine Marge. Das ist ein viel stabileres Geschäftsmodell. Insgesamt ergibt sich damit eine grössere Rentabilität als beim Ursprungsmodell von MIG. Zudem wird Eigenkapital nicht zu einem limitierenden Faktor für weiteres Wachstum.

Aber Devisenhandel bleibt ein Kasino. Müssen Sie in dem Bereich nicht immer wieder neue Kunden akquirieren, weil die bestehenden ihren Einsatz verspielt haben?
Es ist geteilt. Wir haben Kunden, die regelmässig Gewinn erzielen – nicht mehr und nicht weniger als mit den traditionellen Börsenprodukten. Es gibt aber auch andere, die ein höheres Risiko fahren. Die Kunden können selbst entscheiden. Wenn sie den ganzen Hebel nutzen – also den Hebel von hundert, den wir maximal zur Verfügung stellen –, sind sie der Volatilität des Produkts voll ausgesetzt. Auch wenn sie immer auf den richtigen Trend setzen, gibt es in Währungspaaren immer wieder kurzfristige Schwankungen. Bei vollem Hebel kann es passieren, dass schon bei kleinen Schwankungen Positionen geschlossen werden, und zwar im für den Kunden dümmsten Moment.

Wer sind die Kunden?
Meist Retail-Kunden – nach Anzahl rund 80%. Wir haben aber auch Vermögens­verwalter, kleinere Banken, die zu denselben Konditionen keinen anderen Zugriff auf Liquidität haben, sowie Hedge Funds und institutionelle Kunden. Volumenmässig bestreiten die Institutionellen etwa die Hälfte der Abschlüsse, aber natürlich nicht zu der für uns gleichen Rentabilität.

Neben dem Devisen- und dem Aktien­handel offeriert Swissquote auch E-Private-Banking. Lohnt sich das überhaupt?
Wir haben drei Ertragspfeiler: das Geschäft mit Trading, Forex sowie als dritte Einnahmequelle die Bilanz, also den Erfolg aus dem Zinsdifferenzgeschäft. Das ­E-Private-Banking ist eine Zukunftsvision, deren Ertrag noch sehr bescheiden ist. Wir verwalten für ein paar hundert Kunden Gelder im Umfang von insgesamt rund 30 Mio. Fr. Über die nächsten zwei, drei Jahre wird der Bereich unsere Zahlen nicht stark beeinflussen. Aber wir wollen das E-Private-Banking weiterentwickeln. Ich bin überzeugt, das Angebot wird in fünf bis zehn Jahren bei vielen Banken Standard sein.

Wo sehen Sie Wachstumschancen?
Der Wachstumsbereich Nummer eins ist das E-Forex. Der Markt ist global, und wir haben Kunden überall auf der Welt. Unsere Forex-Schnittstellen bieten eine interessante Entwicklungsmöglichkeit im Ausland. Beispielsweise haben wir in ­Dubai eine Filiale für unseren Devisenhandel in der Golfregion. Mit derselben Lizenz lancieren wir nun zusätzlich einen kosteneffizienten Vertrieb unserer Trading-Angebote, die wir an die lokalen ­Bedürfnisse angepasst haben. Im euro­päischen Ausland ist es aber schwierig, andere Banken in diesem Bereich effektiv zu konkurrenzieren.

Gibt es Alternativen?
White Labeling ist eine Strategie, die wir fahren. Wir beabsichtigen, unsere Dienstleistungen ausländischen Banken zur Verfügung zu stellen, die mit einem Online-Angebot an den Markt gehen und dafür die neuesten Technologien haben wollen. Die Schweiz bietet für die Swissquote-­eigenen Angebote noch Potenzial – ich würde dies auf rund 40 000 zusätzliche Kunden schätzen. Dann dürfte das Limit im Trading-Geschäft allerdings erreicht sein. In diesem traditionellen Bereich ist man faktisch auf den jeweiligen Heimmarkt beschränkt. Jetzt haben wir rund 160 000 Kunden und streben im Schweizer Online-Trading einen Marktanteil von ungefähr 50% an.

Geht die Konsolidierung weiter?
Es gibt noch immer sehr viele Forex-­Anbieter. Die Konsolidierung läuft. Aber die Topliga ist mittlerweile recht stabil – inklusive Swissquote. Vor uns stehen die amerikanische FXCM, die dänische Saxo Bank, Alpari aus Zypern, die Londoner IG Group (IGG 784.5 2.21%) und Gain Capital aus den USA. Diese grossen Anbieter decken 70 bis 80% des Marktes ab. Player mit einem Handelsvolumen von unter 50 Mrd. $ werden hingegen entweder aufgekauft werden oder vom Markt verschwinden.

Wird Swissquote mitmischen?
Wir haben uns viele Übernahmekandidaten angeschaut. Das Hauptproblem aber sind die hohen Anforderungen der Schweizer Bankenregulierung. Bei einigen Konkurrenten könnten wir einen grossen Teil der Kundenbeziehungen gar nicht weiterführen. Dies war einer der Vorteile bei der Übernahme von MIG, die bereits über eine Schweizer Banklizenz verfügte und dem hiesigen Standard gerecht wurde.

Wo steht Swissquote im US-Steuerstreit?
Nach Prüfung unseres Geschäftsmodells und unseres Kundenstamms haben wir entschieden, nicht als Kategorie-2-Bank am US-Programm mitzumachen. Dies haben wir der Finma fristgerecht mitgeteilt. Swissquote hat ein spezielles Geschäftsmodell. Wir betreiben weder traditionelles Private Banking, noch haben wir Kundenberater, noch haben wir unsere Dienstleistungen in den USA vermarktet. Jetzt stellt sich noch die Frage, ob wir in Kategorie 3 gehen oder gar nicht teilnehmen.

Eine Risiko-Kosten-Abwägung?
Richtig. Die Teilnahme am Programm als Kategorie-3-Bank ist sehr aufwendig. Die Unsicherheit, was genau geprüft werden muss, ist zudem weiterhin gross. Es gibt Fragezeichen links und rechts. Unsere Entscheidung zur Teilnahme am Programm als Kategorie-3-Bank ist noch ­offen. Und wir haben dafür auch noch Zeit bis Oktober.