Meinungen

ABB kämpft gegen die Komplexität

Der Technologiekonzern macht zwei Weichenstellungen. Die Gefahr, dass der Umbau vom operativen Geschäft ablenkt, ist gross. Ein Kommentar von FuW-Ressortleiterin Claudia Lanz-Carl.

«Der Umbau könnte neue Begehrlichkeiten im Unternehmen wecken, was Posten und Kompetenzen angeht.»

Das Jahr 2018 sollte für ABB (ABBN 23.67 0.38%) «The New Normal» werden, nach dem Übergangsjahr 2017. Doch jetzt baut der Automations- und Elektrotechnikkonzern das Unternehmen weiter um. Nicht nur der Verkauf der Stromnetzsparte, der von kritischen Aktionären seit Jahren gefordert wird, steht dabei im Fokus, sondern auch die Abkehr von einer Matrixstruktur, die sich als komplex und kostenintensiv erwiesen hat.

ABB gibt den Geschäftsbereichen mehr Eigenverantwortung, Aktivitäten mit Kunden und lokale Aufgaben werden künftig dort geleitet und nicht mehr durch regionale Mitglieder im bisher elfköpfigen Top-Management. Eine Reduktion der Komplexität in einem vielschichtigen Konzern ist sinnvoll. ABB hat viel zu lange an der von Ex-CEO Percy Barnevik eingeführten Matrix festgehalten.

Sinnvolle Fokussierung

Gleichzeitig findet die Stromnetzsparte beim japanischen Hitachi-Konzern eine neue Heimat. Die Transaktion soll bis Ende des ersten Halbjahres 2020 abgeschlossen werden. Hitachi hat bereits seit 2015 ein Joint Venture mit ABB im Bereich Hochspannungs-Gleichstrom-Systeme, wobei technische Komponenten und Know-how von ABB kommen. Die Fokussierung auf zukunftsträchtige Aktivitäten ist nicht nur im Fall des Schweizer Traditionskonzerns ABB sinnvoll, global sind Konglomerate auf dem Rückzug.

Künftig wird ABB aber nicht aus den drei bisherigen Sparten Elektrifizierungsprodukte, industrielle Automation sowie Robotik und Antriebe bestehen, sondern vier neue Sparten bilden: Elektrifizierung, Industrieautomation, Robotik und Fertigungsautomation sowie Antriebstechnik. Dieser Umbau könnte neue Begehrlichkeiten im Unternehmen wecken, was Posten und Kompetenzen angeht.

Aktionäre brauchen Geduld

CEO Ulrich Spiesshofer, der seine Vorgänger Joe Hogan, Fred Kindle und Jürgen Dormann mit gut fünf Jahren Amtszeit überholt hat, will «eine neue ABB schaffen». Wie viel Zeit er damit gewinnen kann, ist offen. Denn die Aktionäre werden erst nach Abschluss der Transaktion in den Genuss der 7,6 bis 7,8 Mrd. $ Nettoerlös kommen. Bereits in der Vergangenheit brauchten sie viel Geduld. Seit dem Amtsantritt Ulrich Spiesshofers 2013 sind die ABB-Valoren nicht von der Stelle gekommen.

Verwaltungsrat und Management haben sich trotz des Umbaus ambitionierte mittelfristige Ziele gesetzt. Falls ABB der Versuchung erliegt, neue Komplexität aufzubauen, und bis 2020 vor allem mit sich selbst beschäftigt ist, wird das schwierig.

Leser-Kommentare

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Aloys K. Osterwalder 17.12.2018 - 19:34
Die Matrixstruktur ist sehr schwierig zu managen und erfordert erstklassige Führungskräfte mit Kompromissbereitschaft und Einfühlungsvermögen – ist aber meist sehr markt- und kundennah. Eine vertikalisierte Struktur benötigt eine gewisse Grösse und Dominanz pro Geschäftsbereich, um sich weltweit behaupten zu können. In der Übergangsphase kann es zu enormen internen Machtkämpfen, Verlusten von Marktpositionen und schlechter Wirtschaftlichkeit führen. Ich habe dies hautnah… Weiterlesen »