ABB stand im Verlauf ihrer bewegten Geschichte immer wieder unter Druck. Jetzt ist wieder so eine Zeit. 2018 muss der Elektrotechnik- und Automationskonzern seine chronische Wachstumsschwäche überwinden. Der Druck kommt etwa seitens unzufriedener Grossaktionäre wie Cevian oder Artisan Partners.

Nach zwei Jahren relativer Ruhe fordern sie wieder die Aufspaltung des Konzerns. ABB sei zu komplex und schwerfällig, so die Investoren. Der seit 2013 amtierende CEO, Ulrich Spiesshofer, hält indes an der Konglomeratsstruktur fest und sieht ABB in richtiger Verfassung, um Wachstum und Aktienkurs zu befeuern.

Der Traditionskonzern will bis 2020 den Umsatz im Jahresdurchschnitt bis 6% vergrössern und die Betriebsmarge (Ebita) auf bis zu 16% ausweiten. Bis dahin ist es ein weiter Weg. Im ersten Quartal wuchs der Umsatz nur 1%, die Marge stand bei 12%.

Derweil schaffen es die Aktien nicht, sich längere Zeit über der psychologisch wichtigen Marke von 25 Fr. zu halten. Avisiert sind 35 Fr. Das ist der Wert, den die Grossinvestoren fordern, der aber auch von Spiesshofer als erreichbar erachtet wird.

Erholung nicht mitgemacht

Der ehemalige Strategieberater hat vieles in Bewegung gesetzt, um ABB fit zu trimmen: Sparprogramme durchgepeitscht, Strukturen vereinfacht, das Lohnsystem angepasst. Er hat das Portfolio mit Zukäufen wie dem Automationsspezialisten B&R und GE Industrial Solutions arrondiert. Aus eigener Kraft wird ABB nicht zu Wachstum zurückfinden. Als Anbieterin von Energie- und Industrie-Infrastruktur ist ABB zyklisch, und damit von der konjunkturellen Grosswetterlage abhängig.

Doch obschon sich die wirtschaftliche Lage fast überall deutlich aufgehellt hat, machte ABB die Erholung nur bedingt mit. Der Auftragseingang entwickelte sich im letzten Quartal zwar wieder positiv (+6%), Grossaufträge mit Volumen von über 15 Mio. $ bleiben aber Mangelware. Sie machten nur ein Zehntel des Auftragsvolumens aus. Anfang 2015 waren es noch 23%. Ermutigend ist, dass der Auftragsbestand nach oben weist.

ABB geht davon aus, dass grössere Investitionen, mitunter in den Prozessindustrien (besonders Öl und Gas), ab der zweiten Jahreshälfte anziehen und auch bei ABB landen werden. Gemäss UBS sind auch die Chancen intakt, dass sich die Nachfrage im Stromübertragungs- und -verteilungsgeschäft verbessert, getrieben hauptsächlich von Infrastrukturprojekten in  Indien und China. Das dürfte sich positiv auf die Divisionen Stromnetze und Elektrifizierungsprodukte auswirken. Sie machen zusammen rund 57% des Konzernumsatzes aus.

Trotz Ausbau des Automations- und Robotik-Geschäfts unter Spiesshofer ist eine Wachstumsbeschleunigung des Konzerns ohne wesentlichen Beitrag der Strom-Divisionen kaum vorstellbar.  Die Sparten Stromnetze und Elektrifizierungsprodukte sind ABBs Ursprung und haben das Renommee des Konzerns begründet.

Doch mit einem Umsatzrückgang von zuletzt 4% und der konzernweit schwächsten Ebita-Marge von 9,7% gibt besonders die Stromnetz-Division Anlass für Portfolio-Diskussionen. Nicht nur die europäische Konkurrenz (Siemens,  Schneider Electric) ist ungemütlich; Gegenspieler aus China, Südkorea und Indien drücken zusätzlich auf die Marge. Die Sparte Elektrifizierungsprodukte, die alles von Niederspannungstechnik bis zur eMobil-Ladestation anbietet, ist margenträchtig. Derzeit ist sie aber damit beschäftigt, GE Industrial Solutions zu integrieren. Die neue Einheit ergänzt die Produktpalette in der Mittelspannung und verbessert die Präsenz im US-Markt. Doch sie bedarf einer umfassenden Fitness-Kur.

Im frühzyklischen Geschäft spielt für ABB besonders das Vorzeigegeschäft Robotik den Wachstumsmotor. Im ersten Quartal wuchs der Umsatz der Sparte Robotics and Motion 8%, bei einer Betriebsmarge von über 15%.  Die Robotik macht aber lediglich 7% des Konzernumsatzes aus. Das reicht immerhin, um an der Robotik-Weltspitze mitzuspielen, wo man sich gegen spezialisierte Anbieter wie Fanuc, Kuka oder Yaskawa behaupten muss.

Hoffen auf Prozessindustrien

Als ehemaliger Leiter der Automationssparte will Spiesshofer den Rückstand in diesem Bereich gegenüber Siemens aufholen. Der Erwerb der österreichischen B&R soll ABBs Position als wichtige Anbieterin von Industrie-4.0-Dienstleistungen verbessern. Getrieben durch die Digitalisierung von industriellen Produktionsabläufen verspricht das Feld attraktive Wachstumsraten. Der Nachfraghöhepunkt für Lösungen aus diesem Bereich fällt aber eher in die Mitte eines Zyklus.

Umso wichtiger ist es daher, dass das spätzyklische Geschäft anzieht, dass sich die Nachfrage aus den Prozessindustrien erholt. Gemäss Schätzung der Deutschen Bank tragen Kunden aus den Öl-, Gas-, Förder- und Schiffsindustrien zu rund einem Viertel zum ABB-Umsatz bei. Sprudeln die Gewinne der Öl-Multis,  sind das gute Nachrichten für Energie-Dienstleister und Technik-Zulieferer wie ABB. Noch ist aber ungewiss, wieviel die Ölriesen für Investitionen, für Schuldenabbau oder für Ausschüttungen einsetzen werden.

Nach dem «Übergangsjahr» 2017 ist die Schonfrist für ABB vorüber. Die Vorzeichen für Wachstum stehen gut. Das Unternehmen verfügt über starke Marktpositionen, die entlang des Zyklus ausgespielt werden können. Auch dürfte ABB bei einer einsetzenden Umsatzvergrösserung überproportional von der um 1,3  Mrd. $ verkleinerten Kostenbasis profitieren. Ob das spätzyklische Geschäft und die Grossaufträge in der zweiten Jahreshälfte abheben, ist offen. Gut möglich, dass Anleger dafür mehr Geduld brauchen werden, als ABB oder den Grossinvestoren lieb ist.

Die Aktien von ABB sind gemessen an den historischen Bewertungskennziffern teurer als im Schnitt der letzten Jahre (vgl. oben). Günstig erscheinen die Titel mit Blick auf die vorausschauenden Kurs-Gewinn-Verhältnisse: Das KGV beträgt 19 für 2018 und 15 für 2019. Vor allem die Aussicht auf einen Gewinnsprung im kommenden Jahr macht die ABB-Papiere attraktiv. Bis sich das in höheren Kursen niederschlägt, braucht es allerdings Zeit. Für einen Einstieg besteht kein Grund zur Eile.

Die komplette Historie zu ABB finden Sie hier. »

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