Unternehmen / Industrie

ABB ist bereit für Rosengren

Analyse | Der Industriekonzern schrieb 2019 die Wachstumsschwäche fort. Doch die Profitabilität stimmt und ein Geldsegen wartet. Die Aktien steigen weiter.

Für ABB ging 2019 ein turbulentes Geschäftsjahr zu Ende: Konzernumbau, Abspaltung der Stromnetzedivision, Abgang von Ulrich Spiesshofer. Das hat im Finanzergebnis markante Spuren hinterlassen. Der Jahresgewinn ist um ein Drittel abgesackt, der operative Cashflow um ein Fünftel zurückgegangen, nennenswertes Umsatzwachstum ist nicht zu melden.

Jedoch gibt es im widrigen Makroumfeld ermutigende Zeichen. Trotz der tiefgreifenden Transformation vermochte der Elektrotechnik- und Automationskonzern das Betriebsergebnis (Ebita) um 3% zu verbessern und die Marge etwas auszuweiten. Der Auftragseingang hielt sich stabil. Für 2020 erwartet Peter Voser an seiner letzten Ergebnispräsentation als Interims-CEO eine weitere Verbesserung der Betriebsmarge sowie stabiles oder leicht positives Umsatzwachstum.

Die Börse goutierte Ausblick und Zahlenset. Am Mittwochmorgen avancierten die Titel rund 4% auf 24.26 Fr., dem höchsten Stand seit Mai 2018.

Milliarden für Aktionäre

Diese Zuversicht, gepaart mit dem Amtsantritt des neuen CEO Björn Rosengren im März hat die ABB-Aktien bereits in den vergangenen sechs Monaten beflügelt und um rund ein Viertel verteuert. Aktionären wird einiges in Aussicht gestellt.

So sollen die Nettoeinkünfte aus dem Verkauf des Stromnetzgeschäfts an Hitachi – zwischen 7,6 und 7,8 Mrd. $ – vollumfänglich zurückgeführt werden. Die Aktienrückkäufe werden dieses Jahr beginnen. Gemäss Voser laufe die Abspaltung nach Plan und wird Mitte Jahr vollzogen sein. Zudem wird eine unveränderte Dividende von 0.80 Fr. pro Aktie beantragt, trotz Gewinnrückgang im Gesamtjahr. Das entspricht einer Rendite von 3,4%.

Gedämpfte Erwartungen

«Rosengrens Hauptfokus wird die Fortsetzung der Transformation sein», sagt Peter Voser, der den neuen CEO seit Montag in seine Aufgabe einführt. Voser versucht die Markterwartungen für seinen Nachfolger etwas zu dämpfen.

Im kurzfristigen Ausblick geht ABB in Europa und den USA von schwächerem Wachstum aus. Und die Stabilisierungstendenzen in China würden durch den Ausbruch des Coronavirus beeinträchtigt.

«Das Coronavirus wird das Ergebnis beeinflussen», sagt Voser und ruft in Erinnerung, dass ABB im vergangenen Jahr 15% des Umsatzes in China machte. «Wir haben Reisebeschränkungen eingeführt und die Fabriken bis 7. Februar geschlossen.» Die finanziellen Auswirkungen mag Voser aber nicht zu quantifizieren.

Schwieriges Schlussquartal

Die Unsicherheiten in China schliessen sich einer schwächelnden industriellen Nachfrage an. Gemäss Finanzchef Timo Ihamuotila ist etwa im wichtigen US-Markt eine deutliche Abschwächung in den kurzzyklischen Industrien festzustellen.

Im Schlussquartal ging der Konzernumsatz 4% auf 7,01 Mrd. $ zurück, der Auftragseingang 1% auf 6,87 Mrd. $. Das operative Ergebnis (Ebita) erhöhte sich dank Kostenmassnahmen um rund ein Fünftel auf 710 Mio. $, was einer Margenverbesserung von 2,2 Prozentpunkten auf 10,1% entspricht.

Relativ gut sieht es aus Sicht des kompletten Geschäftsjahres aus. Der Auftragseingang hielt sich mit 28,59 Mrd. $ praktisch auf Vorjahresniveau, ebenso der Umsatz mit 27,98 Mrd. $. Der Betriebsgewinn verbesserte sich 3% auf 3,1 Mrd. $, was einer Margenverbesserung von 20 Basispunkten auf 11,1% entspricht.

Auf ABBs fortgeführten Geschäften ging der Ertrag rund ein Drittel auf 1,44 Mrd. Fr. zurück, was einen unverwässerten Gewinn je Aktie von 0.67 $ bedeutet.

Neue Zugpferde

Lange galt das Geschäftsfeld Robotik und Fertigungsautomation als Kronjuwel im ABB-Portfolio. Nicht in diesem Jahr. Wegen der industriellen Nachfrageschwäche sank der Auftragseingang dort auf vergleichbarer Basis 11%, die Marge wurde um 2,7 Prozentpunkte auf 11,9% komprimiert. Im Schlussquartal gingen die Aufträge gar um ein Fünftel zurück.

Auch die Division Industrieautomation konnte nicht mehr Aufträge als im Vorjahr an Land holen und sah die Marge um 2,4 Prozentpunkte tiefer bei 11,7%. Gemäss dem Finanzchef ist von einer anhaltenden Schwäche in den Auto- aber auch den Öl- und Gasindustrien auszugehen.

Im Gegensatz dazu erwiesen sich die Elektrifizierung und die Antriebstechnik im Gesamtjahr als neue Zugpferde. Beide Divisionen konnten einen grösseren Auftragseingang von +4% verzeichnen und hielten die Marge mit 13,3 und 16,6% fast auf dem angestammten Niveau. In der Elektrifizierung ist von einer weiteren Margenverbesserung auszugehen.

Bald ausgereizt

Björn Rosengren übernimmt ABB im fliegenden Wechsel inmitten einer massiven Transformation. Hinzu kommen Gegenwind aus der Industrie und Unsicherheit im wichtigen chinesischen Markt. Die ABB-Aktien sind nach dem guten Lauf im Vorfeld des Amtsantritts Rosengrens mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis 2020 von 19 bewertet. Das macht sie teurer als die Titel von Konkurrenten wie Siemens oder Schneider Electric. 

Die schrumpfende Kostenbasis als Resultat der Transformation wird kurzfristig eine Margenexpansion weiter unterstützen. Der angekündigte Aktienrückkauf und die Dividende stützen den Kurs, der neue CEO gibt den Titeln Schwung. Doch ohne die Aussicht auf merkliches Wachstum sind ABB bald wieder ausgereizt.

Die komplette Historie zu ABB finden Sie hier.»

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