Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Corporate Governance
Meinungen

Abschied vom Shareholder Value

Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse will die Selbstregulierung retten und setzt dabei auf Corporate Social Responsibility. Ein Kommentar von FuW-Redaktorin Monica Hegglin.

«Tatsache ist aber: Die grösste Veränderung der Corporate Governance der letzten Jahre haben wir nicht der Economiesuisse zu verdanken, sondern der Minder-Initiative.»

Manche Dinge wirken wie Gletscher: Man nimmt ihre grossen Veränderungen erst nach Jahren wirklich wahr. So ist es mit dem revidierten Swiss Code of Best Practice for Corporate Governance.

Die neuen Richtlinien sind nicht wirklich aufregend. Doch sie unterscheiden sich merklich von dem, was 2007 empfohlen wurde. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass starke Manager wie Marcel Ospel und Daniel Vasella, die damals die Regeln beeinflussen konnten, in der Zwischenzeit abgetreten sind. 2007 wäre es undenkbar gewesen, dass Economiesuisse dezidierte Empfehlungen über Doppelmandate (VR und CEO) und die Unabhängigkeit von Verwaltungsräten formulieren würde, wie sie das im revidierten Code tut.

2007 definierte der Spitzenverband der Schweizer Wirtschaft Corporate Governance als «auf das Aktionärsinteresse ausgerichtete Führungsgrundsätze». Gemäss der neuen Definition umfasst Corporate Governance «auf das nachhaltige Unternehmensinteresse ausgerichtete Führungsgrundsätze». So haben sich die Zeiten geändert. Das Aktionärsinteresse (Shareholder Value) allein ist nicht mehr zeitgemäss. An seine Stelle tritt die Corporate Social Responsibility.

Das veränderte Umfeld nach der Finanzkrise, sagt Economiesuisse, machte Anpassungen nötig. Corporate Governance ist keine Wissenschaft. Sie unterliegt dem Zeitgeist. Wenn Probleme auftreten, gibt es eine zusätzliche Empfehlung. Die Eleganz des Codes besteht darin, dass er ein flexibles Instrument der Selbstregulierung ist und bleibt. Er vermittelt Leitlinien für kotierte Unternehmen, die über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen. Auch wenn sie nicht verpflichtend sind, daran gemessen werden Firmen trotzdem.

Tatsache ist aber: Die grösste Veränderung der Corporate Governance der letzten Jahre haben wir nicht der Economiesuisse zu verdanken, sondern der Minder-Initiative. Sie war es, die in der Verfassung den Begriff der nachhaltigen Unternehmensführung festschrieb. Economiesuisse muss sich vorwerfen lassen, den Meinungsumschwung verpasst zu haben. Deshalb hat die Schweiz nun im Bereich Vergütung statt flexiblen, auf Selbstregulierung basierenden Empfehlungen ein komplexes Minder-Korsett.

Einen solchen Fehler will Economiesuisse nicht wiederholen. Deshalb stellt der neue Code die Forderung auf, dass Frauen dem Verwaltungsrat angehören sollen. Vielen (Männern) geht diese Forderung zu weit, weil es an qualifizierten Frauen mangle. Doch Economiesuisse antizipiert hier richtig die nächsten Entwicklungen. In Bern und in der EU drängt das Thema Frauenquote auf die Agenda.

Die Wirtschaft muss agieren, wenn sie in naher Zukunft nicht mit gesetzlichen Frauenquoten konfrontiert werden will. Entweder die Unternehmen betreiben freiwillig echte Frauenförderung, oder sie werden bald gezwungen werden, Quotenfrauen anzustellen. Das würde weder den Unternehmen noch den ambitionierten Frauen helfen.