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Abschied von Abenomics

Eine zentrale Lehre aus Japans Erfahrung ist, dass es äusserst schwierig ist, in einer alternden Gesellschaft mit Ersparnisüberschüssen und reichlich Kapital Inflation zu erzeugen. Ein Kommentar von Daniel Gros.

Daniel Gros, Brüssel
«Ein langfristig robustes Wachstum erfordert ein höheres Produktivitätswachstum.»

Shinzo Abe, Japans langgedienter Ministerpräsident, hat seinen Rücktritt erklärt – offiziell aus gesundheitlichen Gründen. Jetzt könnte das nach ihm benannte wirtschaftspolitische Programm einem ähnlichen Schicksal entgegengehen.

Abenomics wurde 2013 mit grossem Tamtam eingeleitet, daher lohnt sich die Betrachtung, was diese Politik im Laufe der vergangenen sieben Jahre erreicht hat. Die offizielle Version auf der Website der japanischen Regierung zeigte stets drei «politische Pfeile», die auf eine aggressive Geldpolitik, eine flexible Haushaltspolitik und eine Strukturreformen einschliessende Wachstumsstrategie ausgerichtet waren.

Geldpolitik im Vordergrund

Eindeutig am stärksten im Fokus stand hierbei die Geldpolitik. Die Bank of Japan leitete ein massives Programm der quantitativen Lockerung ein, um Staatsanleihen anzukaufen, von denen sie nun etwa die Hälfte hält. Doch das offizielle Ziel, die jährliche Inflation auf 2% nach oben zu treiben, wurde bisher nicht erreicht.

Die geringe Wirksamkeit der quantitativen Lockerung war von Anfang an vorhersehbar, da die langfristigen Zinsen Anfang 2013 mit rund 0,6% ohnehin schon niedrig waren. Seit 2016 schwankten sie um den Nullwert. Man könnte dem geldpolitischen Pfeil der Abenomics daher einen Rückgang von 0,6 Punkten zuschreiben – nicht genug, um Inflation auszulösen.

Staatsfinanzen stabilisiert

Einige Beobachter erwarteten vom zweiten Pfeil der Abenomics, von der flexiblen Haushaltspolitik, Konjunkturimpulse, während andere eine Haushaltskonsolidierung vorhersahen. Die verfolgten Massnahmen fielen dann überwiegend in letztere Kategorie. Kurz bevor Abe im Dezember 2012 wieder an die Macht kam, lag das Haushaltsdefizit über 8% des BIP; bis 2016/2019 war es auf 3 bis 4% verringert worden.

Diese Verschiebung bremste den Anstieg der Schulden des Landes als Anteil des BIP erheblich. Mit rund 150% wird Japans aktuelle Nettoschuldenquote unverändert bleiben, solange die nominale BIP-Wachstumsrate über 2% bleibt und das Haushaltsdefizit maximal 3% des BIP beträgt. Eine zentrale Leistung von Abenomics ist daher die Stabilisierung der japanischen Staatsfinanzen.

Produktivität kaum gesteigert

Der dritte Pfeil umfasste Strukturreformen, die durch Steigerung der Produktivität der bestehenden Erwerbsbevölkerung und durch Erhöhung der Zahl der Arbeitskräfte das Wirtschaftswachstum befeuern sollten. Was die Produktivitätssteigerung angeht, war Abenomics ein völliger Fehlschlag. Anders als in der Eurozone, wo die Arbeitsproduktivität im Verlauf der vergangenen sieben Jahre zumindest zentimeterweise gestiegen ist, stagniert Japans Produktivität im Wesentlichen seit 2010.

Dagegen gab es bei der Grösse der Erwerbsbevölkerung zumindest gewisse Fortschritte. Doch Japan hatte schon vor Beginn von Abenomics eine hohe Beschäftigungsquote, und die seitdem erreichte Zunahme entsprach dem, was ohnehin zu erwarten war. Mit lediglich kleinen Zuwachsraten bei der Erwerbstätigkeit und nahezu keiner Produktivitätssteigerung blieb der japanische Einkommensanstieg während Abenomics mit durchschnittlich weniger als 1% pro Jahr so niedrig wie zuvor.

Kurzzeitig galt die starke Erholung nach der 2014 durch Steuererhöhungen ausgelösten Rezession als Beleg für den Erfolg von Abenomics. Doch diese Erholung wurde von der durch den Preisrückgang bei Flüssigerdgas – das Japan nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 in grösseren Mengen importieren musste – bedingten starken Verbesserung der Terms of Trade des Landes gestützt. Dieser einmalige Wachstumsschub war zu wenig, um eine neue Ära stärkeren, nachhaltigen Wachstums einzuleiten.

Gesamtwachstumsraten politisch wichtig

Man sollte Japans Erfahrung sorgfältig analysieren, um zu sehen, welche Lehren Europa und andere alternde hoch entwickelte Volkswirtschaften daraus ziehen können.

Eine zentrale Lehre aus Japans Erfahrung ist, dass es äusserst schwierig ist, in einer alternden Gesellschaft mit Ersparnisüberschüssen und reichlich Kapital Inflation zu erzeugen. In der Eurozone fiel die Kerninflation 2014 kurzfristig unter 1%. Die Europäische Zentralbank leitete daraufhin ihr eigenes grosses Programm zum Ankauf von Wertpapieren ein. Doch trotz jahrelanger Käufe stieg die Inflation nur auf knapp über 1%. Und jetzt wird die Pandemie das Erreichen der als ideal betrachteten Inflationsrate von 2% noch erschweren. Tatsächlich könnte die Europäische Zentralbank EZB auf absehbare Zukunft ein unmögliches Ziel verfolgen.

Eine zweite Lehre ist, dass die Gesamtwachstumsraten politisch wichtig sind, selbst wenn für das wirtschaftliche Wohlergehen das Pro-Kopf-Einkommen ausschlaggebend ist. Dies ist für Europa von zentraler Bedeutung, da die demografischen Trends in der Eurozone heute denen in Japan in der jüngsten Vergangenheit ähneln. Der Anteil der Bevölkerung im Erwerbsalter schrumpft in den neunzehn Mitgliedstaaten der Eurozone um durchschnittlich etwa einen halben Prozentpunkt pro Jahr. Dieser Rückgang ist weniger ausgeprägt als in Japan, doch wird er trotzdem noch lange andauern, was nahelegt, dass die Eurozone – unabhängig von den Auswirkungen der Covid-19-Krise – auf ein weiteres Jahrzehnt niedrigen Gesamtwachstums zusteuert. Während ein Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens weiterhin im Bereich des Möglichen liegt, ist dies vom Produktivitätszuwachs abhängig.

Erwerbsbeteiligung erhöhen

Drittens schliesslich lassen sich in Ermangelung höherer Einwanderung die durch eine schrumpfende Bevölkerung im Erwerbsalter bedingten Grenzen durch Erhöhung des Rentenalters und durch eine steigende Beteiligung der Senioren am Erwerbsleben überwinden. Derartige Änderungen stehen im Einklang mit einer generell steigenden Lebenserwartung und waren schon vor der Covid-19-Krise in vielen europäischen Ländern im Gange.

Doch die erhöhte Teilnahme am Erwerbsleben kann nur einen einmaligen Nutzen bringen. Ein langfristig robustes Wachstum erfordert ein höheres Produktivitätswachstum. Dies ist Europas wichtigste wirtschaftliche Herausforderung. Um sie unmittelbar in Angriff zu nehmen, muss es die enormen Mittel, die derzeit zur Bewältigung der Pandemie aufgewandt werden, nutzen, um die Wirtschaft in eine grünere, stärker digitale Richtung zu lenken, statt damit die wirtschaftlichen Strukturen und Arrangements vergangener Tage zu stützen.

Copyright: Project Syndicate.

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