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Warum Deflation gut ist für Europa

Daniel Gros, Brüssel
«Für die Fähigkeit zur Schuldenrückzahlung ist nicht das allgemeine Preisniveau entscheidend, sondern das Einkommen des Schuldners.»
Die Europäische Zentralbank hat es wegen der niedrigeren Ölpreise zwar schwerer, ihr Inflationsziel zu erreichen, doch das aktuelle Ölpreisniveau ist für Europa ein Segen. Ein Kommentar von Daniel Gros.

In der heutigen Weltwirtschaft ist kein anderer Preis so wichtig wie derjenige von Rohöl. Jeden Tag werden mehr als 80 Mio. Fass davon gefördert (und konsumiert), und ein grosser Teil dieser Menge wird international gehandelt. Demnach führt der scharfe Preiseinbruch bei Rohöl – von etwa 110 $ im letzten Jahr auf etwa 60 $ heute – zu Ersparnissen für Ölimportländer in Höhe von Hunderten von Milliarden Dollar. Für die Europäische Union und die Vereinigten Staaten entspricht der Gewinn aus diesem Einbruch etwa 2 bis 3% ihres BIP.

Für Europa könnten die Vorteile günstigen Öls mit der Zeit noch zunehmen, da viele der langfristigen Gasversorgungsverträge an den Ölpreis gekoppelt sind. Dies ist für Europa sehr hilfreich, wo die Erdgaspreise bis vor kurzem um ein Vielfaches höher waren als in den USA, die von günstigerer Schiefergasenergie profitiert haben.

Aber viele Beobachter behaupten, billiges Öl habe auch einen Nachteil, da es in den Industriestaaten, die sich bereits jetzt in einer Falle geringen Wachstums befinden, deflationäre Tendenzen verstärkt. Gemäss dieser Ansicht wird es den Zentralbanken durch sinkende Ölpreise noch mehr erschwert, das Inflationsziel von jährlich 2% zu erreichen, das die meisten von ihnen im Rahmen ihrer Verantwortung für die Preisstabilität festgelegt haben.

Vorteil für Konsumenten…

Besonders die Eurozone scheint gefährdet, da dort erstmalig seit 2009 die Preise fallen. Diese Deflation sei schlecht, heisst es, weil sie Schuldnern, besonders in gefährdeten Volkswirtschaften der europäischen Peripherie (Griechenland, Irland, Italien und Spanien), die Rückzahlung ihrer Schulden erschwere.

Aber diese Sorge ist unberechtigt, da sie auf einem Missverständnis beruht. Für die Fähigkeit zur Schuldenrückzahlung ist nicht das allgemeine Preisniveau entscheidend, sondern das Einkommen des Schuldners.

Bei fallenden Ölpreisen sollte das (inflationsbereinigte) Realeinkommen der Haushalte steigen, da sie nicht so viel für Treibstoff und Brennstoffe ausgeben müssen. Niedrigere Ölpreise machen das Leben der hoch verschuldeten Haushalte in den USA oder der Peripherie der Eurozone nicht schwerer, sondern leichter. Sinkende Verbraucherpreise sollten daher als gutes Zeichen gewertet werden.

…Unternehmen und Staatskassen

Auch die meisten Produktionsunternehmen profitieren von niedrigeren Energiekosten und können so ihre Schulden besser bedienen. Auch dies trifft besonders auf die Peripherie der Eurozone zu, wo der Nichtfinanzsektor während des Kreditbooms vor der weltweiten Finanzkrise von 2008 zu viele Schulden angehäuft hat. Vielleicht nehmen die meisten der Einsparungen durch niedrigere Energiekosten zunächst die Form höherer Profite an, aber mit der Zeit könnte der Wettbewerb die Unternehmen dazu zwingen, einige dieser Mehreinnahmen als niedrigere Preise oder höhere Löhne weiterzugeben.

Dies ist eine weitere wichtige Folge billigen Öls: Bei sinkenden Preisen wird es schwieriger, den Punkt zu finden, an dem Lohndruck zu inflationären Tendenzen führt. Da Löhne stärker steigen können, ohne die Inflation anzutreiben, könnte das Federal Reserve Board der USA dazu neigen, die für diesen Sommer weithin erwarteten Zinserhöhungen aufzuschieben.

Von einer Deflation, die durch niedrigere Ölpreise ausgelöst ist, sollten auch die öffentlichen Finanzen profitieren. Die staatlichen Einnahmen hängen nicht nur vom Konsum ab, sondern auch vom Wert der Inlandproduktion. Niedrigere Ölpreise führen zwar zu sinkenden Konsumentenpreisen, aber auch zu einer Steigerung der Produktion und des gesamten BIP.

Kombination günstiger Faktoren

Ohne die Berücksichtigung grosser Preisschwankungen für Rohmaterialien entwickelt sich der Konsumentenpreisindex parallel zum BIP-Deflator (dem Preisdeflator für die Gesamtwirtschaft). Aber dieses Jahr trifft das nicht zu, da die Konsumentenpreise fallen, der BIP-Deflator (und das nominale BIP) aber immer noch steigt. Dies sollte zu soliden Staatseinnahmen führen, was für die hoch verschuldeten Regierungen der Industriestaaten und besonders für die Peripherie der Eurozone eine gute Nachricht ist.

Die fallenden (Konsumenten-)Preise der Eurozone sollten also für alle Energieimporteure als positive Entwicklung gesehen werden. Besonders die Peripherie der Eurozone kann sich aufgrund des billigen Öls auf eine ideale Kombination von niedrigen Zinsen, einem vorteilhaften Eurowechselkurs und einer Steigerung der Realeinkommen freuen. In einer deflationären Umgebung scheint es die Europäische Zentralbank aufgrund niedrigerer Ölpreise schwerer zu haben, ihr Ziel einer Inflationsrate im Bereich von 2% zu erreichen. In Wirklichkeit aber ist das aktuelle Ölpreisniveau für Europa – und besonders für die Problemländer dort – ein echter Segen.

Copyright: Project Syndicate.