Meinungen

Achtung – Manipulationsgefahr

Warum das aus der Verhaltensökonomie hervorgegangene Nudging (das Anstupsen) eine Gefahr für die Freiheit des Individuums ist und den Keim des Totalitären in sich trägt.Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Die Erfahrung zeigt, dass Politiker weder neutral noch stets wohlmeinend sind.»

Das noch relativ junge Forschungsgebiet der Verhaltensökonomie hat 2017 zum zweiten Mal den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten. Geehrt wurde mit dem Amerikaner Richard Thaler ein Pionier der Disziplin. Sie hat ein grosses Verdienst: Sie erkennt, dass sich der Mensch nicht als rein nutzenorientierter Homo oeconomicus verhält, sondern dass er meist auch nach anderen Kriterien entscheidet.

Damit werden die herkömmlichen ökonomischen Theorien infrage gestellt. Ihre Modelle basierten stets auf dem Homo oeconomicus. All die äusserst komplizierten und pseudoexakten mathematischen Modelle gingen und gehen stets vom Menschen als nüchternem Nutzenmaximierer aus. Der Stellenwert dieser allzu oft in die Irre führenden Modelle wurde durch die Verhaltensökonomie enorm relativiert – das ist gut so.

Sie hat andere Modelle und Erklärungsansätze erarbeitet. Dabei hat sie sich auf ein äusserst heikles Gebiet gewagt. Thaler und sein Kollege Cass Sunstein haben das Konzept des Nudging entworfen, des sanften Stupsens. Weil der Mensch eben nicht ein Homo oeconomicus sei und bisweilen auch mit Blick auf seine eigenen Interessen nicht rational handle, müsse er zu rationalem Handeln gestupst werden – möglichst diskret und direkt kaum spürbar. Das Verhalten des Menschen soll ohne Verbote oder Gebote und ohne finanzielle Anreize beeinflusst werden.

Fehlentscheide zulassen

Das Konzept wirkt auf den ersten Blick clever und zugleich harmlos. Es birgt jedoch eine Fülle äusserst heikler Probleme. Zunächst stellt sich die Frage nach der Rationalität. Was genau ist denn rationales bzw. irrationales Verhalten, das als Rechtfertigung für das Nudging dient? Für die Rationalität gibt es keinen allgemein gültigen Begriff, letztlich versteht jeder etwas anderes darunter. Rationalität ist aus der subjektiven Warte des Einzelnen zu verstehen – und taugt schon nur darum nicht für eine allgemeine Handlungsmaxime.

Vermeintlich irrationales Verhalten gehört zum Menschen; es besteht kein Grund, ihn davon abzubringen, solange er damit nicht der Allgemeinheit grossen Schaden zufügt. Aus Fehlern lernt man zudem, sie sind die Basis für den Fortschritt. Es gibt in einem liberalen Staat kein Argument, den Menschen vor vermeintlichen Fehlentscheiden zu bewahren.

Ein zweites heikles Problem besteht in der Frage, wer die Nudges setzt. Wenn ein privates Unternehmen, beispielsweise ein Supermarkt, Süssigkeiten direkt neben der Kasse platziert, so tut es dies, um den Verkauf zu steigern. Es erhebt keinesfalls den Anspruch, die Konsumenten zu besseren Menschen zu erziehen, sondern will lediglich den Profit erhöhen. Das ist legitim, und dem kann sich jeder problemlos entziehen – niemand braucht bei den Süssigkeiten zuzugreifen.

Problematisch wird es erst richtig, wenn der Staat zum Instrument des Nudging greift. Ein aktuelles Beispiel ist etwa die Organspende. Bisher war es in aller Regel so, dass man einer allfälligen Organspende nach dem eigenen Ableben zuvor explizit zustimmen musste. Nun sind verschiedene Länder dazu übergegangen, alle Menschen als Organspender zu betrachten, die sich nicht explizit dagegen aussprechen.

Dieses Thema wird auch in der Schweiz diskutiert. Das ist nun wahrlich nicht mehr harmlos, sondern es geht um einen Einschnitt in die Persönlichkeitsrechte. Das Beispiel zeigt, dass die Debatte alles andere als theoretisch ist. Einige Länder haben schon eigentliche Nudging Units gebildet, so etwa die USA und Grossbritannien, aber auch Deutschland oder Österreich.

Diese Nudging Units müssten jedoch, wenn sie ihre Aufgabe ernst nehmen, die genauen Interessen aller Bürger kennen. Das schaffen sie in der Realität nie, denn das ist eine Anmassung von Wissen. Das Gleiche gilt, wenn die Politik beurteilen soll, welches Verhalten denn «irrational» und damit zu korrigieren ist. Auch da müssen die Nudger scheitern, denn es gibt keine gültige Definition rationalen Verhaltens. So ist aus der Sicht eines Vegetariers ein Schubser hin zu vegetarischer Ernährung rational. Nichtvegetarier sehen es umgekehrt, rational ist da der Konsum von tierischen Produkten.

Zudem sind diejenigen Akteure, also Politiker und/oder Angestellte der öffentlichen Verwaltung, die Nudges setzen, keineswegs demokratisch legitimiert, den Menschen in irgendeine Richtung zu schubsen und ihm zu seinem Glück zu verhelfen. Schliesslich setzt das Konzept voraus, dass die Politiker neutral und wohlmeinend sind. Die Erfahrung zeigt jedoch deutlich, dass das in keiner Art und Weise zutrifft. Bürokraten und Politiker handeln stets interessengetrieben. Sie tendieren dazu, ihre eigenen Interessen und diejenigen ihrer Klientel zu vertreten. Das «rationale» Verhalten aller Bürger bzw. der Allgemeinheit interessiert sie kaum.

Eines der wichtigsten Interessen von Politikern besteht zudem in der Erhaltung und der Mehrung der eigenen Macht. Auch da muss die, wie auch immer definierte, Rationalität des Bürgers hintenanstehen. Der Politiker will wiedergewählt werden – in aller Regel richtet er seine Handlungen auf dieses Ziel aus. Und warum ausgerechnet er sich grundsätzlich «rationaler» verhalten sollte als der normale Bürger, ist ohnehin nicht ersichtlich, dafür gibt es keine Anhaltspunkte.

Für das Individuum sind das keine erfreulichen Aussichten. Sollte sich das Nudging verbreiten, sähe sich der Einzelne mit einer Fülle von Schubsern konfrontiert, die sich zudem teilweise noch widersprechen werden – die Ziele der Politiker sind alles andere als einheitlich.

Die Entgegnung von Thaler auf entsprechende Kritik überzeugt nicht: Er hält fest, die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen müsse stets gewahrt bleiben, er müsse sich dem Nudge entziehen können. Allerdings entfaltet ein Schubser erst dann seine volle Wirkung, wenn der Einzelne ihn gar nicht bewusst wahrnimmt, er sich also auch nur schwer entziehen kann.

Fragwürdiges Menschenbild

Hinter dem Konzept steht ein eigenartiges Menschenbild. Grundsätzlich wird der Bürger, zumindest in einem demokratischen Rechtsstaat, als mündig erachtet: Er darf und soll gemäss eigenen Ansichten abstimmen und wählen, und er muss Steuern bezahlen. Das Nudging dagegen will den Bürger in alltäglichen Dingen gleichsam zu «rationalem» Verhalten steuern, es traut ihm nicht zu, dass er selbst in der Lage ist dazu. Das Nudging ist in sich widersprüchlich.

Überflüssig festzuhalten, dass das mit einer freien Gesellschaft nichts mehr zu tun hat. Der grosse liberale Denker Friedrich August von Hayek formulierte es so: «Eine Gesellschaft, die nicht anerkennt, dass jeder Einzelne seine eigenen Wertsetzungen hat, denen zu folgen er ein Recht hat, kann keinen Respekt vor der Würde der Person haben und kann nicht wirklich Freiheit kennen.» Oder anders ausgedrückt: Wenn der Staat das Verhalten seiner Bürger gezielt in eine bestimmte Richtung lenken und möglichst gleichschalten will, kommt das einer Entmündigung und Manipulation gleich. So gesehen trägt das Nudging gar den Keim des Totalitären in sich.

Die Vertreter des Nudging tappen in dieselbe Falle wie diejenigen Ökonomen, die sie kritisieren: Sie verfallen dem technokratischen Machbarkeitsglauben – dem gleichen Drang zur vermeintlich perfekten Feinsteuerung der Wirtschaft und damit letztlich der Gesellschaft wie all die modellgläubigen Ökonomen.

So wenig realistisch, wie die Vorstellung eines Homo oeconomicus ist, so wenig darf von einem neutralen und wohlmeinenden Politiker ausgegangen werden; beide Vorstellungen sind naiv. Politiker sind stets macht- und interessengetrieben. Wäre dem nicht so, brauchte es keine Massnahmen zur Machtkontrolle, keine Gewaltentrennung und keine Aufsicht über staatliches Handeln. Das Nudging wirkt auf den ersten Blick vernünftig, ist aber bei näherer Betrachtung höchst gefährlich und greift tief in die Freiheit des Einzelnen ein.

Leser-Kommentare

Nader Rodolfo Fassbind 12.01.2018 - 11:57

Danke für den guten Artikel: endlich jemand, der den Mut hat, die Wahrheit über Politik zu sagen. Bravo.