Meinungen

Afrika steht der Härtetest noch bevor

Der Kontinent erweist sich als widerstandsfähig, doch die wirtschaftlichen Schäden werden enorm sein. Ein Kommentar von Wolfgang Drechsler.

Wolfgang Drechsler, Kapstadt
«Afrika hat wenige Optionen, um den wirtschaftlichen Schock abzufedern.»
 
Das Coronavirus hat nicht nur die Industrieländer hart getroffen. Immens ist auch der Schaden, den es in den armen Staaten Afrikas angerichtet hat. Dabei scheint der Kontinent bei einem Blick auf die nackten Zahlen eher glimpflich davongekommen zu sein: Offiziell verzeichnet Afrika mit seinen 1,3 Mrd. Menschen bislang «nur» knapp 4 Mio. Infektionen und knapp 100 000 Coronatote. Bei einem Anteil von 14% an der Weltbevölkerung wären dies nur rund 3% der weltweit bisher registrierten Infektionen und Todesfälle.Ganz klar: Seine junge Bevölkerung mit einem Durchschnittsalter von nur 19 Jahren hat Afrika vor den direkten gesundheitlichen Folgen eines Virus geschützt, das vor allem die Älteren tötet. In Afrika sind geschätzt nur 47 Mio. Menschen über 65 und nur 6 Mio. über 80 Jahre alt. Auch die Erfahrungen mit anderen, weit gefährlicheren Krankheiten wie Ebola haben Afrika geholfen: Einer von drei Todesfällen beruht hier auf einer infektiösen oder parasitären Krankheit – verglichen mit einem von 50 in Europa. Zudem ist das wärmere Klima ein Vorteil, aber auch, dass 60% der Afrikaner noch immer auf dem Land leben.Allerdings dürfte das Ausmass der Pandemie in Afrika erheblich grösser sein als offiziell gemeldet: Allein Südafrika, wo es die einzige passable medizinische Infrastruktur auf dem Kontinent gibt, hat mit seinen nun 50 000 Coronatoten bereits fast die Hälfte aller in Afrika registrierten Opfer. Dabei hat das Land mit seinen 60 Mio. Menschen weniger als 5% der afrikanischen ­Gesamtbevölkerung. Auch hat Südafrika seit letztem Mai  132 000 mehr Tote als sonst verzeichnet.

Es droht eine breite Verarmung

Eine gerade veröffentlichte Studie zu Covid-19-Antikörpern in Nigeria deutet zudem darauf hin, dass allein in der Wirtschaftsmetropole Lagos rund 4 Mio. Menschen das Virus hatten – mehr als bislang für den ganzen Kontinent gemeldet wurden. Offiziell hat Nigeria aber nur 160 000 Fälle mit knapp 2000 Toten.

Anders als der Westen steht Afrika in der Covid-Bekämpfung vielen praktischen Hindernissen gegenüber: mehr als die Hälfte seiner Stadtbewohner leben in überfüllten Slums, was ein Social Distancing unmöglich macht. In Ugandas Hauptstadt Kampala schlafen 70% der Bewohner eines Haushalts in ein und demselben Raum. Häufiges Händewaschen mit Seife ist schwierig, weil es daheim oft weder Desinfektionsmittel noch fliessend Wasser gibt. Die meisten Menschen sind zudem ­Tagelöhner oder helfen im Familienbetrieb. Wer nicht arbeitet, hat in Afrika abends oft nichts zu essen. Lockdowns verstärken somit Armut und Hunger. Auch gibt es in Afrika fast nirgendwo einen Sozialstaat westlicher Prägung mit seinen Konzepten wie Kurzarbeit.

Die prekären Verhältnisse im Alltagsleben bedeuten, dass vor allem die wirtschaftlichen Auswirkungen von Covid enorm sind und sich grundsätzlich von denen im Norden unterscheiden. Das Überleben von rund einer Milliarde Menschen hängt in Afrika davon ab, ob es seinen (bislang kaum am Gemeinwohl interessierten) Regierungen gelingt, den ökonomischen Schaden in einem Kontinent zu minimieren, wo rund 400 Mio. Menschen unter bzw. an der Armutsgrenze von 1.90 $ pro Tag leben.

Schon wegen seines enormen Bevölkerungswachstums von 2,7% müsste die Wirtschaft mindestens ebenso stark expandieren, damit der Kontinent nicht noch ärmer wird. Doch 2020 schrumpfte Afrikas Wirtschaft erstmals seit 25 Jahren, wodurch sich die Zahl der Menschen in extremer Armut um 32 Mio. erhöhte. Parallel dazu schrumpfte die so wichtige, doch noch immer winzige Mittelklasse.

Touristen bleiben aus

Besonders stark sind neben den Rohstoffförderländern wie Angola diesmal Länder betroffen, die vom Tourismus leben, der 9% zum afrikanischen BIP beisteuert: In Botswana, einem der wenigen erfolgreichen Länder, schrumpfte die Wirtschaft wegen des Ausbleibens der Touristen sowie des gesunkenen Diamantenverkaufs fast 10%. Internationale Buchungen im Okavangodelta fielen sogar um 95%. Aber auch in Mauritius, einer anderen afrikanischen Erfolgsgeschichte, fiel das BIP zuletzt um 13%.

Vor allem Nigeria und Südafrika, die zusammen für fast die Hälfte der Wirtschaftskraft in Subsahara-Afrika stehen, stehen nach Einschätzung der sonst weniger schwarzseherischen Weltbank vor einer beispiellosen Krise: So dürfte die Zahl der bitterarmen Nigerianer bis 2022 um weitere 20 Mio. auf dann 100 Mio. eskalieren – fast 50% der Gesamtbevölkerung. In Südafrika ist die bereits seit Jahren träge Wirtschaft im vergangenen Jahr fast 8% geschrumpft und die offizielle Arbeitslosenrate zeitgleich auf das neue Rekordhoch von 32,5% geschnellt. Zudem ist das Land in eine gefährliche Schuldenspirale geraten.

Afrika hat wenige Optionen, um die wirtschaftliche Schockwirkung der Epidemie abzufedern. Vor dem Hintergrund einer neuen Schuldenkrise, die auf üppigen Ausgaben in den Vorjahren fusst, muss Afrika schon jetzt 30% seiner Staatseinnahmen für die Schuldenbedienung aufwenden. Dieses Geld fehlt für den Ausbau der ohnehin dürftigen Infrastruktur und Bildung. Rund die Hälfte der afrikanischen Staaten ist inzwischen in akute Finanznot geraten. Anders als vor 15 Jahren, als westliche Geber und Finanzinstitutionen wie die Weltbank die Schulden einfach abschrieben, ist ein Neustart diesmal weit schwieriger: Fast die Hälfte der Schulden wird nun von Privatinvestoren gehalten – und weitere 16% von China. Entsprechend komplex ist eine Lösung.

Neben einem Rückgang der Ausgaben für seine unterentwickelte Infrastruktur dürfte, sollte eine Schuldenkrise ausbrechen, das bereits schwache Bildungs­system leiden. Experten befürchten, dass daraufhin vor ­allem immer mehr Mädchen die Schule vorzeitig ver­lassen und danach weniger verdienen, jedoch mehr ­Kinder bekommen könnten, was Afrikas Bevölkerungsexplosion weiter anheizen würde – die enge Verbindung zwischen einer schlechten Ausbildung und einer grossen Zahl von Kindern ist seit langem gut erforscht.

Erst Ende 2023 durchgeimpft

Das zweite grosse Hindernis auf dem Weg aus der Krise ist die fehlende Verfügbarkeit von Impfstoffen. Afrika steht ganz am Ende der globalen Schlange. Selbst Südafrika als vergleichsweise wohlhabender Staat hat das rechtzeitige Bestellen verpasst und ist nun von gelegentlichen Lieferungen abhängig. Bis Ende März dürften nur 1,5% der Südafrikaner geimpft sein, eine dritte Covid-Welle in den kalten Wintermonaten zur Jahresmitte wäre programmiert.

Obwohl andere afrikanische Regierungen sich intensiver um Impfstoff bemüht haben als Pretoria, dürfte die Bereitstellung auch dort dauern. Immerhin ist gerade die bislang einzige Lieferung im Rahmen des Covax-Programms in Ghana eingetroffen. Ziel ist es, rund 60% aller Afrikaner bis Ende 2022 zu impfen. Doch selbst dies erscheint noch als sehr optimistisch. Beobachter erwarten mehrheitlich, dass die meisten Länder Afrikas die Bevölkerung frühestens Ende 2023 durchgeimpft haben dürften, was besonders dem Tourismus, aber auch der Wirtschaft insgesamt hart zusetzen dürfte.

Entsprechend viel steht auf dem Spiel. Durch den auf fast allen Feldern angerichteten Schaden gefährdet Corona nun die Zukunft einer Generation, die sich bis 2050 von jetzt 1,3 Mrd. auf 2,6 Mrd. Menschen fast verdoppeln und immensen Druck auf die schon jetzt fragile Infrastruktur des Kontinents ausüben wird. Vielleicht hat Afrika ja etwas Glück durch eine schnellere Impfkampagne, durch steigende Rohstoffpreise oder eine zügige Bereitstellung frischer, billiger Kredite. Gleichwohl deutet derzeit vieles auf eine langsame Genesung des Kontinents von Covid hin. Seit seinem ersten Fall vor zwölf Monaten hat Afrika viel Widerstandskraft gezeigt. Doch der wahre Härtetest dürfte dem so gebeutelten Kontinent in den nächsten Jahren erst noch bevorstehen.

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