Meinungen

Afrika zwischen Euphorie und Enttäuschung

Es ist höchst ungewiss, ob das von der weltweiten Rohstoffnachfrage getragene Wachstum in Afrika diesmal dauerhaft ist oder doch wieder nur ein Strohfeuer. Ein Kommentar von Wolfgang Drechsler.

Wolfgang Drechsler, Kapstadt
«Die allermeisten Volkswirtschaften in Afrika sind immer noch auf einen einzigen Rohstoff angewiesen, der fast immer unverarbeitet exportiert wird.»

Nach einer langen Phase der Stagnation scheint es gegenwärtig zumindest in einigen Ländern Afrikas wirtschaftlich bergaufzugehen. Gerade erst hat die Afrikanische Entwicklungsbank ihren jährlichen Wirtschaftsausblick vorgelegt, in dem die Autoren dem Kontinent für 2014 eine Wachstumsrate von 4,8% prophezeien. Noch optimistischer ist der Internationale Währungsfonds (IWF), der den 48 Ländern südlich der Sahara für dieses Jahr sogar  Zuwachsraten von 5,5% voraussagt. Selbst der britische «Economist», der noch zur Jahrtausendwende von Afrika als dem «verlorenen Kontinent» gesprochen hatte, titelte angesichts der vermeintlich stark gewachsenen Mittelklasse und einer angeblich grösseren politischen Stabilität auf dem Kontinent zuletzt voller Begeisterung: «Africa rising» (Afrika erhebt sich).

Dass Afrika auch Erfolgsgeschichten schreibt, beweisen die von den Optimisten gerne ins Feld geführten Ausnahmestaaten Mauritius und Botswana. Die kleine Inselrepublik punktet international nicht nur dank des Tourismus, sondern vor allem wegen ihrer erfolgreichen Freihandelszonen für die Textilindustrie. Und in dem dünn besiedelten Steppenland Botswana haben sich Diamanten letztlich als Stütze der Demokratie erwiesen. Denn: Botswanas Regierung investiert die hohen Einnahmen in die Infrastruktur, besonders in die Sektoren Gesundheit und Telekommunikation, und lässt die Gelder nicht wie andernorts in Afrika in den Taschen der Machthaber verschwinden. Allerdings beherbergen beide Länder weniger als 0,5% der inzwischen rund 1,2 Mrd. Afrikaner und sind schon deshalb kaum repräsentativ für den Kontinent.

Für Euphorie besteht somit trotz einzelner Lichtblicke kein Anlass: Wer sich in den afrikanischen Metropolen jenseits der Stadtzentren mit den neuen Bürogebäuden umschaut, erkennt oft kaum Unterschiede zur Lage von vor zehn oder zwanzig Jahren. Zwar verfügen die meisten Afrikaner nun vielerorts über ein Handy, doch  befindet sich die Infrastruktur noch immer in einem desaströsen Zustand, wie auch IWF-Chefin Christine Lagarde bei der Vorlage der jüngsten Wachstumszahlen eingeräumt hat. Es gibt zumeist weder geteerte Strassen noch eine Bahnlinie, die ganz Afrika durchquert. Auch fehlt fast überall eine auch nur halbwegs zuverlässige Energieversorgung. Ständige Stromausfälle sind in ganz Afrika an der Tagesordnung; eine geordnete Industrieproduktion ist damit fast unmöglich. «Während rund 10% des Sozialprodukts weiterhin in Militärausgaben fliessen, bleibt für die Infrastruktur weniger als die Hälfte davon», moniert der Ökonom Greg Mills von der Johannesburger Brenthurst Foundation. Kein Wunder, dass die Transportkosten etwa in Ghana mehr als dreimal so hoch sind wie in Thailand – und der innerafrikanische Handel kaum 10% der Gesamtexporte seiner Länder ausmacht.

Ein Kontinent fast ohne Industrie

Die fehlende Wettbewerbsfähigkeit liegt aber auch darin begründet, dass über fünfzig Jahre nach der Unabhängigkeit seiner ersten Staaten die allermeisten Volkswirtschaften in Afrika immer noch auf einen einzigen Rohstoff angewiesen sind, der fast immer unverarbeitet exportiert wird. Im Kongo und Sambia ist dies zum Beispiel Kupfer, in Kamerun oder der Elfenbeinküste Kakao, in Angola und Nigeria Öl und in Niger oder Namibia Uran. Bis heute produziert der Kontinent deshalb auch noch immer nur 1% der weltweit hergestellten Fertigwaren und ist so gut wie nicht industrialisiert. Selbst die Landwirtschaft hinkt hinterher: Gegenwärtig sind 35 der 48 schwarzafrikanischen Länder Lebensmittelimporteure. Seit den Siebzigerjahren hat sich Afrikas Anteil an den weltweiten Agrarexporten auf unter 4% halbiert.

Niemand kann heute sagen, wie angesichts der versäumten Industrialisierung des Kontinents Arbeitsplätze für eine Bevölkerung geschaffen werden sollen, die nach jüngsten Projektionen bis 2050 um mehr als 50% auf 2,7 Mrd. Menschen wachsen dürfte. Seit den Achtzigerjahren habe es in puncto Afrika immer wieder «wahre Euphoriewellen» wie jetzt gegeben, warnt auch Robert Kappel, der langjährige Präsident des Hamburger Giga-Forschungsinstituts. «Was kam, waren dann zumeist Enttäuschungen.»

Dass diesmal alles ganz anders sein soll, will der nüchterne Wissenschaftler nicht so recht glauben, schon weil auch er in dem enormen Bevölkerungszuwachs nicht nur potenzielle Kunden, sondern auch jede Menge sozialen Zündstoff erkennt. Selbst vermeintliche Erfolgsgeschichten wie Ghana geben Anlass zur Vorsicht. Erst vor kurzem hat der westafrikanische Staat strikte Devisenkontrollen verhängt, die in- und ausländischen Geschäftsleuten ihre Arbeit im Land nun stark erschweren. Verantwortlich dafür sind die hohen Kosten für die vielen Importe, die Ghana zum Aufbau einer eigenen Ölindustrie braucht. Anders als erwartet sind die Importkosten nicht durch den Ausfuhrerlös aus Kakao und Gold kompensiert worden, die zusammen fast drei Viertel der ghanaischen  Exporteinnahmen ausmachen. Auch im hochgelobten Tansania gefährden Öl und Gas inzwischen die Stabilität des bislang politisch weitgehend stabilen Landes, weil sich vor allem die Landbevölkerung dort beim Bau der Pipelines von den Chinesen völlig übergangen fühlt.

Zahlenakrobatik statt verlässlicher Daten

Wie irreführend Zahlen vor allem im afrikanischen Kontext sein können, hat zuletzt Nigeria gezeigt, das durch eine Neuberechnung  seine Wirtschaftsleistung von bisher 300 Mrd. $ auf fast genau 500 Mrd. $ aufpustete – und damit locker an Südafrika und seinem Sozialprodukt von rund 350 Mrd. $ vorbeizog. Möglich wurde dies dadurch, dass gewissen Sektoren wie der Telekommunikation und der Unterhaltungsbranche von der Statistikbehörde plötzlich eine stärkere Gewichtung gegeben wurde. Für den gewöhnlichen Nigerianer haben die statistischen Kunstgriffe indes keine Relevanz. So leben noch immer rund 125 Mio. oder mehr als zwei Drittel der nun insgesamt 175 Mio. Nigerianer in bitterster Armut und von weniger als 2 $ am Tag – und dies in der angeblich grössten und wichtigsten Volkswirtschaft des Kontinents.

Die Zahlenakrobatik in Nigeria ist nur ein Beispiel dafür, dass in Afrika scheinbar verlässliche Daten oft nur blosse Schätzungen sind und wenig mit der Realität zu tun haben. «Ohne solche Erhebungen ist es jedoch schlicht unmöglich, Armut und wirtschaftliche Fortschritte tatsächlich zu messen», schreibt Morten Jerven von der Simon Fraser University in Vancouver in seinem Buch «Poor numbers. How we are misled by African development statistics and what to do about it», das sich mit den mannigfachen statistischen Problemen in Afrika beschäftigt. Schon deshalb kann auch niemand mit Gewissheit sagen, ob das noch immer sehr stark vom weltweiten Rohstoffboom getragene Wachstum in Afrika diesmal wirklich von grösserer Nachhaltigkeit ist als früher, wie jetzt behauptet wird – oder sich am Ende doch wieder nur als ein mächtiges Strohfeuer entpuppt.