Meinungen

Afrikas bedrohliche Bevölkerungsexplosion

Südlich der Sahara wächst die Zahl der Menschen doppelt so schnell wie die Wirtschaft. Das wird zu einem Problem für Europa. Ein Kommentar von Wolfgang Drechsler.

Wolfgang Drechsler, Kapstadt
«Die Zahl der Afrikaner, die in Europa ein besseres Leben suchen, dürfte um ein Mehrfaches steigen.»

Die Trends könnten gegensätzlicher kaum sein:  Während  das Wirtschaftswachstum im Afrika südlich der Sahara im vergangenen Jahr auf wenig mehr als 1% und damit auf das niedrigste Niveau in zwanzig Jahren gefallen ist, wächst die Zahl der Menschen dort mit rund 2,7% derzeit rund doppelt so stark. Die Folge: Die Zahl der in bitterer Armut lebenden Afrikaner liegt  heute absolut betrachtet höher als 1990. Kein Wunder, dass Millionen junger Bewohner des Kontinents nach Lebenschancen ausserhalb ihrer Heimat suchen, immer öfter auch und gerade in Europa.

Besonders alarmierend ist, dass sich Afrikas Bevölkerungswachstum nicht annähernd so sehr verlangsamt, wie Experten dies noch vor zehn Jahren erwartet hatten. Inzwischen geht die Uno davon aus, dass Afrika im Jahr 2050 rund 2,4 Mrd. Menschen zählen wird und nur fünf Jahrzehnte später bereits über 4 Mrd. Sollten die jüngsten Projektionen eintreten, würden am Ende dieses Jahrhunderts fast 40% der Weltbevölkerung in Afrika leben – viermal mehr als in Nordamerika und Europa zusammen.

Während Nigeria mit seinen rund 180 Mio. Menschen derzeit das einzige afrikanische Land unter den weltweit zehn bevölkerungsreichsten ist, werden nach Voraussage der Uno im Jahr 2100 mindestens drei weitere dazukommen: Demokratische Republik Kongo, Tansania und Äthiopien. Nigeria dürfte dann mit über 700 Mio. Menschen hinter Indien und China bereits auf Platz drei liegen. Schon jetzt werden in dem völlig vom Öl abhängigen Land jedes Jahr mehr Kinder  geboren als in der gesamten EU.

Infrastrukturen reichen nie

Obwohl in den nächsten achtzig Jahren viel geschehen kann, steht keines der bevölkerungsreichsten Länder in Afrika für Stabilität und Wohlstand. Im Gegenteil: Eine Vervierfachung der Bevölkerung in nur drei Generationen dürfte die Lage nirgendwo verbessern. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat wiederholt darauf verwiesen, dass mit so viel mehr Menschen auch der Bedarf an Infrastrukturen wie Schulen, Strassen oder Spitälern entsprechend stark steigt, die in Afrika bereits jetzt an allen Ecken und Enden fehlen. Dies führe aber dazu, dass immer weniger Mittel in die Schaffung wettbewerbsfähiger Wirtschaftsstrukturen flössen, was die Probleme in den vielen zerbrechlichen afrikanischen Staaten eher noch verschärfen werde.

Als Folge dürfte die Zahl der Afrikaner, die in Europa oder anderswo ein besseres Leben suchen, um ein Mehrfaches steigen. Dies erklärt sich schon damit, dass Afrika einen immer grösseren Anteil der jungen Menschen weltweit stellen wird: Im Jahr 2100 dürfte dort fast die Hälfte aller Bewohner der Erde in der Altersgruppe unter vierzehn Jahre leben. Dabei kann schon jetzt die übergrosse Mehrheit der afrikanischen Länder ihre Bevölkerung nicht ernähren, geschweige denn die in Afrika pro Jahr benötigten rund 20 Mio. neue Arbeitsplätze schaffen. Dennoch passiert noch immer fast nichts, um die unhaltbaren Zuwachsraten in Afrika zu stoppen – oder die vorhandene Landfläche aktiver zu nutzen, etwa mit einer Agrarreform, die Millionen von Kleinbauern eine gewisse Rechtssicherheit über ihre immer kleineren Parzellen geben würde.

Gross ist in Europa deshalb die Sorge, dass nach der Migration aus Nahost nun auch der Zuzug  aus Afrika völlig aus dem Ruder laufen könnte, zumal fast überall im Westen Ratlosigkeit über die richtige Strategie herrscht. Sicher ist nur, dass die Bekämpfung der Fluchtursachen, wie sie zu Wochenbeginn auf einer grossen Afrikakonferenz in Berlin debattiert wurde, ein sehr langfristiges Unterfangen sein wird. Sicher ist aber auch, dass ein stärkeres Engagement des westlichen Privatsektors in Afrika, wie es nach dem Versagen der Entwicklungshilfe nun geplant ist, für sich allein den dringend notwendigen rigorosen Schutz von Europas Aussengrenzen nicht ersetzen kann.

Ein bisschen mehr Wohlstand genügt nicht

Welche Anziehungskraft der Traum von einer besseren Zukunft im Westen überall in Afrika hat, zeigen die aktuellen Zahlen. So kamen in den ersten drei Monaten fast  50% mehr Afrikaner in die EU als noch Anfang vergangenen Jahres, fast alle nach Italien. Experten rechnen für ganz Europa mit bis zu 400 000 Flüchtlingen aus Afrika in diesem Jahr. Entsprechend stark ist Afrika auf Europas Prioritätenliste nach oben gerückt.

Wer jedoch glaubt, der enorme Zuwachs an Menschen würde sich mit etwas mehr Wohlstand in Afrika von selbst erledigen, unterliegt einem Trugschluss. Denn das patriarchalisch geprägte Afrika folgt eigenen kulturellen Regeln, die im Westen jedoch oft tabuisiert werden. So reduziert zum Beispiel der von vielen Koranschulen in Afrika gepredigte islamische Bildungskodex Frauen auf die Rolle von Gebärmaschinen, wozu die Hilfsorganisationen aber lieber schweigen – vermutlich aus Angst, bei einem offenen Anprangern der Missstände womöglich als «nicht ausreichend kultursensibel» zu gelten.

Besonders dramatisch ist die Lage im Niger, der neuerdings vom Westen als Durchgangsland vieler Flüchtlinge auf ihrem Weg zum Mittelmeer besonders hofiert wird. Vor allem in den muslimischen Regionen haben die polygamen Männer hier im Schnitt sieben Kinder mit jeder ihrer vielen Frauen. Seit der Unabhängigkeit 1960 hat sich die Bevölkerung des knochentrockenen Sahellandes von 3,5 Mio. auf über 20 Mio. Menschen fast versechsfacht. Doch statt die Bevölkerungsexplosion zu stoppen, bohrt die Entwicklungshilfe munter weiter Brunnen und forciert damit den Zuwachs.

Machtgefälle Mann-Frau

Häufig entscheidet in Afrika zudem noch immer der Mann allein über die Familienplanung, zumal Kinder ein Symbol für seine Männlichkeit sind. Nirgends ist der Druck auf kinderlose Frauen dadurch grösser als hier. Frauen, die keine Kinder kriegen wollen oder können,  werden oft verlassen. Um dies zu ändern, müssten die Machtstrukturen zwischen Mann und Frau in Afrika grundsätzlich reformiert werden. Doch das braucht Zeit, die der Kontinent nicht mehr hat.

Ob sich die Lage bildlich gesprochen so spät am Tag noch wenden lässt, hängt vor allem davon ab, ob der Westen seine kulturell bedingten Berührungsängste überwindet und Afrikas politisches Führungspersonal gerade in Fragen der Bevölkerungskontrolle viel stärker in die Pflicht nimmt. Der immer grössere Druck an den Aussengrenzen der Europäischen Union und das Wissen, dass sich Afrikas Wirtschaftslage – wenn überhaupt – nur sehr  langfristig verbessern wird, könnten im Westen gerade noch rechtzeitig zum Weckruf für eine realistischere Migrations- und Bevölkerungspolitik gegenüber dem Kontinent im Süden werden.

Leser-Kommentare

Jürg Brechbühl 26.06.2017 - 08:19

Erholsam, dass da einer jenseits des Gedusels unserer DEZA und der von Bundesgeldern abhängigen NGOs Klartext redet.