Meinungen

Afrikas Leitstern Äthiopien ist am Verglühen

Im Land am Horn Afrikas drohen «jugoslawische» Zustände. Das wäre ein Schlag für den ganzen Kontinent. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

Manfred Rösch
«Die Schifffahrtsroute vom Roten Meer in den Indischen Ozean liegt vor der Haustür, schlimmstenfalls drohten grosse Fluchtbewegungen, und der militante Islamismus hätte ein Tummelfeld mehr.»

Afrikas ältester Staat, dessen einziges Land, das nie eine Kolonie war, ist in existenzieller Not: Äthiopien könnte zersplittern wie einst Jugoslawien – wenigstens machen solche Bedenken bei Beobachtern die Runde. Das wäre keine Petitesse, keine der leider häufigen Kalamitäten auf diesem Kontinent: Die Fläche des Landes ist doppelt so gross wie diejenige Frankreichs, die Bevölkerung mit 115 Mio. wiederum fast doppelt so gross wie die von Italien.

Äthiopien liegt am Horn Afrikas; allfällige «jugoslawische» Zustände würden sich auf die ganze Nachbarschaft auswirken. Eritrea, bis zur Loslösung 1993 nach einem blutigen Bürgerkrieg selbst Teil Äthiopiens, ist bereits in die Wirren involviert. Die Schifffahrtsroute vom Roten Meer in den Indischen Ozean liegt vor der Haustür, schlimmstenfalls drohten grosse Fluchtbewegungen, und der militante Islamismus hätte ein Tummelfeld mehr.

Vor allem: Sollte ausgerechnet Äthiopien zum «failed state» degenerieren, wäre das ein moralischer Schlag für ganz Afrika. Dieses Land blickt auf eine eindrücklich lange Geschichte zurück. Schon im ersten Jahrhundert nach Christus bildete sich dort das Königreich von Aksum, eine Vorform abessinischer bzw. später äthiopischer Staatlichkeit. Das Land übernahm die christliche Religion und entwickelte eine eigene Schriftkultur. Die in den Fels gehauenen Kirchen von Lalibela sind ein Kulturdenkmal von hohem Rang.

König der Könige, Vatergestalt Afrikas

Kein Wunder, dass in der Phase der Dekolonialisierung in den 1960er-Jahren so manche junge Republik auf dem Kontinent für seine neue Flagge die äthiopischen Farben Rot-Gelb-Grün übernahm, die Farben auch der panafrikanischen Bewegung. Kein Wunder ferner, dass die Afrikanische Union, der lose Zusammenschluss der Staaten des Kontinents, ihren Sitz in Addis Abeba («Neue Blume») hat. Seinerzeit galt Kaiser Haile Selassie – der Negusa Negast, König der Könige – vielerorts in Afrika als Leitstern, als Verkörperung des erwachenden Selbstbewusstseins und der Renaissance des Kontinents. Haile Selassie war der erste Vorsitzende der Afrikanischen Union.

Dieser letzte Kaiser übrigens, der traditionsgemäss als Nachfahre der legendären Königin von Saba und des israelitischen Herrschers Salomo verehrt wurde, galt über Afrika hinaus als Vater der Afrikanischstämmigen. 1954 wurde er anlässlich eines Staatsbesuchs in den USA im New Yorker Stadtteil Harlem triumphal empfangen. Eine drollige Fussnote der Geschichte sind die Rastafarians, eine Bewegung, die 1930 in Jamaika entstand und Ras Tafari Makonnen (wie Haile Selassie als Prinz hiess) als den Messias betrachtet. 1966 erwies der Kaiser Jamaika die Ehre; am Flughafen von Kingston erwarteten ihn verzückte Bob-Marley-Typen sonder Zahl, und es ist wohl mehr als eine Legende, dass die Luft von Marihuana geschwängert war.

Während seinerzeit rundum Briten, Franzosen, Belgier, Portugiesen und Italiener schier ganz Afrika unterworfen hatten, herrschte in Abessinien bzw. Äthiopien eine Dynastie – keine Parvenus, sondern aus dem Hause David –, die ihresgleichen nur in den 1918 versunkenen drei Kaiserhäusern Europas oder dem osmanischen Sultanat sah, zudem im persischen und japanischen Herrscherhaus. Äthiopien war in der Zwischenkriegszeit Mitglied des Völkerbunds (Liberia übrigens auch, dieses von den USA aus eingerichtete Konstrukt für ehemalige Sklaven, die auf den Kontinent der Vorväter ziehen wollten). Der Völkerbund liess dann Äthiopien 1935 schmählich im Stich, als Mussolinis Kriegshelden einmarschierten; schon 1941 war es mit dem grössenwahnsinnigen Zwischenspiel «Africa Orientale Italiana» jedoch vorbei.

Wie nach Titos Tod

Haile Selassie («Macht der Dreifaltigkeit»), der 1930 den Thron bestiegen hatte, hielt sein vielgestaltiges Reich als Patriarch einigermassen beisammen. Die Krone verlieh dem Gebilde von etwa 120 Völkerschaften und 84 Sprachen eine gewisse Stabilität. Doch mit der gebotenen Modernisierung des Landes, den dafür nötigen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Reformen war Haile Selassie überfordert, je länger er herrschte, desto mehr. Hier zeigt sich eine Analogie zur habsburgischen Doppelmonarchie: Auch in Wien war mit Franz Joseph ein Kaiser über (zu) viele Jahrzehnte im Amt, der immer weniger auf der Höhe der Zeit war. Die Fliehkräfte im «Völkerkerker» Österreich-Ungarn zerrten schon vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs gewaltig am fragilen Staatsgebilde.

In frischerer Erinnerung ist allerdings eben Jugoslawien. Marschall Tito herrschte bis zu seinem Tod 1980 schier als (mit der Zeit eher pro forma) kommunistischer Kaiser, der standesgemässen Pomp pflegte und als Übervater beachtliches Charisma ausstrahlte. Schon in der späten Ära Tito entwickelte die Regionalisierung Jugoslawiens freilich eine Eigendynamik, die dann, als er nicht mehr da war, völlig aus dem Ruder lief, mit den bekannten Folgen. Tito und Haile Selassie kannten und schätzten sich übrigens persönlich.

So sehr Äthiopiens Kaiser als Staatsmann überall auf der Welt hofiert wurde, so sehr sank sein Kredit in der Heimat, die er nicht aus der Rückständigkeit zu führen vermochte. 1974 putschte eine kommunistische Offiziersjunta. Haile Selassie starb ein Jahr darauf in Gefangenschaft, vermutlich wurde er ermordet. Das blutige Regime des Obersten Mengistu wütete bis 1991, als ihn namentlich die Befreiungsbewegung der im Norden gelegenen Provinz Tigray wegfegte. Diese führte dann bis 2018 die Regierung an, keineswegs immer besonders zartfühlend. Nunmehr bekämpfen sich die Regierung unter dem einstigen demokratischen Hoffnungsträger Abiy Ahmed und tigrinische Truppen bis aufs Blut, der Ausgang des Ringens ist offen.

Fast eine Art von Apartheid

Seit 1995 gilt in Äthiopien ein ethnischer Föderalismus. Die Verfassung der Demokratischen Bundesrepublik Äthiopien hat Gliedstaaten eingerichtet, die streng nach Sprache und Identität abgegrenzt sind, namentlich eben die Regionen der Tigray, der traditionell dominanten Amharen, der Oromo, der Afar oder der Somali. Gar nicht so böse Zungen sprechen von einer Abwandlung des einstigen südafrikanischen Apartheidsystems. Die Verfassung gewährt diesen Bundesstaaten das Austrittsrecht. Hier scheinen, auch wenn die Verwicklungen von aussen nur schwer durchschaubar und plausibel erklärbar sind, zunehmend zentrifugale Kräfte in Schwung zu kommen. Die kriegerische Abspaltung Eritreas könnte ein Vorspiel dessen gewesen sein, was Äthiopien blüht.

Graf Taaffe, Staatsmann in Franz Josephs Diensten, sagte einst: «Die Kunst, die Donaumonarchie zu regieren, besteht darin, alle ihre Länder in einem gleichmässigen Zustand leichter Unzufriedenheit zu halten.» So wenig die Zustände in der versunkenen Donaumonarchie mit denjenigen im heutigen Äthiopien gleichzusetzen sind, drängt sich doch die Befürchtung auf, dass dort die Unzufriedenheit längst nicht mehr bloss eine leichte ist.