Meinungen

Agrarrohstoffmärkte gewinnen an Bedeutung

Die nachhaltige Sicherung der Ernährung bedingt weltweit hohe Investitionen in die Infrastruktur sowie weitere Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Ernst Herb.

«Obwohl der Nahrungsmittelmarkt an Sprengkraft verloren hat, ist Gleichgültigkeit fehl am Platz.»

Eine rasant wachsende Weltbevölkerung, der Klimawandel und der Raubbau an der Natur sind Gefahren für die langfristige globale Nahrungssicherheit. Das ist nicht nur ein vages Horrorszenario. In weiten Teilen der südlich der Sahelzone liegenden afrikanischen Entwicklungsländer sind infolge des Ausbleibens von Niederschlägen, ausgelaugter Böden und einer in den vergangenen Jahren massiv gewachsenen Bevölkerung gemäss den Vereinten Nationen 40 Mio. Menschen von Hunger bedroht.

Trotz dieses alarmierenden Beispiels schenkt die Öffentlichkeit in den gesättigten Industriestaaten den Agrarrohstoffmärkten derzeit wenig Beachtung. Das ist umso bemerkenswerter, weil wohl kaum ein anderer Wirtschaftsbereich derart politisiert ist wie die Landwirtschaft.

Abhängigkeit reduzieren

Davon zeugen etwa die horrenden Subventionen, die reiche Staaten an ihre Bauern zahlen, oder die von Indien mit Hinweis auf die ausreichende Lebensmittelversorgung lange blockierten Verhandlungen über eine weitere Liberalisierung des Welthandels. Das jüngste Beispiel ist wohl das Kaufangebot, das der chinesische Staatskonzern ChemChina für das Schweizer Agrochemie- und Saatgutunternehmen Syngenta gemacht hat. Peking dürfte diese mit 43 Mrd. $ rekordhohe Investition schon wegen des hohen Preises nicht primär aus kommerziellen Gründen vornehmen. Die 1,3 Mrd. Einwohner zählende Volksrepublik will damit «aus Gründen der nationalen Sicherheit» vielmehr die Abhängigkeit von ausländischer Agrartechnologie reduzieren.

Es gibt einen Hauptgrund dafür, dass die Landwirtschaft gerade in reicheren Volkswirtschaften heute ein untergeordnetes Thema ist. In den letzten fünfzig Jahren sind gemäss der Uno-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO die Lebensmittelpreise trotz einer gleichzeitig um beinahe 200% gestiegenen Weltbevölkerung inflationsangepasst gefallen. Auch in Schwellenländern spielt die Lebensmittelpreisinflation dank des rapiden Wirtschaftswachstums heute eine weit weniger grosse Rolle als noch vor wenigen Jahren, als teurer werdende Nahrung nicht nur für breite Schichten Hunger mit sich brachte. Sie trieb auch den Konsumentenpreisindex und mit entsprechend weittragenden volkswirtschaftlichen Folgen die Zinsen in die Höhe.

Wie sehr sich all das geändert hat, zeigt China, wo im März die Preise der Grundnahrungsmittel 7,6% höher lagen als vor einem Jahr. Doch die Konsumentenpreise stiegen nur gerade 2,3% und bewegten sich damit weiterhin im Bereich des von der Notenbank angepeilten Inflationsziels. Die Haushalte geben dank der massiv gestiegenen Kaufkraft heute einen weit geringeren Anteil ihres Einkommens für Essen aus als noch vor zehn Jahren.

Dazu spielt in industriell verarbeiteten Lebensmitteln der ursprüngliche Rohstoff im Endpreis meist nur noch eine untergeordnete Rolle. Ein gutes Beispiel dafür liefert Kapselkaffee, wie ihn unter anderem Nestlé (NESN 83.08 -2.03%) verkauft. Der auf dem Terminmarkt notierte Preis von rohen Kaffeebohnen macht gegenwärtig weniger als 1% des Preises einer Kapsel aus. Obwohl der Nahrungsmittelmarkt vorderhand an sozialer Sprengkraft verloren hat, ist Gleichgültigkeit aber fehl am Platz. Denn die seit einem halben Jahrhundert fallenden Preise können nicht über längerfristig existenzielle Gefahren wie die durch den Verlust der Artenvielfalt, die Klimaerwärmung oder gewaltige Vulkanausbrüche verursachten menschen- oder naturgemachten Desaster hinwegtäuschen. Die damit verbundenen Steigerungen der Preise für Grundnahrungsmittel würden Schockwellen an den Finanzmärkten auslösen, soziale Unruhen nach sich ziehen und geopolitische Erdbeben zur Folge haben.

Eine global koordinierte Politik zur Erhaltung effizienter Agrarmärkte, wie sie teilweise im Rahmen der FAO bereits besteht, ist nötiger denn je. Das macht ein Blick in die nicht allzu ferne Vergangenheit klar, der zeigt, dass verheerende Hungersnöte mit politischer Weitsicht oft vermeidbar wären. Denn nicht in erster Linie schlechte Ernten, sondern mangelnde Transparenz und eine falsche Agrarpolitik machen aus temporärer Lebensmittelknappheit erst eine Hungerkatastrophe.

Vor vier Jahrzehnten etwa bewirkte in Indien das Ausbleiben von Niederschlägen einen beinahe 20% tieferen Ernteertrag. Gleichzeitig kaufte die ebenfalls unter aussergewöhnlicher Trockenheit leidende Sowjetunion am globalen Agrarrohstoffmarkt im Geheimen grosse Mengen Weizen (Weizen 173.3 0%) ein. Die deswegen deutlich gestiegenen Preise trieben in den USA die Inflation an, worauf Washington ein Exportverbot für Getreide erliess, das die Preisspirale weiter nach oben trieb und damit Lebensmittel für Millionen armer Familien in Indien unerschwinglich machte.

Die grösste Hungerkatstrophe der Neuzeit, der vor einem halben Jahrhundert schätzungsweise bis zu 45 Mio. Chinesen zum Opfer gefallen sind, war sogar ganz menschengemacht. Mao Tsedong, der Vorsitzende der Kommunistischen Partei, wies die  Bauern an, ihre Feldarbeit aufzugeben und stattdessen in selbst gebauten Hochöfen Stahl zu produzieren. Mit dem sogenannten «grossen Sprung»  sollte die Volksrepublik binnen kürzester Zeit zu den Industrienationen aufschliessen. Weil die Zensur das Ausmass der aus diesem verunglückten Abenteuer folgenden Katastrophe verdeckte, wurde das Experiment nicht rechtzeitig abgebrochen.

«Grüne Revolution»

Dass diese ausserordentlichen Ereignisse den Trend zu günstigeren Grundnahrungsmitteln nicht brechen konnten, ist der Produktivitätssteigerung im Agrarsektor zu verdanken. Möglich machten sie der Bau gross angelegter künstlicher Bewässerungssysteme, bessere Landwirtschaftsmaschinen, der Einsatz von Pestiziden und Kunstdünger sowie vor allem die Einführung Hochertrags-Pflanzensorten. William Gaud, der damalige Geschäftsführer der amerikanischen Entwicklungshilfeagentur USAID, hat all dem vor einem halben Jahrhundert mit «grüne Revolution» einen Namen gegeben.

Doch diese Entwicklung ist nur nachhaltig, wenn die Infrastruktur mit hohen Investitionen ständig erneuert wird, die Artenvielfalt durch den Schutz der Umwelt erhalten bleibt und vor allem die Forschung über hoch ertragreiche Pflanzensorten kontinuierlich weiter betrieben wird. Dass der chinesische Staat jetzt mit der angestrebten Übernahme von Syngenta die grösste je von einem chinesischen Unternehmen durchgeführte Direktinvestition im Ausland vornehmen will, unterstreicht, welche Bedeutung der Saatguttechnologie zukommt. All das lässt erahnen, dass die nachhaltige Sicherung der Ernährung auch in den traditionellen Industriestaaten von der Peripherie in das Zentrum der Politik rücken wird.

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