Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier 90 Jahre FuW
Unternehmen / Schweiz

AI – der Patron

Er war ein willensstarker «Haudegen» von stets eleganter Erscheinung: Alfred Isler machte das Blättchen FuW zur angesehenen Marke in der Schweizer Finanz- und Wirtschaftsszene.

Die Schlüsselgestalt in der Historie von «Finanz und Wirtschaft» war Alfred Isler. Er übernahm FuW als marginales Blättchen, das redaktionell und kommerziell seit Jahren kaum vorankam, wenig Elan und Perspektive hatte und wohl längst nicht mehr bestünde, wenn nicht einer resolut das Ruder ergriffen hätte.

Einer eben wie AI, so sein legendäres Kürzel. Er kaufte 1961 eine Zeitung mit gerade eben 3000 Abonnenten, glaubte jedoch fest und zu Recht an das Potenzial für ein profiliertes Presseerzeugnis im Banken- und Börsenmarkt. Als er 1988 starb, betrug die Auflage mehr als das Zehnfache, und «Finanz und Wirtschaft» war eine angesehene Marke in der Schweizer Finanz- und Wirtschaftsszene.

Gewiss war und ist die nun neun Jahrzehnte lang erscheinende FuW nicht einfach das Werk eines Einzelnen, doch die Persönlichkeit AI gab den Ausschlag dafür, dass FuW sozusagen nach langer Kindheit zügig durch Pubertät und Adoleszenz vorankam und erwachsen in die Hände der nächsten Führungsgeneration gelangte.

AI muss, wie Zeitzeugen glaubhaft versichern, ein kantiger Charakterkopf gewesen sein. Willensstark, energisch, ehrgeizig, unerschrocken, fordernd und fördernd, autoritär; ein «Haudegen» von stets eleganter Erscheinung, wie ein ehemaliger FuW-Mitarbeiter sagt. Dass Isler schon seit jungen Jahren an Diabetes litt, tat seinem Einsatz- und Aufstiegswillen keinen Abbruch, im Gegenteil.

Kenner der Wirtschaftswelt

Der Jurist Isler war 1949, als 27 Jahre junger Auslandschweizer, aus Frankfurt in die alte Heimat gezogen, nach Wädenswil, ohne Reichtümer im Gepäck. Seine erste Stelle fand er bei der dortigen Filiale der Volksbank, er arbeitete als Finanzberater, schliesslich im Rang eines Prokuristen. Dort lernte er die Wirtschaft, besonders das Finanzwesen, vertieft kennen. Seine Frau verdiente bei Lindt & Sprüngli (LISN 77900 -0.13%) dazu, am Schokolade-Fliessband. Schon ab 1951 schrieb AI, ein gescheiter, belesener Typ, gelegentlich, dann ständig Artikel für «Finanz und Wirtschaft».

Im April 1961 kaufte AI die Publikation dem vorherigen Besitzer Hans Herrmann ab, wofür er sich verschulden musste. Am 1. Juni gründete Isler den Verlag Finanz und Wirtschaft AG, und schon zu Monatsende stellte er die Erscheinungsweise von Dienstag/Freitag auf die nach wie vor geltende Kadenz Mittwoch/Samstag um. Zugleich erweiterte er die Standardausgabe von neun auf zwölf Seiten und führte die Seitennummerierung ein.

Damals arbeiteten fünf Personen in vier Büros für das Blättchen FuW, und der Jahresumsatz erreichte knapp 300 000 Fr. Als AI 1988 starb, kurz vor seinem 66. Geburtstag, war FuW auf eine beglaubigte Auflage von über 30 000 gewachsen und erwirtschaftete mit rund fünfzig internen Beschäftigten sowie sechzig externen Mitarbeitern gegen 20 Mio. Fr. Umsatz. Das Erfolgsrezept war die strikte Ausrichtung auf Kapitalanleger, wodurch sich FuW klar unterschied von anderen Wirtschaftspublikationen, von der Tagespresse ohnehin. Offensichtlich war es AI und seiner Mannschaft gelungen, einem wachsenden Marktbedürfnis passgenau zu dienen.

Unkonventionell, ungeniert

In der seinerzeit streckenweise noch etwas betulich-alteidgenössischen Schweizer Wirtschaftswelt  (als die UNO-Formel galt: Unternehmer, Nationalrat, Oberst) fiel der Outsider AI, der nie akzentfrei Schweizerdeutsch sprach, durch seine oft unkonventionelle, ungenierte Herangehensweise auf. Er packte gerne Neues an und setzte seine Ideen konsequent, wenn nicht gar verbissen um. Geschäftspartner lernten AI kennen als harten Verhandler und kühlen Rechner, Mitarbeiter als willensstarke Kämpfernatur, Freunde als grosszügigen Menschen. Eine Pioniergestalt eben – dementsprechend kein bequemer Mensch.

In einem Nachruf schrieb der damalige Präsident des Verwaltungsrats von Sika (SIKA 121.9 -2.09%), Romuald Burkard: «Im Grunde genommen blieb er immer der gelernte Jurist mit einer humanistischen Bildung, der es verstand, Tatbestände scharf zu analysieren und sie … glaubhaft zu interpretieren.» Burkard erinnerte sich an den Rat, mit dem AI Diskussionen in die richtigen Bahnen zu lenken pflegte: «Halten wir uns doch vorerst einmal an die Tatsachen!»

Islers Mission war es, die Interessen der (kleinen) Publikumsaktionäre zu verfechten, und er war überzeugt davon, dass alle, die es sich irgendwie leisten können, in einer freien Marktwirtschaft Aktien besitzen sollten. AI schrieb pointiert und energisch – auf seiner alten mechanischen Schreibmaschine mit den abgenutzten Typen. Er vertrat seine Meinung entschieden und liess sich von Druckversuchen erst recht motivieren. Scheu vor «grossen Tieren» kannte er nicht; AI pochte unablässig auf mehr Transparenz (in Zeiten, als Geschäftsberichte noch dürftig waren, während sie unterdessen eher durch Ausuferung verwirren). Der Blickwinkel der Anleger definiert heute noch das Kerninteresse von FuW.

Dazu eine Episode: Anno 1969 verklagte eine Finance and Investment Company (Bermuda) Ltd. gleichzeitig die damalige Schweizerische Kreditanstalt und FuW auf 100 Mio. $ (seinerzeit 430 Mio. Fr.) Schadenersatz. FuW und auch die SKA hatten den Wert von Aktien aus einer Emission dieser Gesellschaft bezweifelt. Die Klage aus Bermuda wurde in allen Instanzen abgewiesen.

1975 war die Auflage bereits auf über 20 000 gestiegen. FuW – schon von Beginn weg ein nomadisierender Betrieb und über die Jahre an mehreren Zürcher Adressen zu Hause – zog in ein (erstes) eigenes Verlagshaus. AI investierte fortwährend in seine FuW, er brachte zudem Specials heraus und führte Tagungen durch, gründete ein Institut für Kapitalanleger und stellte der FuW einen hochkarätigen Beirat zur Seite. Die Redaktion wuchs.

Es war Islers Idee, das Blatt mit einem grossen Leitartikel aufzumachen; dort stand nicht mehr (nur) die Thematik der Geldanlage unmittelbar im Vordergrund. Dass der Kompass ordnungspolitisch-wirtschaftsliberal justiert war und ist, liegt auf der Hand. AI schrieb selbst – in einem seiner letzten Leitartikel steht etwas nur allzu Zeitloses: «Wer von den heutigen Politikern wird je für sein Schuldenmachen zur Verantwortung gezogen werden?» Martin Ungerer, einst Chefredaktor des Konkurrenzblatts «Handelszeitung», erinnerte sich 2003 so an AI: «Alfred Isler war kein Suchender. Er hatte eine Meinung und tat sie kund. Mit seinem Kommentar musste man rechnen und freute sich darauf, rückte er doch vieles wieder in ein neues Licht.»

AI gelang es zudem auch, noble Namen zu rekrutieren: Ralf Dahrendorf, Salvador de Madariaga oder Otto von Habsburg etwa, auch Fritz Leutwiler, als amtierender Direktoriumspräsident der Schweizerischen Nationalbank, schrieb Leitartikel. Manche Betrachtung aus diesen edlen Federn ist übrigens heute noch verblüffend lesenswert. So schrieb de Madariaga 1971 von einem Europa, das «hilflos zwischen Amerika und Russland» schlingere. Plus ça change…

«Aggressiver Charme»

Dass AI zu solchen Persönlichkeiten Zugang fand, zeigte auch, dass er zum Insider geworden war. Einladungen zu FuW-Anlässen wagten nicht einmal Bundesräte auszuschlagen; der damalige Volkswirtschaftsminister Ernst Brugger sprach anerkennend-amüsiert von Islers «aggressivem Charme».

Es war auch die Idee des Patrons, gesellschaftliche Anlässe (das legendäre Dîner Musical etwa) unter der Marke FuW zu etablieren, obschon AI lockerem Feiern nicht besonders zugeneigt war – sein wirkliches Hobby war FuW. Sowohl das Format des grossen Kommentars wie auch Feste für Gäste wurden von Islers Nachfolgern weitergeführt und fortentwickelt. Dass die intensive, langjährige Kontaktpflege in die ganze schweizerische Wirtschaftsszene hinein sich journalistisch wie auch unter Marketingaspekten lohnte, liegt auf der Hand.

1975 trat Alfred Islers Sohn Gerhart ins Unternehmen ein, zunächst in der Absicht, nur kurz zu bleiben. Dass GI neben AI durchhielt, war nicht selbstverständlich, denn AI vertraute primär sich selbst; Vater und Sohn waren zudem ganz unterschiedliche Typen. Ab 1985 machten sich beim Seniorchef die gesundheitlichen Probleme zunehmend bemerkbar; AI hatte schwer zu leiden und starb früh. Die Früchte langer Jahre des Arbeitens und Investierens konnte er nicht mehr geniessen – just damals begann sich der Erfolg allmählich substanziell messen zu lassen.

Wäre AI ein längeres Leben vergönnt gewesen, hätte er FuW, wesentlich dank seiner Lebensleistung ein etabliertes Blatt, wohl noch eine ganze Weile inspiriert.

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