Märkte / Derivate

Aktive Zertifikate sind gefragt – und riskant

Nicht für alle aktiven strukturierten Produkte ist Kaufen und Halten das richtige Rezept.

Welche strukturierten Produkte haben eine besonders vielversprechende Zukunft? Die Antwort kommt von rund hundert Spezialisten aus der Derivatbranche, versammelt am internationalen Forum für strukturierte Produkte am Mittwoch in Luzern.

Auf dem zweiten Rang sind aktiv verwaltete Zertifikate, genannt AMC (Actively Managed Certificates). Sie bilden einen Korb aus Aktien ab, die umgeschichtet werden können – entweder nach vorgegebenen Regeln oder gemäss den Entscheidungen eines Investment-Managers.

Noch besser ist die Zukunft gemäss den Derivatspezialisten nur für Standardprodukte, dazu gehören die bei Anlegern besonders beliebten Barriereprodukte mit Coupon. Weiter unten auf der Rangliste folgen dann Zertifikate auf Zinsen, Kreditinstrumente, Währungen oder Rohstoffe.

Günstiger als Fonds

Für aktiv verwaltete Zertifikate habe der Schweizerische Verband für Strukturierte Produkte (SVSP) «mit dem grossen Einsatz zahlreicher Anbieter Standards aufgesetzt», sagte SVSP-Präsident Georg von Wattenwyl. AMC würden für die Branche immer wichtiger. Damit kämen auch neue Anbieter in den Markt, was zu begrüssen sei. Allerdings brauche es Richtlinien, um eine gute Qualität sicherzustellen. Die SVSP-Standards seien ein Gütesiegel.

Ein Vorteil gegenüber aktiven Fonds sind die tieferen Kosten. Es gebe weltweit etwa 4300 Anlagefonds und 2500 Hedge Funds, die wegen ihrer Rechtsform für den Anbieter nicht profitabel seien, sagte Stefan Wagner von Vestr, einem Dienstleister für Zertifikate. «Wären sie als AMC aufgesetzt worden, wären sie profitabel.»

Fonds haben für Investoren den Vorteil, dass das Anlagevermögen rechtlich geschützt ist. Es steht dem Anleger zu, falls der Fondsanbieter in Konkurs geht. Zertifikate sind Schuldverschreibungen des Emittenten. Bei einer Pleite kommt das Anlagevermögen in die Konkursmasse.

Seltene Erden und Cannabis

Inwiefern sich aktives Anlegen lohnt, ist wegen oft mangelhafter Performance und höherer Gebühren umstritten. Besonders gering sind die Kosten bei passiven börsengehandelten Indexfonds (Exchange Traded Funds, ETF). Auch sie sind eine Konkurrenz für aktive Zertifikate.

Doch nicht nur bei Fonds, sondern auch bei AMC ist nicht garantiert, dass sie den Aktienmarkt langfristig übertreffen. Versucht wird das etwa mit Anlagethemen. Dazu werden die Aktien gezielt ausgewählt und dann je nach Ausgestaltung des Zertifikats über die gesamte Laufzeit gehalten oder nach gewissen Kriterien periodisch umgeschichtet.

Ein solches Thema sind seltene Erden (Rare Earth), die wichtig sind für die Produktion von Smartphones, Fernsehern, Flugzeugturbinen oder Lasern. Ein Zertifikat auf Aktien entsprechender Minengesellschaften gewann 2011 an den Swiss Derivative Awards einen Preis. Es bezieht sich auf einen von Solactive berechneten Rare Earth Index. Dieser hat sich von Anfang 2009 bis Frühling 2011 versechsfacht, ist dann aber abgestürzt und hat 2016 das Tiefst erreicht. Bis heute hat sich der Index kaum erholt, obwohl China als wichtigster Lieferant von seltenen Erden im Handelsstreit gedroht hat, die Versorgung der USA einzuschränken.

Ein AMC auf einen Korb aus Aktien von Unternehmen, die in den USA oder Kanada Cannabis anbauen oder verkaufen, hat im vergangenen Frühling einen Swiss Derivative Award gewonnen. Nach der Lancierung im April 2018 stieg das Zertifikat zügig und erreichte ein halbes Jahr später mit einem Kursgewinn von 60% seine Spitze. Nach markanten Schwankungen notiert es heute jedoch unter dem Kurs bei Emission.

Sharing Economy reüssiert

Erfolgreich ist ein Zertifikat auf Unternehmen aus der Sharing Economy, bei der Güter geteilt werden. Dazu gehören die Internet-Videothek Netflix (NFLX 286.28 0.71%) oder der Online-Dienst Grubhub für die Lieferung von Speisen aus Restaurants in der Nachbarschaft. Die Laufzeit des Zertifikats beträgt drei Jahre, was kurz ist, um auf einen Megatrend zu setzen. Doch die Erfahrung zeigt, dass bei genügender Nachfrage ein Nachfolgeprodukt emittiert wird. Das Zertifikat hat 2018 einen Swiss Derivative Award gewonnen und übertrifft den Weltaktienindex um Längen.

Leser-Kommentare