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Albert Gallatin: Der Hüter des Tresors

Der vierte amerikanische Finanzminister war als Jugendlicher aus Genf in die USA ausgerissen. Niemand diente je länger als Secretary of the Treasury. 

Der Regierung den Geldhahn zusperren – das hat in den USA eine lange Tradition. Einer der Ersten, wenn nicht der Erste, der das praktizierte, war ein Kongress-mann mit französischem Zungenschlag: Albert Gallatin, geboren 1761 in Genf. Später rückte er vom Parlament ins Kabinett auf und diente dreizehn Jahre als Secretary of the Treasury – bisher der Rekord.

Wie wird aus einem Genfer Patrizierspross der weitaus wichtigste Schweizer in der Geschichte der USA, verewigt in Namen von Counties, Städten, Strassen, Schulen? Auf gewundenem Pfad.

Albert wächst als Waise, doch wohlbehütet auf, es fehlt ihm an nichts. Ausser an Geist der Freiheit, den er in der Académie de Genève aufsaugt, aus der Lektüre der französischen Aufklärer.

Genf wird Gallatin bald zu eng. Mit just neunzehn Jahren haut er ab. Im Juli 1780 erreicht er Boston. Die Lehr- und Wanderjahre in der neuen Heimat, die im Unabhängigkeitskampf gegen die Briten steht, sind schwierig. Gallatin treibt Handel in Maine, lehrt Französisch in Harvard, wird 1784 Farmer in Pennsylvania.

In den 1790er Jahren gründet er eine Familie und beteiligt sich an Gewerben. Gallatin erwirbt sich den Ruf als kluger, mutiger Macher: Er beruhigt die Pflanzer im Westen des Staates, die gegen die von Finanzminister Alexander Hamilton eingeführte Whisky-Steuer rebellieren.

1790 wird Gallatin ins pennsylvanische Parlament gewählt, schon 1793 in den US-Senat. Doch die Kollegen kippen ihn aus der Kammer, weil er noch nicht lange genug US-Bürger ist. Die Federalists stimmen gegen ihn, die Anti-Federalists für ihn. Gallatin ist nämlich ein Widersacher Hamiltons, eines Gründervaters der USA. Hamilton führt die Federalists, die Partei, die vor allem die Händlerschicht der Hafenstädte vertritt und den Aufbau einer starken Zentralregierung vorantreibt, mitsamt Währung, Zentralbank, Münzstätte, Zöllen, Kreditaufnahme für Washington zur Förderung der Wirtschaft, Tilgung der im Revolutionskrieg entstandenen Schulden der dreizehn Staaten durch die Union.

Sein Gegenspieler ist Thomas Jefferson, der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung. Er vertritt die ländlichen, südlichen Staaten und will eine dezentralisierte Republik. Hamilton fürchtet Anarchie und will Ordnung, Jefferson fürchtet Tyrannei und will Freiheit. Gallatin steht an Jeffersons Seite.

Der Rausschmiss aus dem Senat verleiht Gallatin die Glorie des Märtyrers. 1795 wird er ins Repräsentantenhaus gewählt. Er wird bald Fraktionschef und hilft, den Finanzausschuss zu gründen; zudem piesackt er fortwährend den allzu spendablen Finanzminister.

Als Jefferson 1801 Präsident wird, übernimmt Gallatin fast automatisch das Finanzministerium. Er behält es bis 1814, als schon James Madison regiert. Gallatin sieht in Staatsschulden die Wurzel von Korruption und von legislativer Ohn- bzw. exekutiver Allmacht. Zu Amtsantritt beläuft sich die Last auf 80 Mio. $. Gallatin verwendet drei Viertel der Einnahmen zur Tilgung und reduziert die Schulden der Union 1802 auf 45 Mio. $; den Rotstift setzt er vor allem bei Armee und Marine an. 1803 kratzt er die erforderlichen 15 Mio. $ für den Kauf des  riesigen Louisiana-Territoriums zusammen – heute läppische 250 Mio. $.

1812 kommt es zum Krieg mit den Briten; die Schulden schnellen auf 123 Mio. $ hoch, die Einnahmen reichen bei weitem nicht, und es gibt keine Notenbank; Gallatin legt Anleihen auf. Nach seinem Rücktritt unterstützt er die Gründung der Second Bank of the United States (BUS), eines Fed-Vorläufers: Hamiltons Politik aus Gallatins Hand.

Später ist Gallatin Botschafter in Paris und London und wirkt in der Wissenschaft. 1824 steht er gar als Kandidat für die Vizepräsidentschaft zur Debatte, doch er ist kein Wählermagnet: zu kühl, zu kopflastig. Der «Elder Statesman» Gallatin kämpft für die Fortführung der BUS, doch Präsident Andrew Jackson lässt deren Charter 1836 auslaufen.

Übrigens: Gallatin, bis zu seinem Tod 1849 geschäftlich tätig sowie Gründer der New York University, bezeichnet den Populisten Jackson als amtsunfähig, wegen militärischen Gehabes, Inkompetenz und Verachtung für die Verfassung.

Jacksons Porträt ziert heute das Oval Office von Präsident Donald Trump.

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