Unternehmen / Ausland

Alberto Nagel ist neuer Konzernchef – Ausbau des Auslandgeschäfts – Italienisch-französische Gemeinsamkeiten

Ueli Schärer

Von Günther Depas
Mailand

Die Mailänder Investmentbank Mediobanca startet mit der Neuordnung ihres bisherigen Führungssystems in eine neue Phase ihrer langen Entwicklung. An die Stelle des alten Verwaltungsrats, in dem neben dem Management auch die Repräsentanten der Aktionäre Sitz und Stimme besassen, ist jetzt ein duales System getreten – mit der Einführung eines Vorstands und eines Aufsichtsrats, der sich als Sammelbecken der Kontrollaktionäre begreift.
Zum Vorstandsvorsitzenden wurde Alberto Nagel (42) ernannt, der seit 2003 als Generaldirektor die Leitung der Bank innehatte, während sein bisheriger Ko-Generaldirektor Renato Pagliaro (50) das Präsidentenamt des Vorstands bekleidet und in dieser Funktion weiterhin für die strategischen Beteiligungen zuständig ist. Eigentlicher CEO und Sprecher der Bank ist damit Alberto Nagel, dem die Mailänder Investmentbank die Neuordnung der vergangenen vier Jahre mit der Erweiterung der Investmentaktivitäten verdankt. Ihm ist ausserdem die gezielte Ausrichtung der Mailänder Investmentbank auf ausländische Märkte zuzuschreiben. Dabei sind Niederlassungen in Paris und Frankfurt eröffnet worden, denen bald Filialen in Madrid und Moskau sowie die Niederlassung von Mediobanca Securities in New York folgen werden. Der Doppelspitze Nagel-Pagliaro werden drei stellvertretende Generaldirektoren zur Seite stehen – Maurizio Cereda, Massimo Di Carlo und Saverio Vinci – die ebenfalls seit Jahren Führungsverantwortung wahrnehmen.

Keine Hausmacht

Präsident des Aufsichtsrats wurde Cesare Geronzi, bislang Präsident der römischen Grossbank Capitalia, die kürzlich mit Unicredit fusioniert hat. Geronzi wurde auch mit dem Präsidium des Kontrollsyndikats betraut. Er ist damit als Repräsentant der Aktionäre die Schlüsselfigur, die künftig die Fäden für strategische Entscheide in der Hand hält. Entgegen den Erwartungen erhielt der bisherige Präsident von Mediobanca, Gabriele Galateri di Genola, keine institutionellen Posten, sondern wird in enger Kooperation mit dem Vorstand als Senior Advisor für die Entwicklung des Auslandsgeschäfts tätig sein. Zu dieser Rückstufung geäussert hat sich Tarak Ben Ammar, der im Aufsichtsrat zusammen mit dem Financier Vincent Bolloré die Präsenz der französischen Aktionärsgruppen markiert – die offiziell rund 10% des Mediobanca-Kapitals vereinen. Ihm zufolge hätte Gabriele Galateri den Posten als Aufsichtsratspräsident nicht ausfüllen können, weil er über keine Aktionärshausmacht verfügt. Beobachter halten es deshalb für wahrscheinlich, dass Galateri, der seit 2003 das Präsidialamt von Mediobanca bekleidete, es nicht lange bei der neugeordneten Mailänder Bank aushalten wird, vor allem, wenn – was als wahrscheinlich gilt – er auch noch den Posten als Vizepräsident von Assicurazioni Generali abgeben muss – deren grösster Aktionär Mediobanca ist. Doch das Auffangnetz ist möglicherweise bereits gespannt: Beobachter rechnen damit, dass Galateri der Präsidentensessel von Telecom Italia angeboten wird.
Die Neuordnung des Führungssystems lässt erkennen, dass Mediobanca eine entscheidende Rolle bei grösseren Operationen spielen könnte. Hinweise dafür gibt die Postenverteilung im Aufsichtsrat, wo sich Unicredit – die nach der Fusion mit Capitalia noch 9,4% am Mediobanca-Kapital hält – und die französischen Aktionäre die besten Plätze gesichert haben. Auch Andeutungen aus Aktionärskreisen lassen darauf schliessen, dass französisch-italienische Allianzen zumindest in Erwägung gezogen werden.
Hellhörig gemacht haben vor allem Erklärungen von Tarak Ben Ammar, wonach Paris einer Partnerschaft zwischen Unicredit und Société Générale ein Ja kaum verwehren könnte – umso mehr, als «Italien nichts dagegen einzuwenden hat, Franzosen in ein Finanzinstitut wie Mediobanca aufzunehmen und nichts dagegen hat, dass ein Franzose Präsident des grössten italienischen Versicherungskonzerns ist».

Rege Spekulationen

An der Mailänder Börse haben diese Stellungnahmen rege Spekulationen ausgelöst, die auch vor einem Zusammengehen der beiden Versicherungsmultis Assicurazioni Generali und Axa nicht Halt machen. Auch eine Annäherung der beiden Grossbanken Unicredit und Société Générale wird in diesem Kontext erneut thematisiert. Doch die häufig spekulationsgetriebene Mailänder Börse wird mit Sicherheit noch weitere Kooperationsmöglichkeiten über die Alpen hinweg «entdecken». Ein einigermassen vorsichtiger Anleger sollte indes nicht darauf setzen.

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