Luxus / Automobil 10:09 - 23.03.2017

Alfa Romeo Stelvio

Alfa Romeo baut nun auch einen SUV. Das mag ein Verrat am Markenkern sein, bringt aber Geld. Und jede Menge Fahrfreude.

Es ist nicht so, dass der Stelvio das erste geländegängige Automobil von Alfa Romeo sein wird, schon in den Fünfzigerjahren hatten die Italiener den Matta konstruiert für das Militär, so etwas wie einen Land Rover für den Süden.

Doch das waren andere Zeiten, damals, Alfa Romeo war ab den Zwanzigern so etwas wie der Stolz der italienischen Autoindustrie gewesen. In Arese arbeiteten nur die besten Ingenieure des Landes und konstruierten Fahrzeuge, auf die andere Hersteller nur mit Neid blicken konnten.

Aber seit den Achtzigerjahren sind die guten Zeiten vorbei. Alfa wurde zu einem störrischen, kränkelnden Kind, das seine Eltern bei Fiat viel, viel Geld kostete.

Doch jetzt soll alles anders werden. Fiat- und Chrysler-CEO Sergio Marchionne, der Tausendsassa, hat viel Geld für die Wiedergeburt der Marke bereitgestellt, Milliarden flossen in die Entwicklung einer neuen Plattform namens Giorgio und die Modernisierung des Werks im süditalienischen Cassina.

Als erstes Modell kam im vergangenen Jahr die Giulia auf den Markt, eine klassische Limousine – die so gut ist, dass sie im deutschen Fachblatt «auto, motor und sport» einen Vergleichstest gegen Mercedes gewonnen hat.

Auf der gleichen Plattform wie die Giulia baut auch der Stelvio auf. Eine clevere Entscheidung, denn eigentlich muss ein SUV ja nicht in erster Linie der König sein abseits der Strassen, im Dreck oder Schlamm, sondern einfach so aussehen, als ob er könnte.

Das heisst: mehr Bodenfreiheit, ein höherer Aufbau für die so sehr geschätzte höhere Sitzposition, Allradantrieb. Solches geht ja bestens auf Basis eines klassischen Personenwagens, und Alfa hat selbstverständlich bei der Entwicklung von Giorgio schon gewusst, dass es nicht nur eine Giulia, sondern auch einen Stelvio geben wird.

Bild: ZVG

Kein Übermass an Raum

Mit einer Länge von 4,68 Metern ist der Stelvio nur 4 Zentimeter länger als die Giulia, in der Höhe überragt der SUV die Limousine um stolze 23 Zentimeter. Und trotzdem soll der Schwerpunkt nur unwesentlich höher liegen als bei der Limousine.

Der SUV verfügt über ein Kofferraumvolumen von 525 Litern und übertrifft die Giulia, die auf sehr anständige 480 Liter kommt, deutlich; selbstverständlich lassen sich die hinteren Sitze abklappen, dann wird der Alfa Romeo zum Kleintransporter. Hinten herrscht nicht ein Übermass an Raum, irgendwie scheint die Giulia da geräumiger.

Aber man muss das klar sehen: Gegner des Stelvio sind der BMW X3, der Audi Q5, der Porsche Macan, der Mercedes GLC, die bieten alle auch nicht mehr Platz, obwohl sie viel wuchtiger erscheinen, auf der Strasse schon optisch viel mehr Raum beanspruchen. Denn das darf man dem Italiener zugestehen: Er ist nicht einer dieser martialischen SUV, sein Auftritt ist elegant.

Auch innen sind Giulia und Stelvio quasi baugleich. Weil der SUV höher baut, wirken die Linien vertikal, streben von unten nach oben, doch das ist alles gut gemacht; die Materialien sind dem feinen italienischen Geschmack angepasst. Die Verarbeitung ist auf einem hohen Niveau schon bei diesen ersten Exemplaren, die wir kürzlich bewegen durften.

Bild: ZVG

Ja, Alfa Romeo befriedigt mit der Fertigung in der hochmodernen Fabrik von Cassina jetzt auch die Spaltmassfetischisten, und das ist vielleicht eine der positivsten Überraschungen am Stelvio und natürlich auch bei der Giulia.

Die Sitze sind gut, bequem, trotzdem mit Seitenhalt, aber wir konnten auch nur eine teure Variante fahren; in der Basis ist das wohl alles etwas einfacher. Fahren durften wir die First Edition mit dem komplett aus Alu gefertigten 2-Liter-Vierzylinder, der 280 PS und ein maximales Drehmoment von 400 Nm abdrückt, was ihn in 5,7 Sekunden auf 100 km/h bringen soll und maximal 230 km/h schnell machen kann.

Geschaltet wird er über die bekannte Achtgangautomatik, der Allradantrieb ist bei allen Stelvio serienmässig. Dieser 4×4, wie bei Maserati als Q4 bezeichnet, ist eine Eigenentwicklung, die bei normalen Strassenverhältnissen die gesamte Kraft auf die Hinterräder überträgt, über ein Verteilergetriebe und eine Mehrfachkupplung aber in Millisekunden bis zu 60% der Kraft an die Vorderräder leiten kann; für optimalen Grip sorgt an der Hinterachse ein zusätzliches Sperrdifferenzial (LSD).

Bild: ZVG

Stelvio fährt wie Giulia

Wie bereits angedeutet: Der Stelvio fährt sich wie die Giulia. Und das muss unbedingt hervorgehoben werden, denn näher am Fahrverhalten eines klassischen, heckgetriebenen Personenwagens war noch kein SUV.

Entscheidend für das gute Fahrgefühl ist die ausgezeichnete Lenkung, die zwar leichtgängig erscheint, aber wunderbar feinfühlig und präzis ist; da haben die Italiener ein kleines Wunder vollbracht. Selbstverständlich gibt es wie immer bei Alfa drei Fahrmodi, «Normal» ist eine gute Wahl für den Komfort, «D» macht dann richtig Freude.

Die 280 PS haben mit den 1,8 Tonnen keinerlei Mühe, der Automat unterstützt die Fahrfreude sowohl beim reinen Gleiten wie auch am Berg. Wären alle SUV derart fahraktiv, dann könnte sich der Autor tatsächlich noch an dieses boomende Segment gewöhnen wollen.

Bild: ZVG

Die First Edition kommt mit allerlei Goodies wie den 20-Zöllern, schönem Leder und echtem Holz und kostet in der Schweiz 64 900 Fr. Selbstverständlich ist das ein Kampfangebot, Vergleichbares in Motorisierung und Ausstattung kostet bei der deutschen Konkurrenz knapp sechsstellig, auch Maserati und Jaguar können da nicht mithalten. Aber nicht nur der Preis ist ein sehr guter Grund, für den Alfa sprechen auch das Design und dann in erster Linie die Fahrfreude, die nun also durchaus auch in einem SUV möglich ist.

Trotzdem, manch ein potenzieller Kunde wird sich fragen: Alfa, das ist ja gut und fein – aber wie steht es denn nun wirklich mit der Qualität? Selbstverständlich lässt sich diese Frage jetzt noch nicht beantworten, doch nach einem ausführlichen Besuch des Werks in Cassina darf Zuversicht aufkommen, dass sich tatsächlich einiges zum Besseren wendet.

Es ist nicht bloss, dass die Fabrikationsanlagen jetzt auf dem höchsten Stand der Technik und der Robotisierung sind, auch in Sachen Qualitätssicherung gehen die Italiener Wege, die sie bislang eher den Rivalen überlassen haben. Die ersten Giulia, die bereits ausgeliefert wurden, scheinen die Kunden glücklich zu machen – und das sollte beim Stelvio, dessen Auslieferung in diesem Frühling langsam anlaufen wird, auch der Fall sein. Marchionne hat das Geld gut angelegt.

Bild: ZVG