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Alternative Grexit

Das wuchtige Nein gegen die Politik der Gläubiger macht den Grexit wahrscheinlicher. Ökonomen fordern rasches und entschiedenes Handeln.

Griechenlands Volk stimmte am Sonntag nicht über den Verbleib des Landes in der Eurozone ab, sondern nur über die wirtschaftspolitischen Auflagen der Gläubiger. Das deutliche Nein von 61% (gegenüber 39% Ja-Stimmen) lässt jedoch ahnen, dass immer mehr Griechen lieber den Grexit in Kauf nehmen, als sich dem Spar- und Reformdiktat des Auslands zu beugen. Wie sähe so ein Austritt aus?

Er wäre sicher nicht reibungslos umzusetzen. Denn die Verträge zur Europäischen Währungsunion haben den Ausstieg nicht geregelt. Die häufig getroffene Unterscheidung in zwei Szenarien – einen geordneten und einen ungeordneten Grexit – ist deshalb wenig realistisch. Für den ersten Fall wäre eine weitreichende politische und rechtliche Übereinkunft zwischen denselben Streitparteien erforderlich, die sich bis heute nicht einmal auf eine gemeinsame Linie für einen Neukredit zu einigen vermochten. Je nach der Bereitschaft der Institutionen und Griechenlands zur Deeskalation läuft ein Grexit daher bestenfalls nur ungeordnet ab. Schlimmstenfalls stösst er das Land ins Chaos.

Ifo rät zu virtueller Drachme

Das deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo rät, möglichst rasch die Drachme einzuführen. Der griechische Staat ist nach dem offiziellen Ende des EFSF-Kredits am 30. Juni zahlungsunfähig, argumentiert Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn am Montag. Der Staat sei insolvent, und damit seien es auch die Banken. In dieser Situation dürfe die EZB nicht mehr zulassen, dass die griechische Notenbank den Banken weitere Notkredite gewähre, und damit komme die Wirtschaft zum Erliegen. Um einen Impuls zu geben, müsse entweder rasch ein neuer fiskalischer Rettungsschirm aufgespannt werden, oder Griechenland müsse zur Drachme zurückkehren. «Da absehbar ist, dass die Verhandlungen über einen weiteren Rettungsschirm nur noch mehr Zeit kosten, ohne zum Erfolg zu führen, sollte Griechenland die Drachme  sofort als virtuelle Währung einführen», sagt Sinn.

Alle Verträge des Landes inkl. der Schuldverträge mit Ausländern sollten umgewandelt werden. Dadurch würden der Staat und die Banken wieder flüssig. Europa solle darauf verzichten, die Euronoten einzutreiben, über die griechische Bürger verfügten, sondern zulassen, dass sie für Bargeschäfte verwendet würden, obwohl die Preise in Drachme definiert würden, schlägt Sinn vor. Ebenfalls solle Griechenland die Chance erhalten, zu einem späteren Zeitpunkt zu einem tieferen Wechselkurs in die Eurozone zurückzukehren.

Was der Grexit wirtschaftlich bedeutet

Das Ifo-Institut gibt Griechenland beim Grexit ein bis zwei Jahre Zeit, bis die Wirtschaft erneut kräftig durchstartet. Standard & Poor’s hat zusammen mit Oxford Economics die wirtschaftlichen Auswirkungen genauer simuliert. Demnach hätte der Euroaustritt vor allem umgehend eine heftige Verschärfung bei den Kreditvergabebedingungen zur Folge. Viele Unternehmen mit in Euro denominierten Schulden sähen sich plötzlich mit einem starken Anstieg der Schuldenlast konfrontiert. Die Inflationsrate würde nach oben schiessen. Die Zweitrundeneffekte auf Preise und Gehälter wären aber gering, weil viele wirtschaftliche Kapazitäten brachliegen. Die Arbeitslosigkeit würde kurzfristig auf 29% schnellen und dann allmählich zurückgehen.

Da Griechenland über eine vergleichsweise geschlossene Wirtschaft verfügt, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die direkten Auswirkungen auf den Handel nach dem Exit eher gering ausfielen. Die stärksten Folgen für die anderen Länder der Eurozone wären über die Kapitalmärkte zu verspüren. S&P erwartet einen flächendeckenden Währungsrisikoaufschlag, da die Mitgliedschaft in der Eurozone nicht mehr länger als unwiderruflich eingestuft würde. Die Renditen würden rasch anziehen, besonders in «anfälligen» Ländern. Die EZB würde mit dem Quantitative-Easing-Programm den Anstieg dämpfen. Trotzdem rechnet S&P damit, dass der Risikoaufschlag für das Währungsrisiko von Dauer bliebe. Die erhöhten Finanzierungskosten beziffert die Agentur 2015/2016 auf 30 Mrd. €. Italien wäre mit 11 Mrd. € Mehrkosten am meisten betroffen.

Ein Blick nach Montenegro

Thomas Mayer, Leiter des Research Institute des Asset-Managers Flossbach von Storch, hat sich schon früh mit den Alternativen für Griechenland auseinandergesetzt. Er hält die Rückkehr zur Drachme nicht für zwingend – selbst beim Grexit. Vielmehr rät er dem Land, trotz Austritt den Euro zu behalten. Vorbild ist Montenegro. Der Kleinstaat hat keinen Sitz im EZB-Rat (und ist, anders als Hellas, nicht einmal Mitglied der EU), aber verwendet den Euro als gesetzliches Zahlungsmittel. Mayer machte diesen Vorschlag in einem Interview für die italienische Zeitung «Corriere della Sera».

Voraussetzung, damit das funktioniert: Die griechische Notenbank resp. die Regierung müsste die Zahlungsunfähigkeit gegenüber der aufgehäuften Liquidität im Umfang von 90 Mrd. € erklären. Das entspräche in etwa der Summe illiquider und fauler Kredite griechischer Banken. Die Banken würden sich von der Last befreien und würden wieder handlungsfähig. Ganz ohne finanzielle Disziplin und Einsparungen wird es aber auch dann nicht funktionieren. Es sei notwendig, dass alle Griechen künftig ihre Steuern bezahlen und Kredite bedient werden, führt Mayer aus. Der Staat müsse unbedingt einen Primärüberschuss (Haushaltssaldo ohne Zinszahlungen) erwirtschaften. Andernfalls käme es zum Chaos, und Griechenland müsste eine Parallelwährung einführen, die für den inländischen Gebrauch verwendet würde.

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