Meinungen

Alternde Gesellschaft und Wachstum

Demografie wirkt über die Abnahme der Erwerbsbevölkerung und der Produktivität. Innovationskraft, Risikobereitschaft und Unternehmertum leiden. Ein Kommentar von Reto Föllmi.

Reto Föllmi
«Eine alternde ­Gesellschaft kann die Jüngeren am Aufstieg hindern.»

Die Covid-19-Krise und der Teilstillstand der ­Wirtschaft haben das Bruttoinlandprodukt einbrechen lassen. Auch wenn oder gerade weil wir die Auswirkungen des Virus über längere Zeit spüren werden, ist es in dieser Situation sinnvoll, den Blick auf die langfristigen Wachstumsaussichten zu richten. Wie wird sich die Schweizer Wirtschaft in den kommenden Jahrzehnten entwickeln? Ein zentraler Faktor dabei ist die Demografie.

Die Bevölkerung der Schweiz altert stetig. Ein Grund dafür sind die ­kon­stant niedrigen Geburtenraten sowie die steigende Lebenserwartung. Auch die vergleichsweise hohe Nettoeinwanderung kann diese Entwicklung nicht aufhalten: Das Medianalter der Bevölkerung lag im Jahr 1970 noch bei rund 32 Jahren und ist mittlerweile um ein Drittel auf 43 Jahre gestiegen. Der Alterungsprozess dürfte sich auch in Zukunft fortsetzen. Gemäss dem Referenzszenario des Bundesamtes für Statistik steigt das Medianalter bis 2060 auf rund 48 Jahre.

Weil der Anteil der jungen Personen in den vergangenen Jahrzehnten gesunken ist, hat in dieser Periode der Anteil der Personen im Erwerbsalter sogar leicht zugenommen. Wenn wir das Erwerbsalter zum Beispiel fix ­zwischen 20 und 65 Jahren definieren, wird der Anteil der Erwerbspersonen in Zukunft ­jedoch deutlich abnehmen. Heute kommen auf 100 ­Erwerbspersonen 63 Personen, die nicht im Erwerbsalter sind. Im Jahr 2045 werden es über 80 sein, sogar wenn wir von einem einwanderungsbedingt hohen Bevölkerungswachstum ausgehen.

Schmälerung des Volkseinkommens

Wie gross ist der Einfluss auf die Wirtschaftsleistung pro Kopf, wenn weniger Personen im Erwerbsprozess stehen? In einer Studie für das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco versuchten wir, diesen Einfluss abzuschätzen, indem wir die Daten von achtzehn heutigen OECD-Ländern für die Jahre 1890 bis 2010 miteinander verglichen. Zusammenhänge der Vergangenheit haben wir extrapoliert, um die Grössenordnung der demografischen Effekte in der Zukunft abzuschätzen. Das Ausmass der Ergebnisse ist bedeutend.

Die Abnahme des Anteils der Jungen, die natur­gemäss noch nicht im Erwerbsleben stehen, hat in der Vergangenheit zu einer demografischen Dividende ­geführt. In Zukunft dagegen wird der Rückgang der ­Erwerbspersonen mit der Alterung voll spürbar sein. Natürlich sind die Schätzungen mit Unsicherheiten ­behaftet, doch wenn wir von einem Pro-Kopf-Wachstum von 1% ausgehen, kann dieser Alterungseffekt das Wachstum bis zu 0,5 Prozentpunkte, also die Hälfte, ­reduzieren. Über zwanzig Jahre summiert sich das auf 10% des Volkseinkommens.

Der Grund hinter diesem doch grossen möglichen Effekt liegt darin, dass die Demografie das Wachstum nicht nur über die altersbedingt abnehmende Erwerbsbevölkerung, sondern auch über die Produktivität beeinflusst. Ältere Arbeitnehmer haben mehr Erfahrung, sind aber andererseits nicht mehr gleich leistungsfähig. Ausserdem werden bedeutende Innovationen und Ent­deckungen eher im jungen Alter ­gemacht.  Besonders gilt dies in der IT und in technischen Bereichen, wo die Forschungsleistung manchmal schon jenseits des dreissigsten Altersjahres abnimmt. Zudem es ist breit dokumentiert, dass ältere Personen die neuen Technologien weniger nutzen als jüngere. Verschiedene Studien stellen fest, dass Ältere neuen Prozessen skeptischer gegenüberstehen und sie weniger übernehmen.

Wenn es um wirtschaftliche oder soziale Interaktion geht, sieht es etwas anders aus. Altersdurchmischte Teams zeigen in komplexen Auf­gaben durchaus bessere Resultate. In diesen Wissenschaften können Durchbrüche auch im gesetzteren Alter geschehen. Der Ökonom John Maynard Keynes veröffentlichte seine General Theory, die das Verständnis von Wirtschaftseinbrüchen grundsätzlich änderte, erst mit 53 Jahren – nachdem er die Grosse Depression erlebt hatte.

Verbunden mit Innovation sind Risikobereitschaft und Unternehmertum. James Liang, Hui Wang und ­Edward P. Lazear zeigen in einer neueren Arbeit (an der Universität Stanford), dass eine alternde Gesellschaft die Jüngeren am Aufstieg hindern kann, weil der Fahrstuhl nach oben besetzt ist. In der heutigen Alterspyramide und Lebenserwartung brauchen Jüngere viel länger als früher, um in einer etablierten Firma eine Stelle zu erreichen, an der sie relevante unternehmerische Erfahrung sammeln können, um dann mit einer eigenen Idee erfolgreich zu sein.

Besonders augenfällig ist dies in Japan. Schon heute kommen dort auf hundert Personen zwischen 15 und 64 Jahren bereits knapp fünfzig Rentner mit über 65 Jahren – eine Situation, die die Schweiz gemäss Prognosen erst in zwanzig bis dreissig Jahren erreichen wird. Die japanische Wirtschaft weist niedrige Wachstumsraten auf, und zumindest ein Teil des schwachen Produktivitätswachstums kann durch die Alterung der Erwerbstätigen erklärt werden, weil in den dortigen Daten die Produktivität von Arbeitnehmern im Durchschnitt zwischen vierzig und fünfzig Jahren ihren Höhepunkt erreicht, später aber abnimmt. Japan zeigt also eine mögliche ­demografische Zukunft auf, auch wenn die Situation in Japan mit sehr geringer Einwanderung nicht eins zu eins auf Europa oder die Schweiz übertragbar ist.

Wenn wir die Einzelfakten überblicken und die Zusammenhänge der Vergangenheit fortschreiben, ergibt sich ein deutlicher potenzieller Rückgang des Wirtschaftswachstums in der Schweiz, besonders in den kommenden Jahrzehnten. Dies wird den Fiskus und die Sozialwerke vor grössere Herausforderungen stellen, nicht nur weil weniger Erwerbstätige pro Rentner da sein werden, sondern weil sich der demografische Wandel auch negativ auf die Arbeitsproduktivität, die Innovation und die Risikobereitschaft auswirken könnte. Gerade Letzteres verhiesse für den politischen Prozess nichts Gutes. Eine Verteidigung des Status quo führt erst recht in die Sackgasse, wenn Kreativität und neue Lösungen gefragt sind.

Weniger abrupter Übergang in Rente

Diese Entwicklungen sind aber nicht in Stein gemeisselt. Die Fortschreibungen stellen zuallererst keine ­exakten Vorhersagen dar, und die Alterung in der Zukunft ist in der Intensität im historischen Vergleich ­beispiellos, sodass sich die Gesellschaft stärker anpassen wird als früher. Die zukünftig Alten werden nicht gleich sein wie die jetzige alte Generation. Der Übergang zwischen Arbeitsleben und Pension muss nicht mehr so ­abrupt wie früher geschehen; beispielsweise wird ­vermehrt Teilzeit über das ordentliche Renteneintrittsalter gearbeitet. Erhöhungen des Rentenalters selbst führen aber ganz direkt zu einer höheren Beteiligung der Älteren am Arbeitsmarkt. Erfahrungen aus unseren Nachbarländern belegen dies.

Aber nicht nur das Arbeitsangebot, sondern auch das Lernvermögen im Alter könnte sich ändern. Ein positiver Nebeneffekt eines gegen oben flexibilisierten Rentenalters liegt darin, dass es automatisch den Zeithorizont im Arbeitsleben verlängert. Dies erhöht den Wert von älteren Arbeitnehmern ganz direkt. Weiter­bildung lohnt sich vermehrt, und ein Unternehmen wird auch vermehrt in Arbeitnehmer investieren wollen, die länger aktiv bleiben, was die Beschäftigungschancen älterer Bewerber verbessert.

Jede Generation muss sich neu erfinden. Wann wir tätig sind und uns (weiter-)bilden, muss nicht mehr dem gleichen Pfad folgen wie heute. All diese Entwicklungen können und sollen dazu führen, dass wir in Zukunft tatsächlich lebenslang lernen.