Meinungen

Altersvorsorge – Krise als Chance

Die Steuern auf Einkommen von über 65-Jährigen müssen massiv gesenkt werden, um den Anreiz zur Arbeit zu erhöhen. Ein Kommentar von Reiner Eichenberger und David Stadelmann.

Reiner Eichenberger und David Stadelmann
«Alterung heisst mehr gesunde Lebensjahre und höheres Produktionspotenzial.»

Die langfristige Sicherung der Altersvorsorge ist von grösster gesellschaftlicher Bedeutung. Die «Altersvorsorge 2020» von Bundesrat und Parlament trägt dazu leider nichts bei. Statt das faktische Rentenalter wirksam zu erhöhen, verteilt sie nur noch mehr von Jung zu Alt und von Kurzlebigen zu Langlebigen um. Das ist widersinnig, ungerecht und sogar systembedrohend.

Offensichtlich haben viele Politiker noch nicht verstanden, wie stark der medizinisch-technische Fortschritt den impliziten Generationenvertrag und die Versicherungsidee gefährdet, auf denen unser Alterssicherungssystem aufbaut. Für die heutigen Jungen lohnt es sich nur so lange, mit ihren Beiträgen die Renten der Alten zu finanzieren, wie sie vernünftigerweise erwarten können, im Alter dereinst ebenfalls von den Beiträgen der nächsten Generation von Jungen zu profitieren.

Dazu müssen aber auch die zukünftigen Jungen wieder auf die übernächste Generation der Jungen vertrauen können, etc. Damit beruht die Stabilität der Altersvorsorge entscheidend auf dem Vertrauen der Jungen in den langfristigen Bestand des Systems.

Der medizinisch-technische Fortschritt droht dieses Vertrauen bald zu unterwandern, denn die Prognosen zur individuellen Gesundheit und Langlebigkeit werden schnell besser. Dank Genanalysen und anderen Diagnosetechniken können die einzelnen Beitragszahler immer besser abschätzen, wie lange sie nach der Pensionierung noch leben werden.

Natürlich werden individuelle Lebenserwartungsprognosen nie perfekt sein. Aber sie werden bald so gut sein, dass Beitragszahler sie benützen, um zu entscheiden, ob sie das Kapital aus der zweiten Säule vorbeziehen sollten.

Dass die Unsicherheit im Einzelfall beträchtlich bleibt, stört dabei nicht: Menschen mit kurzer Restlebenserwartung können das Kapital aus der beruflichen Vorsorge vorbeziehen und es in einer privaten Rentenversicherung anlegen, die ihnen aufgrund ihrer niedrigen statistischen Lebenserwartung eine höhere Rente bieten kann. Dadurch bluten die Pensionskassen finanziell aus. Weil sie zugleich auf den Langlebigen mit ihren hohen Rentenzahlungen sitzen bleiben, droht ihnen Zahlungsunfähigkeit.

Perverse  Umverteilung

Als Gegenmassnahme müssen Kapitalauszahlungen bald verboten werden. Allerdings stabilisiert dies das System nicht. Wenn sich die Bürger ihr Rentenkapital nicht mehr individuell auszahlen lassen können, verliert die zweite Säule ihren Charakter individuellen Sparens und wird vollends zu einem Umverteilungssystem von Jung zu Alt sowie von Kurzlebig zu Langlebig.

Darunter leidet ihre Akzeptanz. Zudem dürfte die Lust vieler Politiker wachsen, selbst Hand auf das Kapital zu legen und es über «strategische» oder «nachhaltige» Investitionen zu sozialisieren. Dies senkt die Wahrscheinlichkeit für die Jungen weiter, dereinst eine angemessene Rente zu erhalten, was den Generationenvertrag weiter untergräbt.

Das Zusammenspiel von moderner Diagnostik und Sozialisierung des Systems bringt eine schnell wachsende, besonders störende Ungerechtigkeit: Immer mehr Kurzlebige werden zum Sparen auf ein Alter gezwungen, von dem sie wissen, dass sie es wahrscheinlich nicht erleben werden.

Je besser die Diagnostik wird, desto genauer wissen sie, dass das Zwangssparen in AHV und beruflicher Vorsorge für sie ein grosses Verlustgeschäft ist. Entsprechend werden sie dem System – verständlicherweise – immer unversöhnlicher gegenüberstehen.

Gegen unsere Prognose können verschiedene Vorbehalte angeführt werden: Manche hoffen, es könne noch viele Jahrzehnte dauern, bis die Diagnosemethoden so gut sind, dass die Kurzlebigen gegen das System rebellieren. Diese Hoffnung ist vergebens.

Sobald den jungen Beitragszahlern einmal klar wird, dass in Zukunft das System aufgrund der Entwicklung der Diagnosemethoden gefährdet ist, droht der Generationenvertrag schon heute zusammenzubrechen: Wenn in vielleicht dreissig Jahren die Jungen fürchten müssen, dass ihre Renten gefährdet sind, weil sich in noch fernerer Zukunft die Kurzlebigen gegen das Zwangssparen auflehnen werden, lohnt es sich für sie nicht mehr, sich an den Generationenvertrag zu halten.

Wenn sich aber die Jungen in dreissig Jahren nicht mehr an den Vertrag halten, lohnt es sich auch für die heutigen Jungen nicht mehr, sich an den Generationenvertrag zu halten.

Die Sorgen und der Widerstand der heutigen Jungen gegen das bestehende System dürften also bald schlagartig zunehmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies geschieht, ist umso grösser, je stärker das System zwischen Jung und Alt sowie Kurz- und Langlebig umverteilt, also je mehr das System durch Vorlagen wie die Rentenreform 2020 aufgebläht wird.

Ein weiterer Einwand besagt, das Wissen der einzelnen Versicherten über ihre individuellen Risiken sei nichts Besonderes. Eine ähnliche Asymmetrie im Wissen zwischen Versicherten und Versicherern existiere auch in der Kranken- und der Arbeitslosenversicherung, ohne dass diese Systeme zusammengebrochen sind.

Auch dieses Argument ist hinfällig. Die Altersvorsorge ist ein Spezialfall. Bei Krankheit und Arbeitslosigkeit geht die finanzielle Umverteilung von den glücklichen Gesunden und Stelleninhabern zu den unglücklichen Kranken und Arbeitslosen.

Bei der Altersvorsorge hingegen geht die Umverteilung von den sowieso schon benachteiligten Kurzlebigen zu den glücklichen Langlebigen. Für diese Art der Umverteilung dürften sich längerfristig kaum politische Mehrheiten finden lassen.

Wie können diese Probleme gelöst werden? Ein möglicher Ausweg wäre, die Prämien risikogerecht nach erwarteter Langlebigkeit der Versicherten zu differenzieren und bedürftige Prämienzahler direkt staatlich zu unterstützen. Dafür dürften private Rentenversicherungen mit freier Versicherungswahl besser geeignet sein als ein einheitliches staatliches Zwangssystem. Natürlich müssten die Versicherungen über die gleichen Lebenserwartungsinformationen wie die Versicherten verfügen können.

Königsweg Altersarbeit

Noch wichtiger aber ist, Altersfragen aus einer neuen Perspektive zu betrachten: Die sogenannte Überalterung ist – trotz der angeführten Erwägungen – kein Problem, sondern ein Glück für unsere Gesellschaft. Die Menschen werden nicht älter, weil sie immer kranker werden, sondern weil sie länger gesund bleiben.

Alterung heisst also mehr gesunde Lebensjahre und höheres Produktionspotenzial. Die Früchte der Alterung gilt es zu ernten. Dabei soll Altersarbeit weder durch eine Erhöhung des offiziellen Rentenalters verordnet noch durch irgendwelche Subventionen gefördert werden.

Vielmehr soll die Altersarbeit weniger bestraft werden: Heute wird die Arbeit von Alten bestraft, indem ihr Arbeitseinkommen sehr hoch besteuert wird, weil es mit ihren Renteneinkommen zusammengezählt wird, und sogar weiterhin den AHV-Abzügen unterliegt.

Die Alten zahlen also richtig gerechnet oft 45 bis 55% Steuern auf ihr Arbeitseinkommen. Das schafft gewaltige Fehlanreize, nicht über 65 hinaus zu arbeiten. Folglich ist die echte liberale Problemlösung denkbar einfach: Die Einkommenssteuern auf Arbeitseinkommen von über 65-Jährigen müssen stark gesenkt, z. B. halbiert werden.

Dies würde den Anreiz der Alten stärken, weiter zu arbeiten, und mit jeder zusätzlichen Arbeitsstunde stiege die volkswirtschaftliche Produktion, womit für Alt und Jung mehr Güter und Dienstleistungen zur Verfügung stünden.

Zudem würden die Einnahmen des Staates und der Sozialwerken steigen, weil die Alten ja immer noch mehr Steuern und Abgaben leisten, als wenn sie nicht arbeiten würden. Unser Vorschlag kennt ausschliesslich Gewinner. Es ist Zeit, ihn ernsthaft in Betracht zu ziehen.

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