Meinungen

Alterung dämpft Wirtschaftswachstum

Sinkendes Arbeitsangebot und niedrigere Produktivität werden bremsen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Wachstumseinbussen engen den Spielraum zur Finanzierung von Sozialleistungen ein.»

Wenn über das Thema der Alterung der Bevölkerung diskutiert wird, stehen stets die Folgen für die Altersvorsorge sowie das Gesundheitswesen im Vordergrund. Das ist insofern verständlich, als hier enorme Kostensteigerungen am direktesten spürbar sind. Allerdings haben die ­demografischen Veränderungen auch gesamtwirtschaftliche Folgen, die weniger thematisiert werden. Dem will das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) entgegenwirken. Es hat zu dieser Thematik einige Studien in Auftrag gegeben.

Die am Freitag präsentierten Resultate sind erstaunlich konsistent – insgesamt aber wenig erfreulich. Sie kommen alle zum Schluss, dass die Alterung der Bevölkerung die wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden Jahren und Jahrzehnten spürbar bremsen wird. Der Effekt dürfte in den nächsten zwei Jahrzehnten am grössten sein. In der langen Frist könnte das Pro-Kopf-Wachstum des Bruttoinlandprodukts wegen des Alterungseffekts gar halbiert werden.

Die negative Wirkung entsteht im Wesentlichen über zwei Kanäle. Zunächst führt die Alterung zu einem schrumpfenden Arbeitsangebot. Die Zahl der Erwerbstätigen sinkt, und damit auch die geleisteten Arbeitsstunden. Zudem legen verschiedene empirische Studien nahe, dass die Arbeitsproduktivität in einer alternden Bevölkerung schrumpft. Etwas unsicherer sind die Wirkungen auf die Technologie und Innovation. Auch sie könnten an Dynamik verlieren.

Weitgehende Einigkeit herrscht auch betreffend der Frage, was zu tun ist. Die Zuwanderung könnte einen leicht positiven Effekt haben, darf aber nicht über­bewertet werden. Einer Erhöhung der ­bestehenden Erwerbsquoten sind enge Grenzen gesetzt, denn sie liegen in der Schweiz schon jetzt weit über dem internationalen Durchschnitt. Bleibt als wirkungsvollste Massnahme ein höheres Rentenalter, sodass Erwerbstätige länger im Arbeitsprozess bleiben. Allerdings könnten selbst damit die dämpfenden Effekte nur teilweise kompensiert werden.

In die falsche Richtung weist dagegen – auch wenn sich die Studien damit nicht befasst haben – die vom Bundesrat geplante Überbrückungsleistung für Personen, die nach dem 60. Altersjahr ausgesteuert werden. Die Massnahme würde die Erwerbstätigkeit der älteren Personen tendenziell reduzieren statt erhöhen. Da begibt sich der Bundesrat in einen seltsamen Widerspruch zu seinem Ziel, die Erwerbstätigkeit möglichst zu steigern.

Dem Zufall geschuldet ist der Umstand, dass gleichzeitig zur Präsentation der Studien des Seco der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) seine Delegiertenversammlung abhielt. Er beschloss, eine Volksinitiative für eine 13. AHV-Rente zu lancieren. Dieses Begehren entspricht inhaltlich der vor drei Jahren vom Volk deutlich abgelehnten «AHVplus»-Initiative, die eine generelle Rentenerhöhung von 10% verlangt hatte.

Die 13. Rente entspräche einer Erhöhung um 8,3%. Wie das zu finanzieren wäre, bleibt zunächst offen. Eine eher absurde Idee des SGB besteht darin, Nationalbankgelder in die AHV umzuleiten – als ob die Nationalbank auf ewige Zeiten happige Gewinne realisieren würde. Zudem ist darauf hinzuweisen, dass die ­geschilderten Wachstumseinbussen den Spielraum für die Finanzierung von Sozialleistungen einschränken.

Der SGB legt eine bemerkenswerte Sturheit an den Tag. Nicht nur die Studien des Seco belegen die Notwendigkeit einer Erhöhung des Rentenalters, auch viele weitere Institutionen und Forscher fordern, sachlich bestens begründet, einen derartigen Schritt. Etliche Länder haben entsprechende Massnahmen umgesetzt.

Der SGB und die versammelte politische Linke inklusive die Grünen wollen aus ideologischen Gründen davon jedoch nichts wissen. Sie ignorieren die aus der Alterung resultierenden massiven Finanzengpässe einfach und wehren sich damit gleichsam gegen das schlechte Wetter – das ist weder eine intelligente noch zielführende politische Strategie.

Leser-Kommentare

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Willy Huber 19.11.2019 - 11:50
“Alter” zu definieren ist eine schwierige Angelegenheit, gerade auch in der heutigen Zeit, wo die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern (82) und Frauen (85) in der Schweiz hoch ist und vermutlich noch steigt. Ob das ein Segen oder Fluch ist, bleibe dahingestellt. Sicherlich fällt das Altern individuell sehr unterschiedlich aus; erbliche Voraussetzungen, sowie Erlebnisse und Erfahrungen im bisherigen Leben bestimmen uns… Weiterlesen »