Great Sound Bay, Bermuda. Auf dem türkisfarbenen Wasser vor der ehemaligen Militärbasis der britischen Royal Navy durchpflügen die Foil-Katamarane geräuschlos die Fluten.

Ihr elegantes Ballett mit Figuren, die ihnen der Wind diktiert, scheint einzig von dem Gedanken beherrscht, zu tanzen, ohne auf ihren schlanken Hydrofoil-Spitzenschuhen zu schwanken. Doch man darf sich von dieser scheinbaren Leichtigkeit nicht täuschen lassen.

Auf der Brücke sind die Segler ungeachtet ihrer aussergewöhnlichen physischen Leistungsfähigkeit am Rand ihrer Kräfte. Jede Kurbeldrehung an den Wischen liefert ein bisschen zusätzliche hydraulische Energie, die von den Batterien gespeichert oder direkt an das Steuer des Skippers abgegeben wird, das mit Tasten und Drehgriffen für das Verstellen des Hauptsegels und der Foils ausgestattet ist.

Und diese neue Regel, die der Defender des America’s Cup, das Oracle Team USA, sämtlichen Besatzungen auferlegt hat, macht die ganze Sache noch etwas schwieriger und härter.

Athletische Superhelden

Der dieses Jahr zum Einsatz gekommene Katamaran AC50 ist mit 50 Fuss (15,24 m) kleiner, leichter, schneller und folglich gefährlicher als der 22 m lange AC72-Katamaran des letzten Cups von 2013. Deshalb bietet er auch nur noch sechs statt elf Besatzungsmitgliedern Platz.

Ein Wahnsinn für die Segler, die für die nötigen Manöver ständig zwischen den beiden Rümpfen der Katamarane hin und her springen und dabei hochkonzentriert bleiben müssen.

James Spithill, Starskipper des Oracle Team USA, der für die Trainingsregatten diesen Frühling auf den Bermudas weilte, meint dazu: «Die Schiffe werden immer schneller, extremer und gefährlicher, aber paradoxerweise sind wir immer weniger zahlreich.

Während wir vor zehn Jahren an Bord der Monocoque-Jacht ‹Luna Rossa› noch siebzehn Personen waren, müssen wir heute zu sechst segeln, was nicht genug ist, und erst noch blitzschnell und präzis arbeiten.

Auf dem AC50-Katamaran ist die Qualität des Teams weit entscheidender. Ein kleiner Irrtum kann teuer zu stehen kommen und das Rennen kosten. Auf Monocoque-Jachten konnte ein einziges falsches Manöver das Rennen nicht wirklich gefährden.

Selbst wenn der Spinnaker ins Wasser fiel, liess sich der Rückstand wieder aufholen, weil die Boote langsamer waren. Sie konnten praktisch nicht kentern, und niemand wurde verletzt.

Auf den Hydrofoil-Katamaranen hingegen können die Konsequenzen gravierend sein. Viele brillante Segler sind beim America’s Cup nicht mehr dabei, schlicht weil ihre körperliche Leistungsfähigkeit nicht ausreicht, um diese Boliden zu führen. Obwohl sie Supersegler sind, reicht das nicht mehr.»

Seit mehr als zwei Jahren spielt das Fitnesstraining eine führende Rolle bei der Vorbereitung und den Chancen auf den Sieg. Der Grund dafür: Die hydraulische Energie, um das Hauptsegel, das eigentlich ein starrer Karbonfaserflügel ist, und die Tragflügel zu verstellen, muss mit menschlicher Körperkraft produziert werden.

Von den sechs Teams, die zur 35. Edition des America’s Cup eingeladen waren, setzten fünf auf die Kraft ihrer Arme für das Kurbeln an den Winschen, einzig das Emirates Team New Zealand hat sich für ein System zum Treten mit den Beinen entschieden.

Eine schicksalshafte Wahl. Denn je mehr Energie das Boot hat, desto besser lässt es sich führen und manövrieren. Ausdauer und Körperkraft der Segler sind darum für den Sieg ausschlaggebend.

Der sportliche Leiter des Oracle Team USA bestätigt: «Ein massgeschneidertes Trainingsprogramm ist strategisch absolut wichtig. Die Männer trainieren, um das Maximum an Kraft über das Maximum an Zeit liefern zu können. Sie müssen während der 25 Wettkampfminuten ungefähr 95% ihrer physischen Kapazität aufbieten. Gross und stark zu sein, genügt nicht, man muss auch ausdauernd und agil sein, um sich schnell von einer Seite des ‹Trampolins› zur andern zu bewegen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, während die Katamarane ohne weiteres mit über 40 Knoten (75 kmh) über die Wogen fliegen können… Und das Reglement dieses Cups schreibt vor, dass die Männer höchstens 87,5 kg wiegen dürfen. Ein vielseitiges Hallentraining – Boxen, Gewichtheben, Yoga, Laufen – und eine auf jeden Segler abgestimmte Ernährung sind strategisch überaus wichtig.»

Laut James Spithill entspricht der Cup einem 25 Minuten dauernden Endspurt eines Läufers. Um alle Trümpfe auf ihrer Seite zu haben, liessen die Amerikaner Mitglieder der US Navy Seals kommen, um die Segler einer harten Prüfung bei extremen physischen Bedingungen zu unterziehen und ihre Konzentrationsfähigkeit zu testen.

James Spithill: «Wir müssen innerhalb einer Viertelsekunde Entscheidungen treffen und auch in Stresssituationen sowie bei grosser Müdigkeit konzentriert bleiben. Andernfalls können die Konsequenzen unserer Irrtümer ebenso dramatisch sein wie bei einem Formel-1-Rennfahrer, der gegen eine Mauer rast.»

Die Hydrofoils: der andere Schlüssel zum Sieg

Beim Louis Vuitton Cup, der am 12. Juni 2016 zu Ende ging, zeigten die Rennen in der Bucht in Form eines natürlichen Amphitheaters direkt gegenüber dem Dorf des America’s Cup, dass die Foils eine entscheidende Rolle spielten.

Mit nur zwei erlaubten Foil-Sets pro Boot darf es keinen Bruch geben, da die Herstellung eines Paars mehrere Wochen erfordert. Beim Oracle Team USA entschieden sich die Forscher für asymmetrische Foils.

Der Verantwortliche für die Katamarantechnik beim SoftBank Team Japan, Nick Holroyd, erklärt: «Gewinner des America’s Cup wird der Katamaran sein, der am schnellsten auf die Foils steigen kann und dort bleibt, ohne mit den Rümpfen während des Rennens je das Wasser zu berühren. Die Boote sind so konstruiert, dass sie sich ab 7,5 Knoten Windgeschwindigkeit (14 kmh) heben und nur auf den Foils durchs Wasser gleiten. Fliegt man jedoch allzu hoch über der Oberfläche, entsteht auf der Oberfläche der Foils ein Kavitationseffekt (Störung des Strömungsflusses), und das Boot sinkt wieder ab. Die grosse Frage lautet: Ist es gescheiter, dank stark profilierten, geschwindigkeitssteigernden Foils extrem schnell zu sein, aber dadurch Instabilität zu riskieren und als Folge davon häufiger steuern und verstellen zu müssen, was mehr (Körper-) Kraft verbraucht? Oder setzt man lieber auf etwas weniger stark profilierte Foils und verliert dafür weniger Energie? Das ist die Knacknuss, über die alle Ingenieure der Teams bei der Vorbereitung dieses 35. Cups zu entscheiden haben.»

Angesichts von Budgets, die sich bis um das Dreifache unterscheiden, treten die sechs Teams mit ungleichen Waffen gegeneinander an, obwohl dieser America’s Cup egalitärer und weniger kostspielig sein möchte.

Mit den offiziell angekündigten 90 Mio. $ hat das Oracle Team USA nicht geknausert, wobei man in den Kulissen munkelt, das effektive Budget sei dreimal höher. Da Partnerschaften zwischen den Teams erlaubt sind, arbeiten das SoftBank Team Japan und sein Skipper Dean Barker – 2013 glückloser Verlierer des letzten Cups mit dem Team New Zealand – dieses Jahr offen mit Oracle zusammen, was ihnen erlaubt, mit einem dreimal kleineren Budget anzutreten.

Während die Konstruktion des Rumpfs und der Segel bei allen Katamaranen identisch ist und von One Design vorgegeben wird, sind das Steuer des Skippers als eigentliche Kommandozentrale für die Segel und die Foils sowie die Energiequelle und die Speicherbatterien sensible Bereiche, die so geheim gehalten werden wie der Code eines Atomkoffers.

Nach jedem Testlauf oder Rennen werten Softwareingenieure die Daten der rund 100 Sensoren aus, die überall auf dem Boot verteilt sind. Diese Ergebnisse dürfen jedoch gemäss Cup-Regel nicht mit den Partnerteams geteilt werden.

Die Hightech-Cockpits verschlingen zudem einen bedeutenden Teil des Budgets. Doch James Spithill relativiert: «Wir versuchen täglich, die Kontrollsysteme zu perfektionieren, aber auch Energie zu gewinnen. Wie bei der Formel 1 kann eine Steigerung unserer Kraft um 5% einen enormen Unterschied ausmachen. Selbstverständlich wird jedes Rennen gründlich analysiert, um Erkenntnisse für mögliche Lösungen zu gewinnen. Trotzdem bleibt die Entscheidung, ob man sie nutzen oder besser seinem Instinkt folgen soll, immer schwierig. Man will zwar die Technologie optimieren, doch letztlich steuern Menschen das Boot, nicht die Technologie!»