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Amerika befeuert den chinesischen Tech-Nationalismus

Der Druck der USA auf Chinas führende Konzerne verstärkt Pekings Entschlossenheit, technologisch autark zu werden – und letztlich die globale Vorherrschaft zu erlangen. Ein Kommentar von Keyu Jin.

Keyu Jin, Peking
«Peking baut ein Innovations-Ökosystem nach dem Vorbild des Manhattan-Projekts und des Apollo-Programms der Nasa auf.»

Die Skifahrerin Eileen Gu, die bei den Olympischen Winterspielen in Peking zum Liebling der chinesischen Öffentlichkeit geworden ist, wurde zwar in Amerika geboren, doch China hat viele seiner Champions im Rahmen seines Juguo-Sportsystems im eigenen Land ausgebildet. Juguo bedeutet unterstützt durch die «ganze Nation». Nun verfolgt China den Juguo-Ansatz – den Einsatz massiver Ressourcen zur Erreichung eines strategischen Ziels oder zur Steigerung des nationalen Ansehens –, um technologische Leistungsfähigkeit von Weltrang zu erlangen.

China verfolgt seine technologischen Ziele mit einer Intensität, wie es sie seit der Entschlossenheit des Vorsitzenden Mao Zedong zur Entwicklung von Atomwaffen vor sechs Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat. Die Motivation könnte nicht deutlicher sein. Unter Präsident Donald Trump haben die Vereinigten Staaten eine Kampagne gegen chinesische Technologieunternehmen – insbesondere Huawei und ZTE – gestartet, die unter anderem deren Zugang zu von den USA kontrollierten kritischen Technologien wie Halbleitern einschränkt. Diese Kampagne wird unter Präsident Joe Biden fortgesetzt, und vielen weiteren chinesischen Unternehmen droht ein ähnliches Schicksal, wenn sie auf die sogenannte Entity List der USA gesetzt werden, die es US-Unternehmen verbietet, Geschäftsbeziehungen mit den betroffenen Gesellschaften und Organisationen zu unterhalten.

Das Vorgehen der USA war ein Weckruf für China. Statt sich weiterhin von den Launen der USA abhängig zu machen, muss das Land technologisch unabhängig werden.

Xi überlässt nicht alles den Märkten

Die Kräfte des Marktes könnten dazu beitragen. Da Unternehmen gezwungen sind, moderne Ausrüstung und Technologie aus inländischen Quellen zu beziehen, steigt die Nachfrage nach chinesischer Technologie, was ihre Entwicklung beschleunigen dürfte.

Doch Präsident Xi Jinping überlässt das technologische Schicksal Chinas nicht den Märkten. Der technologische Fortschritt wurde als Kernstück der nationalen Politik im 14. Fünfjahresplan verankert. Während in der Vergangenheit ein Minister der Regierung für die Steuerung dieses Prozesses verantwortlich gewesen wäre, wird dieser nun direkt von Xi Jinping beaufsichtigt.

Im Rahmen dieser Initiative überhäuft die Regierung chinesische Technologieunternehmen mit Land, Geld und Verträgen. Und sie baut ein Innovations-Ökosystem nach dem Vorbild des Manhattan-Projekts und des Apollo-Programms der Nasa auf, mit einer vollständig integrierten Inkubationskette, die nationale Labors, Universitäten und Hightech-Wissenschaftsparks miteinander verbindet.

Tausende Talente angeheuert

Die chinesische Regierung plant den Bau von zehn nationalen Forschungslabors mit unterschiedlichen Schwerpunkten – so etwa ein Labor für künstliche Intelligenz in Schanghai und eines für Quantencomputing in Hefei –, die direkt von einem Mitglied des Ständigen Ausschusses, des obersten Entscheidungsgremiums der Kommunistischen Partei Chinas, beaufsichtigt werden. Darüber hinaus wollen die Behörden hundert neue Technologiezentren und hundert zusätzliche High-Tech-Industrieparks im ganzen Land errichten und haben ein beschleunigtes Verfahren für Börsengänge eingeführt, das über das neue Shanghai Stock Exchange Science and Technology Innovation Board (auch bekannt als Star Market) abgewickelt wird.

Auch den Kommunalregierungen kommt in diesem Prozess eine entscheidende Rolle zu. Viele von ihnen gehen bereits innovative Wege, um die technologische Entwicklung zu unterstützen. Viele Kommunalregierungen – etwa in Schanghai, Chengdu, Hefei und Chongqing – legen in Dachfondsstrukturen an und haben damit begonnen, sich grosse Anteile an Unternehmen zu sichern. Die Regierung von Schanghai kooperierte mit Tesla, und die Regierung von Anhui sicherte sich eine Beteiligung am chinesischen E-Auto-Hersteller Nio.

Indem sie Risikokapitalgeber ermutigen, potenzielle «Einhörner» in ihren Regionen anzusiedeln, bringen sich die lokalen Regierungen in Position, die Lorbeeren für das daraus resultierende BIP-Wachstum, die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Innovation zu kassieren. China hat bereits Tausende Spitzentalente aus der ganzen Welt rekrutiert, um forschungsrelevante Stellen zu besetzen.

Milliarden – vielleicht Billionen – für die Innovation

Im Namen des Kartellrechts, der sozialen Gerechtigkeit und des Datenschutzes hat die chinesische Zentralregierung in den vergangenen zwei Jahren zwar weitreichende Massnahmen zur Regulierung und zur Zügelung von Tech-Riesen ergriffen, doch entgegen der allgemeinen Auffassung steht diese Kampagne nicht im Widerspruch zu dem Ziel, eine globale technologische Vormachtstellung zu erlangen und wird es gewiss nicht untergraben. Langfristig wird eine angemessene Regulierung den Weg für ein robustes Wachstum der Hightech-Unternehmen unter gleichen Wettbewerbsvoraussetzungen ebnen.

Das harte Durchgreifen der Regulierungsbehörden richtet sich gegen auf Konsumentn ausgerichtete Internetplattformen wie Alibaba, Didi und JD.com. Keines dieser Unternehmen ist in den innovativen Bereichen tätig – wie Biotechnologie, Quantencomputing, künstliche Intelligenz und Halbleiter –, in denen China hofft, zu den USA aufzuschliessen. Die Dämpfung ihres Wachstums wird nicht nur den Wettbewerb in den Sektoren ankurbeln, in denen sie tätig sind, sondern könnte auch Ressourcen freisetzen, die in die Bereiche umgelenkt werden könnten, in denen auf dem Gebiet der Technologie neue Massstäbe gesetzt werden.

In jedem Fall bedeutet das Juguo-System, dass ungeachtet der Kosten nationale Ressourcen mobilisiert und zugewiesen werden können. Das bedeutet, dass das Äquivalent von Milliarden – vielleicht Billionen – von Dollar in die Subventionierung von Innovation fliessen wird, von der Unterstützung der Grundlagenforschung bis zum Bau von Wissenschaftsparks. Dabei werden unweigerlich Ressourcen verschwendet werden. Aber die chinesische Führung ist zuversichtlich, dass es sich auf lange Sicht auszahlen wird.

Die Fühler in alle Richtungen ausstrecken

Diese Art des Denkens ist der grösste Vorteil einer staatlich gelenkten Strategie. Innovation ist ein höchst unsicherer Prozess, der mit Risiken behaftet ist. Wenn private Unternehmen sich selbst überlassen sind, messen sie kurzfristigem Gewinn häufig höhere Priorität bei als Investitionen in Innovation und in die Entwicklung von Kernkompetenzen.

Chinas Regierung verfügt jedoch über die Mittel, die Geduld und die Entschlossenheit, einen langfristigen Wandel herbeizuführen, ungeachtet der kurzfristigen Kosten. Der Staat wird dafür bezahlen, die Fühler in alle Richtungen auszustrecken, um die dicksten Fische an Land zu ziehen.

Bildungssystem muss offener werden

Diese Strategie dürfte China helfen, seine Überlegenheit im Bereich Hightech-Produkte zu beschleunigen, aber um echte technologische Durchbrüche zu erzielen, braucht das Land ein viel offeneres Bildungssystem. Ausserdem muss es einen Innovationsprozess erschaffen, in dem die Akteure sowohl durch die Belohnungen des Marktes motiviert sind als auch durch den intrinsischen Wunsch, Wissen zu fördern. Chinas alte Investitionsstrategie des «kurz, flach, schnell», die im Sport und in der Infrastruktur funktioniert hat, muss einer neuen Strategie für Technologien weichen, die von einem geduldigen Land mit geduldigen Menschen und geduldigem Kapital verfolgt wird.

Eines ist klar: Angesichts der chinesischen Reaktion auf den Druck, den die USA auf seine Tech-Riesen ausüben, kann man davon ausgehen, dass weitere Restriktionen Chinas Entschlossenheit, technologisch autark zu werden – und letztlich die globale Vorherrschaft zu erlangen –, noch verstärken werden. Dies sollte der Regierung Biden zu denken geben, wenn sie ihre nächsten Schritte prüft.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare

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Salim Shashoua Shashoua 18.03.2022 - 18:20
The difference between a dictatorship and a democracy is that in the case of China the future cannot be predicted. We have the classic example where China for more than the last 6 months controlled learning Companies, beat down Alibaba and refused to discuss with SEC the question of Auditing Chinese Companies quoted in USA. Overnight the rules have been… Weiterlesen »