Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier US-Wahlen 2020
Meinungen

Amerikaner drängen zur Wahl

Wer profitiert von der frühen Stimmabgabe? Ein Kommentar von USA-Korrespondent Martin Lüscher.

«Bereits 30 Mio. Amerikaner haben ihre Stimme abgegeben, mehr als ein Fünftel aller Voten der Wahl von vor vier Jahren.»

Alles ist grösser in Texas. Das gilt dieser Tage auch für die Menschenmassen, die zu den Wahllokalen strömen, um schon vor dem Wahltermin am 3. November ihre Stimme abzugeben. Bereits vier Millionen Texaner haben in ihrem Staat – der flächenmässig so gross ist wie die Schweiz, Deutschland und Italien zusammen – ihre Stimme für Amtsinhaber Donald Trump, Herausforderer Joe Biden oder einen chancenlosen Drittkandidaten abgegeben. Zwei Wochen vor dem Wahltermin sind damit laut dem Politikprofessor Michael McDonald von der Universität Florida schon fast halb so viele Stimmen eingegangen wie während der Präsidentschaftswahl 2016 insgesamt.

Aber nicht nur in Texas wird fleissig die demokratische Pflicht erfüllt. In ganz Amerika wurden bereits 30 Mio. Stimmen abgegeben, mehr als ein Fünftel aller Voten der Wahl von vor vier Jahren. Besonders fleissig sind die Demokraten. 54% aller eingereichten Stimmen stammen von demokratisch registrierten Wählern. Republikaner machen 25% aus, und 20% fühlen sich keiner Partei zugehörig. 

Der hohe Anteil an Demokraten ist für Joe Biden nicht zwingend ein Vorteil, denn das war zu erwarten. In Umfragen gaben etwa doppelt so viele Demokraten als Republikaner an, von der frühen Stimmabgabemöglichkeit Gebrauch zu machen. Zwar spricht das hohe Aufkommen – im Gegensatz zur Wahl 2016 – für eine hohe Beteiligung der Demokraten, doch ist es auch gut möglich, dass Trump den Rückstand am 3. November wettmachen kann.

In einigen Swing States liegen die Republikaner derzeit nicht einmal zurück. Entgegen dem nationalen Trend halten die Republikaner in Michigan, Ohio und Wisconsin mit den Demokraten bei der frühen Stimmabgabe mit oder haben gar die Nase vorn. Aber das muss nicht zwingend ein Vorteil sein, diesmal für Trump, denn die Parteizugehörigkeit allein bedeutet noch nicht, dass für den Kandidaten der Partei gestimmt wird. 

Definitiv ein Vorteil für die Republikaner ist jedoch die Tatsache, dass in den umkämpften Staaten Florida, North Carolina und Pennsylvania die republikanische Partei in den vergangenen vier Jahren mehr Mitglieder gewinnen konnte als die Demokraten. Sie zählen zwar immer noch weniger Mitglieder als die Demokraten, doch der Unterschied beträgt in Florida derzeit nur gerade 134’000 Personen, von 14,4 Mio. Wählern; vor vier Jahren waren es noch 330’000. In den umkämpften Staaten Arizona und New Hampshire geht es hingegen in die andere Richtung: Dort konnten die Demokraten mehr Mitglieder gewinnen als die Republikaner. 

Ob die veränderte Zahl der Parteimitglieder in der Wahl eine entscheidende Rolle spielen wird, muss sich erst noch zeigen. Das gilt auch für den hohen Anteil an Voten, die vor dem Wahltermin abgegeben wurden. Klar ist hingegen, dass das Rennen um das Weisse Haus noch nicht entschieden ist, auch wenn Millionen Amerikaner, die von ihrem Stimmrecht bereits Gebrauch gemacht haben, ihr Votum nicht mehr ändern können.

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