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Amerikas Ersparnisprobleme

Kein Land kann unbefristet Erfolg haben, ohne zu sparen. Die Politik muss erkennen: Das Ersparnisdefizit ist die grösste Bedrohung des amerikanischen Traums. Ein Kommentar von Stephen S. Roach.

Stephen S. Roach
« Amerika muss mehr sparen und weniger konsumieren, während China weniger sparen und mehr konsumieren muss.»

US-Politiker lamentieren ausnahmslos, dass der Handel der Feind der Mittelschicht und die hauptsächliche Quelle des Drucks auf Arbeitsplätze und Löhne sei. Der aktuelle Präsidentschaftswahlkampf macht diesbezüglich keine Ausnahme: Republikaner wie Demokraten haben China und die Trans-Pazifische Partnerschaft ins Visier genommen und stellen sie als Geissel der unter Druck stehenden amerikanischen Arbeitnehmer dar. Diese Erklärung mag politisch zweckdienlich sein, aber die Wahrheit liegt woanders.

Was den Handel angeht, so hat sich Amerika, wie ich kürzlich argumentiert habe, seine Probleme selbst zuzuschreiben. Schuld ist das hohe Ersparnisdefizit; das Land lebt seit Jahrzehnten über seine Verhältnisse und bedient sich dabei grosszügig der Ersparnisüberschüsse des Auslands, um die grösste Konsumorgie in der Geschichte zu finanzieren. Aber die Politiker wollen natürlich nicht den Wählern die Schuld für deren Verschwendungssucht geben; es ist viel einfacher, die Schuld anderswo zu suchen.

Diese Sparkritik bedarf weiterer Analyse. Die Daten zeigen, dass Länder mit Ersparnisdefiziten auch zu Handelsdefiziten neigen, während Länder mit Ersparnisüberschüssen tendenziell auch Handelsüberschüsse aufweisen. Die USA sind das offensichtlichste Beispiel: Sie wiesen Ende 2015 eine nationale Netto-Sparquote von 2,6% – nicht mal die Hälfte des Durchschnitts der letzten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts von 6,3% – und ausserdem Handelsdefizite mit 101 Ländern aus.

«Ersparnisflut» ist nicht das Problem

Dasselbe Muster bestätigt sich auch anderswo. Grossbritannien, Kanada, Finnland, Frankreich, Griechenland und Portugal – sämtlich Länder mit hohen Handelsdefiziten – sparen sehr viel weniger als andere entwickelte Länder. Sparstarke Länder wie Deutschland, Japan, die Niederlande, Norwegen, Dänemark, Südkorea, Schweden und die Schweiz weisen allesamt Handelsüberschüsse auf.

Ersparnisungleichgewichte können zudem zu destabilisierenden internationalen Kapitalflüssen, Vermögensblasen und Finanzkrisen führen. Dies war im Vorfeld der Finanzkrise von 2008/09 der Fall, als die globalen Ersparnisungleichgewichte, gemessen als Unterschiede zwischen Ländern mit Leistungsbilanzdefiziten und Leistungsbilanzüberschüssen, einen modernen Rekordwert erreichten. Die durch diese Ungleichgewichte angeheizten Vermögens- und Kreditblasen brachten die Welt an den Rand des Abgrunds, so wie man es seit den Dreissigerjahren nicht erlebt hatte.

Auch hier gibt es beträchtliche Schuldzuweisungen. Die Defizitländer neigen dazu, der nach Renditen strebenden «Ersparnisflut» die Schuld zu geben, die durch die weltweiten Finanzmärkte schwappt. Der ehemalige Chairman des Federal Reserve, Ben Bernanke, hat es so formuliert: Wenn nur Länder wie China mehr ausgegeben hätten, hätten sich die Blasen, die Amerika beinahe ruiniert hätten, gar nicht erst gebildet. Andere haben rasch darauf hingewiesen, dass Amerikas vorgebliches Wachstumswunder ohne das von den Überschussländern zur Verfügung gestellte Kapital vermutlich gar nicht möglich gewesen wäre.

China und die USA gehen unterschiedliche Wege

Der vernünftige Ansatz wäre, ein besseres Gleichgewicht zwischen Ersparnissen und Ausgaben herzustellen. Dies ist besonders für die USA und China von Bedeutung, auf die zusammen ein überproportionaler Anteil der weltweiten Ersparnisungleichgewichte entfällt. Einfach ausgedrückt: Amerika muss mehr sparen und weniger konsumieren, während China weniger sparen und mehr konsumieren muss. Um Erfolg zu haben, müssen beiden Länder tief verwurzelte Mentalitäten überwinden.

China geht diesbezüglich voran mit seiner Strategie der verbraucherorientierten wirtschaftlichen Neuausrichtung, die es vor fünf Jahren eingeleitet hat. Die Ergebnisse dabei waren bisher durchmischt, da die unzureichende Finanzierung eines sozialen Netzes die von der Schaffung von Arbeitsplätzen im Dienstleistungssektor und dem urbanisierungsbedingten Anstieg der Reallöhne ausgehende Unterstützung für die Haushaltseinkommen weiterhin konterkariert. Doch China hat zuletzt Engagement in der Bekämpfung dieser Mängel an den Tag gelegt. Sein jüngst verabschiedeter 13. Fünfjahresplan zielt darauf ab, angstgesteuerte Vorsorgeansparungen durch Liberalisierung der Zinssätze, die Einführung einer Einlagensicherung, die Lockerung des Systems der Wohnsitzgenehmigungen (hukou) – welche die Mitnahme von staatlichen Leistungen bei einem Umzug verbessern könnte – und die Lockerung der Einkindpolitik zu dämpfen.

Die USA jedoch bewegen sich in die gegenteilige Richtung. Hier gibt es kein Interesse, die Ersparnisfrage zu debattieren oder gar Massnahmen zu ihrer Lösung umzusetzen. Eine sparfreundliche US-Politik sollte auf eine längerfristige Haushaltskonsolidierung, die Ausweitung von IRA (individuellen Rentenkonten) und 401Ks, eine verbrauchsgestützte Steuerreform (etwa über Mehrwert- oder Verkaufssteuern) sowie eine Zinsnormalisierung gründen. Stattdessen konzentriert sich die Politik in den USA weiterhin darauf, die Konsumorgie im Gang zu halten, unabhängig von ihren Auswirkungen auf den Sparzwang, unter dem Amerika steht.

Der Preis für die Finanzierung könnte steigen

Die asymmetrische Reaktion der beiden weltgrössten Volkswirtschaften auf ihre jeweiligen Ersparnisdilemmata hat weitreichende Folgen. In dem Umfang, in dem China Fortschritte auf dem Weg hin zu einer verbraucherorientierten Neuausrichtung seiner Wirtschaft macht, wird es von Ersparnisüberschüssen auf die Absorbierung von Ersparnissen umstellen. Schon jetzt ist Chinas nationale Brutto-Sparquote gegenüber ihrem Höchstwert von 52% vom BIP im Jahr 2008 auf rund 44% im laufenden Jahr zurückgegangen. Sie dürfte in den kommenden Jahren noch weiter sinken.

Die USA, die seit langem in einer kodependenten Wirtschaftsbeziehung zu China gefangen sind, können es sich nicht leisten, diesen Wandel zu ignorieren. Schliesslich dürfte Chinas verbraucherorientierte Umstellung hin zur Absorbierung von Ersparnissen im Verbund mit seinen verringerten Leistungsbilanz- und Handelsüberschüssen zu einer verringerten Anhäufung von Devisenreserven und einer geringeren Rückführung dieser Reserven in dollarbasierte Vermögenswerte wie etwa US-Schatzanleihen nach sich ziehen.

In dem Umfang, in dem Amerika es versäumt, seine inländischen Ersparnisse zu erhöhen, könnte der Mangel an chinesischem Kapital die USA durchaus dazu zwingen, einen höheren Preis für ihre Finanzierung durch das Ausland zu zahlen – sei es durch einen schwächeren Dollar, höhere Realzinsen oder beides. Dies sind die klassischen Fallgruben einer Kodenpendenz: Wenn einer der Partner sein Verhalten ändert, hat das Folgen für den anderen.

Die Zeit läuft aus

Kein Land kann unbefristet Erfolg haben, ohne zu sparen. Als Land mit der Weltreservewährung ist Amerika bisher damit durchgekommen, und zwar überwiegend deshalb, weil die übrige Welt das zugelassen hat. Schliesslich haben die Länder, die dies ermöglicht haben – besonders exportorientierte Volkswirtschaften wie China mit seiner ressourcenabhängigen Lieferkette – von Amerikas Konsumorgie, die eine überzogene Expansion des Welthandels angetrieben hat, profitiert.

Aber diese Tage sind gezählt. Die amerikanischen Wähler – besonders die entrechteten, wütenden Arbeitnehmer aus der Mittelschicht – erkennen zunehmend, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Doch die Politiker in den USA fahren fort damit, die Wut ihrer Wähler nach aussen zu lenken und tun die Wachstumssubventionen ab, die mit der «Hilfe von Fremden» einhergehen. Es ist Zeit für die Politiker, eine unbequeme Wahrheit einzugestehen: Das Ersparnisdefizit ist die grösste Bedrohung des amerikanischen Traums.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare

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Fredy Fischli 17.06.2016 - 11:25

Auch die SNB hilft bei der Finanzierung der Konsumorgie der Amerikaner tüchtig mit.