Meinungen English Version English Version »

Amerikas Fokus auf China verschiebt die Gewichte

Die USA werden an geopolitischem Einfluss verlieren, wenn sie ihren Schwerpunkt weiterhin auf China legen. Das kann auch Vorteile mit sich bringen. Ein Kommentar von Minxin Pei.

Minxin Pei
«Die stärksten sicherheitspolitischen Auswirkungen der strategischen Verlagerung der USA nach Ostasien werden im Nahen Osten zu spüren sein.»

Während des Kalten Krieges war Europa die oberste strategische Priorität der USA. Ostasien war überwiegend ein Nebenschauplatz, obwohl die Vereinigten Staaten in Korea und Vietnam blutige Kriege führten und überdies für die Sicherheit Japans, Südkoreas und Taiwans sorgten.

Doch angesichts des sich anbahnenden neuen Kalten Kriegs zwischen den USA und China haben sich Amerikas strategische Prioritäten verschoben. Die Sicherheitsstrategie der USA wird heute von der Bedrohung durch China dominiert, und Ostasien hat Europa als Hauptschauplatz der wichtigsten geopolitischen Konkurrenz abgelöst. Die sicherheitspolitischen Folgen dieser Verschiebung der amerikanischen Prioritäten treten immer deutlicher zutage.

Amerikas Gegenspieler nutzen vor allem dessen Hauptaugenmerk auf China aus, um die Entschlossenheit der USA auf die Probe zu stellen. So hat beispielsweise der Iran in den festgefahrenen Verhandlungen über die Wiederbelebung des Gemeinsamen Umfassenden Aktionsplans – jenes Atomabkommens von 2015, aus dem sich US-Präsident Donald Trumps Regierung 2018 zurückzog – eine härtere Gangart eingelegt. Die iranische Führung scheint darauf zu setzen, dass Präsident Joe Biden nur äusserst widerwillig auf militärische Mittel zurückgreifen und sich in einen neuen Krieg im Nahen Osten verwickeln lassen wird, während sich die USA auf einen möglichen Konflikt mit der chinesischen Volksbefreiungsarmee vorbereiten.

Strategisches Dilemma

Die aktuellen militärischen Drohungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin gegen die Ukraine beruhen offenbar auf ähnlichen Überlegungen. Putin glaubt, er verfüge nun über viel mehr Spielraum, um Russlands Einfluss in seiner unmittelbaren Nachbarschaft wiederherzustellen, weil es sich die USA schlecht leisten können, von ihrer strategischen Ausrichtung auf China abgelenkt zu werden.

Die jüngsten Schritte des Iran und Russlands veranschaulichen das strategische Dilemma der USA. Um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass ihr kalter Krieg gegen China für sie günstig ausgeht, müssen die USA ihre strategische Disziplin bewahren und sich von sekundären Konflikten fernhalten, die ihre Aufmerksamkeit und Ressourcen binden könnten. Bidens abrupter, verpfuschter Abzug aus Afghanistan im Jahr 2021 unterstreicht die Festlegung seiner Regierung in dieser Hinsicht.

Es bleibt abzuwarten, wie Amerikas Auseinandersetzungen mit dem Iran und Russland ausgehen werden, fest steht jedoch, dass die USA früher oder später auch anderswo ähnlich auf die Probe gestellt werden. Einige Regionalmächte werden wohl versucht sein, ihre schwächeren Nachbarn zu drangsalieren, weil sie der Meinung sind, dass der Schwenk der USA nach Ostasien ein militärisches Eingreifen Amerikas sehr viel unwahrscheinlicher machen wird.

Abschied des Sicherheitsgaranten

Freilich wird der amerikanische Schwerpunkt auf China in verschiedenen Regionen unterschiedliche Folgen haben, wobei die Auswirkungen auf die regionale Sicherheit in Lateinamerika und Afrika viel geringer ausfallen werden als im Nahen Osten. In Lateinamerika und Afrika wird die amerikanische Politik der kommenden Jahre wohl den wirtschaftlichen, technologischen und diplomatischen Wettbewerb mit China in den Vordergrund stellen. Verlierer werden diejenigen Länder sein, in denen China nur wenig Interessen hat oder über geringen Einfluss verfügt.

Die stärksten sicherheitspolitischen Auswirkungen der strategischen Verlagerung der USA nach Ostasien werden im Nahen Osten zu spüren sein, also in jener Region, die hinsichtlich ihrer Sicherheitsbedürfnisse am meisten auf Amerika angewiesen ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die strategische Ausrichtung auf China Amerikas Rolle als Polizist der Region dramatisch schwächen. Obwohl die USA ihren wichtigsten Verbündeten und Partnern weiterhin Waffen und Hilfe zur Verfügung stellen werden, wird der Nahe Osten als Ganzes ohne die USA als Sicherheitsgaranten auskommen müssen.

Allgemeiner lässt sich feststellen, dass die USA unweigerlich in erheblichem Mass an geopolitischem Einfluss verlieren werden, wenn sie ihren strategischen Schwerpunkt weiterhin auf China legen. Länder, die nicht mehr von Amerikas Grosszügigkeit profitieren, werden sich verständlicherweise den USA weniger verpflichtet fühlen.

Disziplinierende Wirkung

Doch die Schwächung des globalen Einflusses der USA könnte auch beträchtliche Vorteile mit sich bringen, sowohl für die USA als auch für den Rest der Welt. Strategische Disziplin würde es den USA erschweren, unnötige Kriege zu führen. Die Schattenseite der amerikanischen Unipolarität während eines Grossteils der Zeit nach dem Kalten Krieg war Amerikas rücksichtsloser Einsatz militärischer Gewalt. Nach Angaben des US Congressional Research Service haben die USA in den drei Jahrzehnten seit dem Ende des Kalten Krieges ihre Streitkräfte jedes Jahr im Ausland eingesetzt. Besonders in den beiden grossen Kriegen in Afghanistan und im Irak hat man eine immense Zahl an Menschenleben geopfert und wertvolle Ressourcen verschleudert.

Anderswo werden Länder, die bislang auf Schutz und Unterstützung der USA zählten, durch deren neue strategische Ausrichtung gezwungen werden, für sich selbst zu sorgen. Einige Länder des Nahen Ostens haben sich bemüht, die Beziehungen untereinander wieder aufzubauen und den Frieden zu fördern, um sich auf den Rückzug der Amerikaner vorzubereiten; so haben sich etwa die Beziehungen zwischen einigen Golfstaaten und Israel in den vergangenen Jahren dramatisch verbessert.

Europa ist gefordert

In Europa mag es sich bei der «strategischen Autonomie» vorerst nur um grosse Worte handeln. Da die USA ihren europäischen Verbündeten jedoch immer deutlicher zu verstehen geben, dass sie der Region untergeordnete Priorität beimessen, wird man in Europa den Worten Taten folgen lassen müssen.

Die ehemalige amerikanische Aussenministerin Madeleine Albright erklärte einst, die USA seien die «unverzichtbare Nation» der Welt. Diese Bezeichnung traf wohl über den grössten Teil der Zeit nach dem Kalten Krieg zu. Doch im Zeitalter des Kalten Kriegs zwischen den USA und China ist Amerika vielleicht die unverzichtbare Macht für Ostasien, aber nicht für andere Regionen. Während diese neue Realität Fuss fasst, wird der Rest der Welt keine andere Wahl haben, als sich anzupassen. Das könnte zu mehr militärischen Konflikten führen, oder aber zu mehr Frieden.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare