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Amerikas Handelsdefizit beginnt zu Hause

Die 101 Handelsdefizite der USA bestehen nicht in einem Vakuum. Sie sind ein Symptom des echten Problems: Die Volkswirtschaft lebt seit Jahrzehnten über ihre Mittel. Ein Kommentar von Stephen S. Roach.

Stephen S. Roach
« Die Verbalausfälle gegen den Handel sind ein Hintergrund für leere Versprechungen, wie sie Politiker beider Parteien den amerikanischen Wählern seit langem machen.»

Dank des Spiels mit den Ängsten der Wähler im Zuge des US-Präsidentschaftswahlkampfs werden die Handelsdebatte und ihre Auswirkungen auf die amerikanischen Arbeitnehmer an beiden Enden des politischen Spektrums verzerrt. Von den Verbalausfällen gegen China auf der Rechten bis hin zum Widerstand gegen die Transpazifische Partnerschaft (TPP) auf der Linken stellen Politiker beider Parteien den Aussenhandel fälschlich als grösste wirtschaftliche Bedrohung Amerikas dar.

Im vergangenen Jahr wiesen die Vereinigten Staaten Handelsdefizite gegenüber 101 Ländern auf – was man im Wirtschaftsjargon als multilaterales Handelsdefizit bezeichnet. Aber dies lässt sich nicht an einem oder zwei «schlechten Akteuren» festmachen, wie die Politiker das unweigerlich tun. Zwar entfällt auf China – jedermanns liebsten Sündenbock – der grösste Anteil dieses Ungleichgewichts, doch die kombinierten Defizite der anderen hundert Länder sind sogar noch höher.

Was die Kandidaten der amerikanischen Bevölkerung verheimlichen, ist, dass das Handelsdefizit und der Druck, den es auf die schwer bedrängten Arbeitnehmer der Mittelschicht ausübt, auf Problemen im eigenen Land beruhen. Tatsächlich ist der wahre Grund dafür, dass die USA ein derart enormes Handelsdefizit aufweisen, dass die Amerikaner nicht sparen.

Mickrige Sparquote

Die Gesamtersparnisse in den USA – d. h. die Gesamtsumme der Ersparnisse von Familien, Unternehmen und dem staatlichen Sektor – beliefen sich im vierten Quartal 2015 auf gerade eben 2,6% des Volkseinkommens. Das ist ein Rückgang um 0,6 Prozentpunkte gemessen am Vorjahr und weniger als die Hälfte des Durchschnitts der letzten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.

Jede wirtschaftswissenschaftliche Einführungsveranstaltung betont das eherne Gesetz der Bilanzierung, wonach die Ersparnisse jederzeit den Investitionen entsprechen müssen. Ohne Ersparnisse sind künftige Investitionen nicht möglich.

Und doch ist dies die Lage, in der sich die USA gegenwärtig befinden. Tatsächlich verstehen sich die oben genannten Ersparniswerte «netto» der Abschreibungen – was heisst, dass sie die zur Finanzierung neuer Kapazitäten verfügbaren Ersparnisse messen und nicht die zur Ersetzung verschlissener Anlagen. Unglücklicherweise ist das genau, was Amerika fehlt.

Güternachfrage gegen Auslandkapital

Warum nun ist dies für die Handelsdebatte von Belang? Um weiter zu wachsen, müssen die USA Ersparnisüberschüsse aus dem Ausland importieren. Als weltgrösste Wirtschaftsmacht und Ausgeber der faktischen globalen Reservewährung hat Amerika – zumindest bislang – keine Schwierigkeiten, das Auslandkapital anzulocken, das es braucht, um den Mangel an eigenen Ersparnissen zu kompensieren.

Es gibt dabei freilich ein Problem: Der Zustrom ausländischer Ersparnisse ins Land führt zwangsläufig zu einem enormen internationalen Zahlungsbilanzdefizit. Die Kehrseite des amerikanischen Mangels an Ersparnissen ist Amerikas Leistungsbilanzdefizit, das seit 1980 im Schnitt bei 2,6% des BIP lag.

Es ist dieses chronische Leistungsbilanzdefizit, das das multilaterale Handelsdefizit mit 101 Ländern bedingt. Um Kredite aus dem Ausland zu erhalten, muss Amerika seinen Handelspartnern etwas im Austausch für ihr Kapital geben: die US-Nachfrage nach im Ausland gefertigten Produkten.

China bestrafen auf Kosten der US-Konsumenten

Und hier liegt der Haken der Politisierung der amerikanischen Handelsprobleme. Den Handel mit China zu stoppen, wie Donald Trump das mit seinem 45%igen Zoll auf in den USA verkaufte Produkte faktisch tun würde, würde nach hinten losgehen. Wenn man das Sparproblem nicht behebt, würde der chinesische Anteil an Amerikas multilateralem Handelsungleichgewicht lediglich an andere Länder umverteilt – und zwar höchstwahrscheinlich an teurere Produzenten.

Nach meinen Schätzungen liegen die chinesischen Löhne deutlich unter 50% derjenigen, die bei den anderen neun der grössten zehn Auslandlieferanten Amerikas gezahlt werden. Würden diese Länder die Lücke füllen, die sich durch einen Strafzoll gegenüber China, wie Trump ihn vorgeschlagen hat, auftun würde, würden diese Produzenten mit höheren Kosten zweifellos für ihre in den USA verkauften Produkte mehr verlangen als vorher China. Der hieraus folgende Anstieg der Importpreise käme einer faktischen Steuererhöhung für die amerikanische Mittelschicht gleich. Dies unterstreicht die Sinnlosigkeit des Versuchs, eine bilaterale Lösung für ein multilaterales Problem zu finden.

Dasselbe ungünstige Ergebnis lässt sich bei Verfolgung der von anderen Politikern vorgeschlagenen fahrlässigen Haushaltspolitik erwarten. Man nehme als Beispiel die vom demokratischen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders vorgeschlagene zehnjährige Ausgabeorgie im Umfang von 14,5 Bio. $ durch die US-Bundesregierung – ein Programm, dem es nach dem Urteil führender Wirtschaftsberater eben der Partei, um deren Nominierung Sanders sich bemüht, an jeglicher Art haushaltspolitischer Seriosität mangelt.

Der Staat ist der grösste Defizitsünder

Auf die staatlichen Haushaltsdefizite entfällt seit langem der grösste Anteil von Amerikas anscheinend chronischem Ersparnisdefizit. Die zusätzlichen Defizite von Sanders’ Wirtschaftsprogramm (oder, was das angeht, den Vorschlägen beliebiger anderer Politiker) würden Amerikas Inlandersparnisse weiter in den Keller drücken – und dadurch das multilaterale Handelsungleichgewicht verschärfen, das Mittelschichtfamilien heute derart unter Druck setzt.

Unter diesem Gesichtspunkt hätten riesige Handelsverträge wie die TPP ebenfalls eine wichtige Auswirkung auf den Druck, unter dem Amerikas Arbeitnehmer stehen. Die TPP würde faktisch Handelsströme von den Ländern, die nicht Teil des Vertrages wären, zu denjenigen umlenken, die es wären. Da China von der TPP ausgeschlossen ist, würde dies zum selben Phänomen führen wie oben beschrieben: Amerikas Mittelschichtfamilien würden durch die Umlenkung des Handels von kostengünstigen Produzenten ausserhalb der TPP wie etwa China hin zu kostenintensiver arbeitenden TPP-Unterzeichnern wie Japan, Kanada und Australien quasi zusätzlich besteuert.

Kurz gesagt: Die Verbalausfälle gegen den Handel sind ein Hintergrund für leere Versprechungen, wie sie Politiker beider Parteien den amerikanischen Wählern seit langem machen. Sparen ist das Saatkorn wirtschaftlichen Wachstums – das Mittel, um Amerikas Wettbewerbsfähigkeit durch Investitionen in Menschen, Infrastruktur, Technologie und neue Fertigungskapazitäten zu stärken. Die Regierung zwingt Amerika schon viel zu lange – durch ihre jahrzehntelange Defizitfinanzierung und die Förderung einer Politik, die die Haushalte zum Konsumieren statt zum Sparen anregt –, sich auf ausländische Ersparnisse zu verlassen. Dies hat die Wettbewerbsfähigkeit der USA untergraben, was die Arbeitnehmer mit Arbeitsplatzverlust und sinkenden Löhnen bestraft, wie Handelsdefizite sie unweigerlich auslösen.

Amerikas 101 Handelsdefizite bestehen nicht in einem Vakuum. Sie sind ein Symptom für ein tiefer liegendes Problem: eine Volkswirtschaft, die seit Jahrzehnten über ihre Mittel lebt. Sparen ist nur ein Mittel zum Zweck – in diesem Falle zum Erhalt einer florierenden, in Sicherheit lebenden Mittelschicht. Ohne Sparen läuft der amerikanische Traum Gefahr, sich zu einem Albtraum zu entwickeln. Die Handelsdebatte des laufenden Präsidentschaftswahlkampfs verschärft dieses Risiko.

Copyright: Project Syndicate.

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