Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Die Altmeister der Ökonomie
Märkte / Makro

Amerikas linker Starökonom

John Kenneth Galbraith hinterfragte die konventionellen Weisheiten der Wirtschaftslehre und eckte damit vor allem bei den Neoklassikern an.

Ökonomische Dispute werden seit jeher nicht nur in Fachzeitschriften

ausgetragen, sondern auch auf persönlicher Ebene. Die Wahl zum Vor­sitzenden der angesehensten wirtschaftswissenschaftlichen Vereinigung der USA im Jahre 1971 ist ein berühmtes Beispiel dafür. Bis zuletzt versuchte Milton ­Friedman, Advokat des Monetarismus und Ideenlieferant für rechtskonservative Regierungschefs von Margret Thatcher bis Augusto Pinochet, seinen ideologischen Widersacher John Kenneth Galbraith an der Spitze der American Economic Association zu verhindern. Er setzte sich damit aber nicht durch.

Galbraith ist der wichtigste linke – die Amerikaner sagen ironischerweise liberale – Wirtschaftswissenschaftler der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Als erklärter Kapitalismuskritiker und Befürworter staatlicher Eingriffe war (und ist) der Harvard-Ökonom ein rotes Tuch für diejenigen, die Marktkräfte als überragende klärende Mechanismen verstehen, die das System optimieren und stärken. Dass dem so nicht ist, bildet den Ausgangspunkt von Galbraiths Forschungsarbeiten.

In seinem ersten Buch, dass er dem Thema widmet, «American Capitalism» aus dem Jahre 1952, dreht er allerdings den Spiess um. Er behauptet nicht, dass der Kapitalismus in der Praxis nicht ­funktioniere. Sondern im Gegenteil: Er ­funktioniert im boomenden Amerika der Nachkriegszeit, obwohl die theoretischen Voraussetzungen der klassischen Lehre dort gar nicht erfüllt werden.

Die dazu verwendete Metapher hätte er nicht treffender auswählen können: «Es heisst, dass die Aerodynamik und die Flügelbelastung der Hummel so beschaffen sind, dass sie im Prinzip gar nicht fliegen kann. Sie tut es, und die Erkenntnis, dass sie die illustre Theorie eines Isaac Newton und eines Orville Wright missachtet, muss sie ständig mit Furcht erfüllen, zu zerbersten. (. . .) Die Hummel ist ein erfolgreiches, aber ein unsicheres Insekt.» Kapitalismus wurde nie ästhetischer kritisiert.

Ausgleichende Kräfte

Grossunternehmen, Gewerkschaften und die Regierung verhindern zwar den perfekten Wettbewerb, wie ihn die neoklassische Theorie voraussetzt, doch das System funktioniert trotzdem und hat zu grösserem Wohlstand geführt, als zu erwarten war, argumentiert Galbraith. Er prägt den Begriff der Countervailing Power, ausgleichende wirtschafts- oder sozialpolitische Kräfte, die Fehlentwicklungen verhindern. Ordoliberale entwickelten auf diesem Ansatz bauend recht­liche Rahmenbedingungen wie Wett­bewerbsgesetze, Kartellverbote etc. Galbraith denkt politischer. Er argumentiert für starke Interessengruppen der Landwirte oder Konsumenten und für die Einführung staat­licher Preiskontrollen.

Galbraiths Kapitalismuskritik war stets pragmatisch, nie dogmatisch. Es ging ihm um die Suche nach Lösungen gegen Fehlentwicklungen, nicht um den Umsturz des Marktwirtschaftssystems und die Einführung einer utopischen Alternative. Er schreibt: «Die Argumente für den modernen Kapitalismus basieren nicht, wie viele gerne glauben würden, auf der erstaun­lichen Perfektion seiner Konstruktion. Auch basieren sie nicht auf einer gottgegebenen Ordnung. Und er überlebt ebenso wenig deshalb, weil diejenigen, die das System umzustürzen versuchten, in die Flucht geschlagen und blossgestellt wurden. Sondern er überlebt weil es nichts anderes administrativ Brauchbares gibt, das seinen Platz einnehmen könnte.»

Der grosse Crash

Das Thema Fehlentwicklung rückte er zwei Jahre später in seinem Buch «The Great Crash, 1929» in den Mittelpunkt. Kein Lehrbuch, sondern ein leicht lesbarer Tatsachenbericht, den Galbraith während der sommerlichen Semesterferien in der Universitätsbibliothek anhand von Presseartikeln und Untersuchungsprotokollen verfasste. Es wurde sein finanziell erfolgreichstes Werk, ein millionenfach verkaufter Bestseller über das Spekulationsfieber, regulatorisches Versagen und über Herdenverhalten, das die Kritikfähigkeit nicht nur unter Investoren sondern auch der Ökonomen aushebelt. Diese sollten analytisch beraten und rechtzeitig warnen, redeten letztlich aber in grosser Mehrheit ebenfalls dem Überschwang das Wort. Und als die Bullenhausse jedes vertretbare Mass überschritten hatte, forderten sie noch zum mutigen Mitmachen auf mit dem denkwürdigen Argument: Bären besitzen keine Häuser an der Fifth Avenue!

Galbraiths Mitte der Fünfzigerjahre ­erschienenes Buch und Hyman Minskys ab Ende der Fünfzigerjahre veröffent­lichten Forschungsarbeiten belegten früh, dass der Glaube an die Marktdisziplin in der Praxis illusionär ist. Dass diese ­Erkenntnis erst über ein halbes Jahr­hundert und mehrere Finanzcrashs später vom ökonomischen Mainstream akzeptiert wurde, zeigt, wie schwierig es ist, ­etablierte Konzepte in der Volkswirtschaft zu hinterfragen und umzuwerfen.

Gesellschaft im Überfluss

Sicher war sich Galbraith bewusst, dass er indirekt am wichtigsten Theorem der ökonomischen Lehre rüttelte, dem Gesetz der Knappheit, als 1958 sein nächstes Werk ­erschien: «The Affluent Society» – die Überflussgesellschaft. Heute ist er ein ­allgemein akzeptierter Begriff, im Wirtschaftsboom der Fünfzigerjahre stellte er ein Novum dar. Die USA befanden sich mitten im Wandel zur ersten erfolgreich funktionierenden, technologiebasierten Konsumgesellschaft der modernen Wirtschaftsgeschichte. Galbraith hielt dem her­anreifenden neuen Gesellschaftskonzept den Spiegel vor. Er dachte über die Grenzen des Wachstums nach, wie es sich zehn Jahre später die Zukunftsforscher des Club of Rome zur Aufgabe machten. Genau genommen untersuchte Galbraith, wie Wirtschaftswachstum in der Überflussgesellschaft entsteht.

Der Produktionsprozess umfasst die Mittel, mit denen Bedürfnisse geschaffen werden, lautet seine zentrale These. Sie werden unterstützt durch Mode, soziale Ambitionen oder einfach nur durch das Bedürfnis, andere zu imitieren. Zentrale Quellen, um die Konsumnachfrage zu schaffen, sind Werbung und Verkauf. Heute würde man vom Marketing sprechen. Galbraith schreibt: «Zuerst wird das Gut hergestellt, dann der Markt dafür geschaffen.» Und: «Die Dringlichkeit des Bedarfs kann nicht mehr länger als Ursache herangezogen werden für die Dringlichkeit der Produktion. Produktion füllt nur die Leere, die sie selbst geschaffen hat.»

Er richtet sich damit gegen die neoklassische Lehre. Gegen die gängige Meinung (Conventional Wisdom), die den Erfolg einer Volkswirtschaft einzig daran abliest, wie viel sie produziert. Gegen die statis­tische Grösse des Bruttoinlandprodukts, die keine Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Produktion vorsieht und «ein höheres Angebot von Erziehungsdienstleistungen gleich bewertet wie ein erhöhter Ausstoss von Fernseh­geräten.» Und vor allem gegen die Annahmen des unabhängigen Konsumenten. Galbraith warf der Industrie vor, die Verbraucher via Marketing zum Kauf unnötiger Produkte zu verführen, wofür sich die Konsumenten häufig verschuldeten. Statt von Konsumhoheit spricht Galbraith vom Abhängigkeitseffekt.

Viele Kollegen widersprachen. Friedrich von Hayek hält in einem Essay aus dem Jahre 1961 die Kernaussage von «The Affluent Society» für falsch, aber interessanterweise nur deshalb, weil die Manipulation der Konsumenten durch die Industrie, die Galbraith beschreibt, nicht nachzuweisen sei. Aus heutiger Sicht dürfte das Urteil gnädiger ausfallen, mit Blick auf die dominierende Rolle der Konsumausgaben für das Wirtschaftswachstum und auf etablierte, aber fragwürdige Konsumbräuche. Man denke an die Praxis, Autos nur kurze Zeit zu halten, dafür aber zu leasen, oder Handys noch häufiger auszutauschen, weil sich ihr Design ändert. Galbraith hat die Grundzüge der Konsumgesellschaft treffend erkannt.

In seinem letzten grossen Werk, «The Industrial State», dessen Rohversion bereits 1961 vorlag, jedoch erst 1967 verlegt wurde und dann ein Jahr auf der Bestsellerliste der «New York Times» stand, stellt Galbraith Grosskonzerne in den Mittelpunkt. Wieder geht es um die Rolle des Wettbewerbs. Diesmal um die Organisation von Industrie-Champions wie Ford (F 10.01 1.62%) oder IBM (IBM 106.65 -3.54%), die ihre Branchen kontrollieren. Eine der Hauptaussagen betrifft die «Technostruktur». Diese kontrolliere die Industriekonzerne – und nicht der Einfluss der Eigentümer. Galbraith entlarvt Konzerne als gewaltige bürokratische Apparate und leitet daraus ab, dass diese Megaunternehmen vor allem danach streben, ihre Organisation zu bewahren. Gewinnmaximierung steht nicht an erster Stelle, weil sie mit Risiko verbunden ist, die die Technostruktur scheut.

Manche Schlussfolgerung wirkt heute antiquiert und nicht vollständig durchargumentiert. An Aktualität verloren hat Galbraiths Arbeit indes nicht. Mehr als vier Jahrzehnte später werden Gesetze zur Eindämmung des Too-big-to-fail-Risikos erlassen und fordern Wirtschaftsexperten, die Grössten der Grossen zu verstaat­lichen: Nur gilt die Sorge nicht den Industriekonglomeraten und Rüstungskonzernen wie zu Galbraiths Zeiten, sondern den Grossbanken.

Kämpfer für die Demokraten

John Kenneth Galbraith war ein langes, erfülltes Leben beschert. Er starb 2006 im ­Alter von 97 Jahren an der Seite seiner Frau in ihrem gemeinsamen Haus auf dem Campus der Harvard-Universität, das sie 1950 erworben hatten. Bis zum Schluss war er geistig rege und kritisch gegenüber der Politik des damaligen Präsidenten George W. Bush. Galbraith war jahrzehntelang für die Demokratische Partei aktiv und Mitglied ihres Vorstands.

Im Zweiten Weltkrieg ist er in der Administration Roosevelt tätig, u. a. zuständig für die Einführung von Preiskontrollen, was ihn dem organisierten Widerstand der betroffenen Industriebranchen aussetzt. Galbraith favorisiert auch später immer wieder staatliche Preisgrenzen als Instrument gegen Inflation, steht damit aber auf verlorenem Posten. Als ausgerechnet Präsident Nixon 1971 nach dem Zusammenbruch des Goldstandards Preise und Löhne einfriert, kommentiert Galbraith: Er fühle sich wie eine Strassendirne, der mitgeteilt wurde, dass ihr Gewerbe plötzlich nicht nur legal sei, sondern auch die höchste Form von gemeinnütziger Arbeit.

Während der Präsidentschaft John F. Kennedys, den er bereits 1937 als Ökonomielehrer unterrichtete und später beriet, wird er US-Botschafter in Indien. 1963 kehrt er nach Harvard zurück und beginnt dort seine bekannteste Vorlesungsreihe «Sozialwissenschaften», die in den folgenden zehn Jahren sein Markenzeichen wird. Sein aktiver Protest gegen den Vietnamkrieg führt 1965 zum Bruch mit Präsident Johnson und prägt seine politische Arbeit für die Demokratische Partei.

Galbraiths Passion galt – neben dem Disput, vorzugsweise mit seinem Freund, dem konservativen Journalisten William Buckley – dem Schreiben. Neben unzähligen Essays veröffentlichte er auch Romane. Viele seiner Schriften entstanden in einer Ferienwohnung in Gstaad, wo er seit Mitte er Fünfzigerjahre bis ins hohe Alter regelmässig weilte.

Vier Jahre nach seiner umkämpften Wahl zum Präsidenten der AEA erreichte Galbraith das Pensionsalter und wurde emeritiert. Auf eine Rente hatte er bereits zuvor verzichtet, als finanzielle Geste gegenüber der Universität. Fragt man ­seinen Sohn, selbst Wirtschaftsprofessor, nach der wichtigsten Hinterlassenschaft seines Vaters, antwortet er mit Blick auf dessen kritischen Geist: «Er vermittelte mir die Gewissheit, dass man nicht auf die Krücke der konventionellen Zustimmung angewiesen ist.»

Leser-Kommentare

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Michael Stöcker 14.10.2013 - 16:13

John Kenneth Galbraith hätte ein noch größerer werden können. Er hat so viel Richtiges und Wahres geschrieben, aber den systemimmanenten Destruktionsmechanismus des Kreditgeldkapitalismus hatte auch er nicht erkannt: zinsfehler.wordpress.com