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Amerikas Neville Chamberlain

Trumps Protektionismus ist eine Reaktion auf den Aufstieg Chinas. Doch durch das Anzetteln eines Zollkriegs, der auch die EU und Kanada betrifft, erhöht Trump Chinas Attraktivität. Ein Kommentar von Harold James.

Harold James
«Die Lehren aus der Grossen Depression liegen klar auf der Hand: Handelskriege, die eigentlich die nationale Sicherheit stärken sollen, untergraben diese in Wahrheit.»

Werden Länder hinsichtlich ihrer Sicherheit nervös, pochen sie oftmals darauf, dass sie ihre Abhängigkeit von ausländischen Produkten verringern, Lieferketten verkürzen und mehr im Inland produzieren müssen. Aber erhöht Protektionismus tatsächlich die Sicherheit? Nun, da die Welt am Rande eines ausgewachsenen Handelskrieges steht, sollten wir einige der Argumente für den Protektionismus überprüfen und anschliessend den umfassendsten Handelskrieg des 20. Jahrhunderts erneut unter die Lupe nehmen.

In den Debatten rund um den Handel herrscht tendenziell viel Doppelbödigkeit. Importzölle und ähnliche Massnahmen werden oft als zweckdienliche aussenpolitische Instrumente im Dienste des Gemeinwohls präsentiert. Wirft man allerdings einen Blick hinter die Rhetorik, wird klar, dass derartige Massnahmen in Wirklichkeit nur bestimmte Wählergruppen bedienen und auf eine ungerechte Form der Besteuerung hinauslaufen.

US-Präsident Donald Trump würde argumentieren, ein Handelskrieg sei Mittel zum Zweck. In seinen Augen sind Zölle eine vernünftige Antwort auf unfaire Währungspraktiken und Bedrohungen der nationalen Sicherheit. Aber natürlich besteht auch ein innenpolitisches Kalkül: Nämlich, dass Zölle bestimmten Herstellern und Wählern helfen, weil sie die Produkte der Konkurrenz verteuern. Das Problem besteht darin, dass Zölle die inländischen Verbraucher unweigerlich zwingen, die Zeche für diese Subvention in Form höherer Preise zu bezahlen.

Chamberlains Politik schadete Grossbritannien…

Trumps Behauptung, «Handelskriege sind gut und leicht zu gewinnen», ist nicht neu. Das bedeutet, dass wir seine Behauptung anhand eines historischen Beispiels überprüfen können. Als Neville Chamberlain 1932 das Amt des britischen Schatzkanzlers bekleidete, vollzog er eine Umkehr der jahrhundertealten Rolle seines Landes als Vorreiter des Freihandels. Aus Sorge über das zu diesem Zeitpunkt seit langem bestehende britische Handelsdefizit kündigte er ein neues «Schutzsystem» an, von dem er hoffte, es «in Verhandlungen mit fremden Ländern» nutzen zu können, «die unseren Vorschlägen bis dato keine grosse Aufmerksamkeit geschenkt haben.»

Chamberlain kam zum Schluss, dass es nur «klug ist, uns mit einem Instrument auszustatten, das zumindest so wirksam ist wie diejenigen, derer man sich bedient, um uns auf ausländischen Märkten zu diskriminieren.» Wie sich herausstellte, ebnete er damit den Weg in Richtung Zweiter Weltkrieg. Seine Handelspolitik schwächte Grossbritannien und stärkte Deutschland. Binnen nur sechs Jahren gipfelte Chamberlains Appeasement-Politik gegenüber dem Naziregime im Münchner Abkommen von 1938, das Hitler sechs Monate später mit der Zerstörung der restlichen Tschechoslowakei brach und das Gebiet unter Kontrolle des Dritten Reiches brachte.

Die Zwischenkriegszeit war von der Angst vor einem Wiederaufleben des deutschen Nationalismus beherrscht. Die Eindämmung Deutschlands erforderte in den Augen der Westmächte entweder ein Bündnissystem oder einen ehrgeizigeren kollektiven Sicherheitspakt. Frankreich bevorzugte erstere Lösung und befürwortete eine Vereinbarung, im Rahmen derer sein Bündnis mit Polen plus der «kleinen Entente» (Tschechoslowakei, Rumänien, Jugoslawien) sowohl dem ungarischen als auch dem deutschen Expansionismus Einhalt gebieten würde. Grossbritannien favorisierte die zweite Option und betrachtete den Völkerbund als das wirksamste Instrument zur Verteidigung der territorialen Integrität.

…und nützte Deutschland

Beide Ansätze brachen in der Grossen Depression zusammen, hauptsächlich aufgrund der protektionistischen Politik Frankreichs und Grossbritanniens. Beide Länder schwenkten abrupt auf eine Politik hoher Zölle und Importquoten um, aufgrund derer Produkte aus ihren jeweiligen Überseeimperien bevorzugt wurden. Das Ergebnis dieser Politik bestand darin, dass die industriellen Hersteller aus der Tschechoslowakei sowie die Agrarexporteure Rumäniens und Jugoslawiens nicht mehr nach Westeuropa verkaufen konnten. Vielmehr gerieten sie – wirtschaftlich ebenso wie politisch – zunehmend in eine Abhängigkeit von Nazideutschland. In ähnlicher Weise schloss Polen nach einem Zollkrieg gegen Deutschland in den Zwanziger- und Dreissigerjahren im Jahr 1934 einen Nichtangriffspakt mit dem Naziregime.

Aufgrund all dieser Entwicklungen versuchten der Völkerbund und andere multilaterale Gremien Konferenzen und Gipfeltreffen zu organisieren, um das Abgleiten in Richtung Protektionismus zu stoppen. Doch bei keiner dieser Veranstaltungen kam man über das reine Diskussionsstadium hinaus.

Während der Grossen Depression gaben primär Vorwürfe der Währungsmanipulation Anstoss zu protektionistischen Massnahmen. Heute vernimmt man die gleiche Art Rhetorik von Trump, wenn er das Fed wegen der Straffung der Geldpolitik kritisiert und wenn er – fälschlicherweise – behauptet, China würde den Renminbi künstlich abwerten.

Appeasement gegenüber Moskau

Die Lehren aus der Grossen Depression liegen klar auf der Hand: Handelskriege, die eigentlich die nationale Sicherheit stärken sollen, untergraben diese in Wahrheit. Das gilt besonders im Falle von Verteidigungsbündnissen, weil Handelshemmnisse Verbündete zwingen, engere Verbindungen mit genau der revisionistischen Macht zu knüpfen, die eigentlich eingedämmt werden soll.

Genau dieses Szenario präsentiert sich uns heute. Trumps protektionistische Rhetorik ist eine Reaktion auf den dramatischen Aufstieg Chinas. Aber durch das Anzetteln eines Zollkriegs, der auch die Europäische Union und Kanada betrifft, lässt Trump China als attraktiveren Partner erscheinen als die USA selbst. Freilich haben Trump und der Präsident der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, mittlerweile eine vorläufige Vereinbarung zur Deeskalation des Zollstreits zwischen den USA und der EU erreicht.  Doch Trump hat die transatlantische Allianz bereits in Aufruhr versetzt. Wie Deutschlands Nachbarn in den Dreissigerjahren könnten die EU und Kanada denken, keine andere Wahl zu haben, als sich nach einem offeneren – oder zumindest stabileren – Partner umzusehen.

Trumps EU-Tour im Juli hat viel dazu beigetragen, Bündnisse zu zerstören, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs für die Aufrechterhaltung der globalen Stabilität sorgten. Seiner selbsterniedrigenden Pressekonferenz mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin haftete mehr als nur ein Hauch von Appeasement im Stile Chamberlains an. Wenn Trump wirklich vorhat, China für die Welt attraktiver zu machen, muss er nicht mehr tun, als seinen Krieg gegen den Freihandel und die aus den Ruinen von 1945 entstandenen multilateralen Institutionen fortsetzen.

Copyright: Project Syndicate.