Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Spekulationsblasen
Märkte / Makro

Amerikas Baseballkarten-Manie

Die Spekulation auf eine phänomenale Wertsteigerung macht das Sammeln von Spielerkarten Ende der Achtzigerjahre zum Milliardengeschäft.

Es ist eine Affiche, von der Sportfans noch Jahrzehnte später sprechen. In der siebten und entscheidenden Partie kämpfen am 27. Oktober 1986 die New York Metropolitans gegen die Red Sox aus Boston um den Meisterschaftstitel. Die Stimmung im Shea Stadium in Queens ist elektrisch.

In der vorangegangenen Partie ist ein tollkühner Anhänger sogar verhaftet worden, weil er mit dem Fallschirm mitten auf dem Spielfeld landete. Millionen Amerikaner verfolgen an diesem Abend am Fernseher mit, wie das Heimteam in der Verlängerung die World Series gewinnt. Kein anderes Ligaspiel wird je ein höheres TV-Rating erzielen.

Die Euphorie um Baseball sorgt nicht nur für Quotenrekorde. Überall in den USA breitet sich ein Sammelfieber mit Spielerkarten aus. Das Virus befällt nicht nur Schulkinder, sondern springt epidemieartig auch auf Erwachsene über. Aus einem simplen Hobby entwickelt sich ein Milliardengeschäft, das getrieben von Gier und Herdenverhalten, mit dem Platzen  einer grossen Spekulationsblase endet.

1. Genialer Marketing-Coup

Bereits der Auftakt beginnt mit einem Laster. Im späten 19. Jahrhundert fügen Tabakkonzerne ihren Zigarettenschachteln die ersten Sammelkarten bei, um ihr Geschäft zu beleben. Kinder drängen Erwachsene fortan, Packungen einer bestimmten Marke zu kaufen, wobei Abbildungen mondäner Damen und populärer Sportler besonders gefragt sind. Als der Kaugummihersteller Fleer Anfang der Dreissigerjahre den Bubblegum erfindet, kopiert er den genialen Vermarktungstrick. Baseballlegenden wie Babe Ruth und Lou «Buster» Gehrig locken zu dieser Zeit massenweise Zuschauer in die Stadien, und die Karten verhelfen dem Konzern aus Philadelphia trotz der Grossen Depression zu einem Umsatzrenner.

Bald macht es die gesamte Kaugummiindustrie Fleer nach. Von New York über Chicago bis nach San Francisco wird auf den Schulhöfen munter mit Baseballkarten getauscht. Durch einen cleveren Schachzug sichert sich der Süsswarenkonzern Topps in den Fünfzigerjahren die Exklusivrechte für Abbildungen von Profispielern und drängt so einen Konkurrenten nach dem anderen ins Abseits. Erst dreissig Jahre später wird das Monopol gebrochen. Fleer meldet sich zurück, und mit Donruss steigt ein dritter grosser Hersteller ins Kartengeschäft ein. Der Markt beginnt kräftig zu wachsen. Die Basis für den Boom ist gelegt.

2. Wallstreet wittert Profit

Ausser jungen Burschen geht zunächst kaum jemand ernsthaft dem Hobby nach. Nur ein paar wenige passionierte Sammler reisen kreuz und quer durchs Land und treffen sich in schäbigen Hotelzimmern, um mit Karten zu handeln. Langsam kommt die Öffentlichkeit aber auf den Geschmack. Ein Schlüsselmoment ist eine Episode der TV-Krimiserie «Hart to Hart» vom Frühjahr 1982. Das Ehepaar Hart ermittelt darin nach einer gestohlenen Kollektion seltener Baseballkarten, die eine Viertel Million Dollar wert sind. Die Auflage des «Sport Americana Baseball Card Price Guide» steigt derweil kontinuierlich an. Herausgegeben vom Statistikprofessor James Beckett, publiziert das Fachmagazin umfassende Preislisten und führt ein Qualitätsrating ein.

«Sammler alter Schule, die aus Liebhaberei Baseballkarten anhäuften, stellen auf einmal erstaunt fest, dass die Preise die Kosten eines gewöhnlichen Hobbys übersteigen», erzählt Dave Jamieson im Buch «Mint Condition». In vielen Grossstädten machen Kartenshops auf und der Andrang an Tauschmessen nimmt Jahr für Jahr zu. Das weckt das Interesse von Wallstreet. 1984 kauft das Private-Equity-Haus Forstmann Little & Co. den Hersteller Topps und bringt ihn drei Jahre später an die Börse. Donruss wird vom finnischen Industriekonglomerat Huhtamäki übernommen und mit Upper Deck tritt 1988 ein neuer Anbieter auf den Markt, der sich ausschliesslich auf die Produktion von Baseballkarten in Topqualität konzentriert. Kaugummis sind jetzt höchstens noch ein Nebenprodukt.

3. Aus Karton Cash machen

Obschon die Druckmaschinen der Hersteller immer schneller laufen, scheint das Angebot mit der Nachfrage kaum Schritt zu halten. 1989 übersteigen die Verkäufe  von Topps, Fleer, Donruss und Upper Deck erstmals eine Milliarde Dollar. Über zehntausend Läden handeln inzwischen Baseballkarten, wobei zunehmend auch Porträts von Football-, Basketball- und Hockeyspielern gesammelt werden. Besonders stolze Preise erzielen Exemplare mit Druckfehlern oder anderen Abnormitäten. Die Nachrichten berichten von bewaffneten Überfällen auf Kartenläden. Grosse Schlagzeilen macht der peinliche Fall von Bob Engel. Der Baseball-Schiedsrichter, der selbst auf diversen Karten abgebildet ist, wird im April 1990 in Kalifornien verhaftet, als er in einer Target-Filiale mehrere Tausend Stück stehlen will.

Jeder spekuliert nun auf das grosse Geld. «Wie man aus Karton Cash macht», titelt etwa die «Washington Post» im Sommer 1990. Baseballkarten werden als Alternative zu Aktien und als Inflationsschutz empfohlen. Das Magazin «Ball Street Journal» verspricht Lesern den Zugang zu seinem Netzwerk von Talentspähern und Trainern, damit sie heute die Anfängerkarte grosser Champions von morgen kaufen können. Investmentfirmen wie Score Board beraten Kunden beim Kauf exklusiver Einzelstücke mit «garantiertem» Wertsteigerungspotenzial. Daran glaubt auch Wayne Gretzky. Der Eishockeystar kauft an einer Versteigerung eine Karte des Baseballspielers Honus Wagner aus dem Jahr 1909 für 451 000 $.

4. Der dümmste Deal

Warum die Blase schliesslich platzt, lässt sich wie oft nicht genau sagen. Als die Manie 1991 den Zenit erreicht, treffen sich über hunderttausend Sammler an der National Sports Collectors Convention in Anaheim. Die vier grossen Hersteller nehmen in diesem Jahr zusammen eine Rekordsumme von 1,4 Mrd. $ ein. Im Sekundärmarkt dürfte mindestens nochmals so viel Geld im Umlauf sein. Das Produktionsvolumen ist geheim. Das Branchenfachblatt «American Printer» schätzt, dass es jährlich 81 Mrd. Karten oder weit über dreihundert pro Einwohner sind. Das hält das Comicbuch-Imperium Marvel aber nicht vor einer fatalen Grossakquisition ab. Auf dem Höhepunkt des Booms kauft es Fleer für fast 350 Mio. $.

Schon kurz darauf wird klar, dass sich etwas verändert hat. Bei den jüngeren Generationen ist das Sammeln plötzlich nicht mehr «cool». Erwachsene kratzen sich am Kopf, wenn sie im Keller über ihre eigenen Kisten voller Baseballkarten stolpern. Hinzu kommt eine Insideraffäre bei Upper Deck. Wie Pete Williams im Buch «Card Sharks» berichtet, haben Angestellte des Premiumanbieters heimlich zusätzliche Stücke besonders gefragter Exemplaren gedruckt und sie auf dem Schwarzmarkt verkauft. Offenbar ist auch die Geschäftsleitung involviert.

5. Feuriger Zorn

Im Sommer 1994 kommt es zum Eklat. Die Spieler treten mitten in der Saison in den Streik, und die Liga nimmt den Betrieb erst im nächsten Jahr wieder auf. Selbst für die treusten Fans ist das zu viel. Der Radiomoderator Joe Chevalier kanalisiert den Zorn. Er fordert Sammler im ganzen Land auf, ihm aus Protest ihre Karten zu schicken, worauf er sie verbrennen will. Die Post schwemmt jedoch so viel Material an, dass die Feuerwehr das Spektakel untersagt und stattdessen ein Holzhäcksler zum Einsatz kommt.

Die Branche erholt sich nie mehr. Der Aktienkurs von Topps bricht über 90% ein und Marvel meldet 1996 Konkurs an. Topps wird später von einem Konsortium um Ex-Disneychef Michael Eisner übernommen und hält seit 2010 wieder die Exklusivrechte der Liga. Donruss lebt als Teil der Panini-Gruppe weiter. Hockeyprofi Gretzky kommt glimpflich davon. Er kann sein Honus-Wagner-Exemplar 1995 für 500 000 $ verkaufen. Nach mehrfachem Besitzerwechsel geht es 2007 für 2,8 Mio. $ an den Finanzinvestor Ken Kendrick, dem der Baseballclub Arizona Diamondbacks gehört. Es ist bis heute die wertvollste Baseballkarte der Welt.