Meinungen English Version English Version »

Amerikas ungewöhnlicher und langer Aufschwung

Die Expansion zu verlängern, wird viel Sorgfalt erfordern. Die Behörden müssen das Risiko von Marktunfällen minimieren und zugleich das Wachstum fördern. Ein Kommentar von Mohamed A. El-Erian.

Mohamed A. El-Erian, London
«Es ist kein Wunder, dass das Vertrauen in Institutionen und Expertenmeinungen nach wie vor so gering ist.»

Im Laufe der kommenden Monate stehen Daten zur Veröffentlichung an, die zeigen werden, dass die derzeitige wirtschaftliche Expansion in den USA die längste seit Beginn der Aufzeichnungen ist. Doch obwohl die Wirtschaftsentwicklung in den USA die anderer hoch entwickelter Volkswirtschaften nach wie vor übertrifft, hat dieser Erfolg das anhaltende Gefühl wirtschaftlicher Unsicherheit und Frustration bisher nicht vertrieben, das viele Amerikaner empfinden. Auch die Sorgen über politischen Spielraum zur Reaktion auf die nächste Rezession oder finanzielle Erschütterung mildert es nicht.

Die aktuelle Expansion begann Mitte 2009 nach der Finanzkrise von 2008 und der grossen Rezession. Beflügelt zunächst durch aussergewöhnliche fiskalpolitische Interventionen und eine zuvor undenkbare Geldpolitik, schuf die Konjunktur eine ausreichend starke Grundlage für die Rückkehr des Verbrauchervertrauens und die Erholung der Unternehmensbilanzen. Im Verbund mit sich beschleunigenden Fortschritten bei neuen Technologien ging die weitere Expansion dann vorwiegend von Technologie- und Plattformunternehmen aus, die eine neue «Gig Economy» anführten. Zusätzlichen Schub erhielt sie durch wachstumsfreundliche Massnahmen, zu denen Deregulierungen und Steuersenkungen gehörten.

Angesichts der Arbeitslosenquote von 3,6% ist bei den (inflationsbereinigten) Reallöhnen nun ein Wachstum von 1,6% zu verzeichnen. Gemäss den jüngsten Quartalsdaten, die ein annualisiertes BIP-Wachstum von 3,1% zeigen, übertrifft die amerikanische Wirtschaftsaktivität diejenige in Europa und Japan erheblich. Bedingt durch diese Stärke verfolgt Amerika seine nationalen Ziele im Ausland zunehmend selbstbewusst, umgeht dabei auch langjährige Mechanismen der Zusammenarbeit und der Konfliktlösung und droht mit Einfuhrzöllen und anderen protektionistischen Massnahmen.

Breite Schichten bleiben aussen vor

Um an diesen Punkt zu gelangen, mussten die USA beträchtlichen Widerstand aus dem Ausland überwinden, darunter die existenzbedrohende Schuldenkrise in Europa und das sich verlangsamende Wirtschaftswachstum in China. Im Inland hat die tiefe politische Polarisierung besonders seit 2011 die gesetzgeberischen Aktivitäten im Kongress behindert und mehrmals den Regierungsstillstand herbeigeführt (darunter den längsten seit Beginn der Aufzeichnungen) oder angedroht. Mangels neuer wachstumsfreundlicher Massnahmen des Kongresses entwickelte sich die Geldpolitik zum «Only Game in Town». Nachdem es während der Krisenjahre gezwungen gewesen war, seine Rolle in der Volkswirtschaft beträchtlich auszuweiten, liebäugelte das Fed mit einigen beträchtlichen politischen Fehlern und wurde anfälliger für eine Einmischung durch die Politik.

Weil das jährliche Wachstum während des vergangenen Jahrzehnts häufig verhalten war und breite Schichten nicht daran teilhatten – ein Zustand, der inzwischen als «neue Normalität» oder säkulare Stagnation bezeichnet wird –, besteht noch immer ein gewisser Eindruck von unzureichender Wirtschaftsleistung und potenzieller Anfälligkeit. Gemäss einer viel zitierten Umfrage des Fed gibt fast die Hälfte der US-Haushalte an, nicht über ausreichende Ersparnisse zu verfügen, um im Notfall eine Ausgabe von 400 $ zu bewältigen.

Es ist daher kein Wunder, dass das Vertrauen in Institutionen und Expertenmeinungen nach wie vor so gering ist. Zudem bleiben wegen der übermässigen Ungleichheit (gemessen an Einkommen, Vermögen und wirtschaftlichen Chancen) Frustration und politische Verärgerung gross. Verschlimmert wird die Lage noch durch Panikmache über die Auswirkungen der technologischen Entwicklung und der Globalisierung, die die Bedenken betreffend die Verlagerung und den Abbau von Arbeitsplätzen weiter nährt. Ausserhalb der USA haben inzwischen viele Menschen Angst, dass die für die Ausgabe der globalen Reservewährung verantwortliche Supermacht kein zuverlässiger und verlässlicher Anker für den Welthandel und das globale Finanzsystem mehr ist.

Das Dach nicht repariert, als die Sonne schien

Zudem haben die USA, anders als in früheren Wachstumsphasen, bisher keine ausreichenden Puffer aufgebaut, um künftige wirtschaftliche und finanzielle Herausforderungen zu bewältigen. Oder wie IWF-Chefin Christine Lagarde mit den Worten von Präsident John F. Kennedy sagte: Wir haben das Dach nicht repariert, als die Sonne schien.

Über den Mangel an Eigenabsicherung auf der Ebene der privaten Haushalte hinaus ist die Fähigkeit des Fed, Rezessionen und Finanzstörungen entgegenzuwirken, relativ begrenzt. Während der aktuelle Leitzins bei 2,25 bis 2,5% liegt, waren bei früheren Abschwüngen normalerweise Zinssenkungen von fünf Prozentpunkten oder mehr erforderlich. Zudem weist das Fed eine aufgeblähte Bilanz auf, und der Mechanismus zur Übertragung geldpolitischer Massnahmen auf die Realwirtschaft ist vergleichsweise schwach. Selbst wenn die fiskalpolitischen Entscheidungsträger reaktionsfreudiger werden sollten, wären recht hohe Defizite und Schulden ihr Ausgangspunkt.

Die gegenwärtige Expansion weiter zu verlängern, wird viel Sorgfalt erfordern. Die Behörden – besonders der Kongress – müssen grössere Fehler vermeiden und das Risiko von Marktunfällen minimieren, gleichzeitig jedoch mehr tun, um das Wachstum zu fördern. Die USA brauchen einen zielführenden Ansatz zur Modernisierung und Nachrüstung ihrer Infrastruktur.

Gefahr stärkerer Regulierung

Die Politiker und führende Ökonomen müssen zudem vermehrt darauf achten, wie die Früchte des Wirtschaftswachstums geteilt werden; unter anderem sollte es bessere Schutzmechanismen für die gefährdetsten Segmente der Gesellschaft und stärkere automatische Stabilisatoren geben. Die Unternehmen ihrerseits müssen mehr tun, um ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden, und sei es nur, um zu vermeiden, dass sie sich in der gleichen Position wiederfinden wie die Banken nach dem Crash von 2008. Es gibt bereits einen wachsenden Chor, der nach stärkeren regulatorischen Beschränkungen für die grossen Technologieunternehmen ruft.

Zudem müssen die USA, nachdem sie den Welthandel durcheinandergerüttelt haben, nun sicherstellen, dass sie der Anker des regelbasierten internationalen Systems bleiben. Wenn nicht, wird ihre Fähigkeit abnehmen, das Wirtschafts- und Finanzgeschehen auf der Welt zu beeinflussen und zu gestalten.

Die USA werden – und sollten – bald ihre bisher längste Wirtschaftsexpansion überhaupt feiern. Aber sie dürfen die sich ihnen stellenden verbleibenden Herausforderungen nicht aus den Augen verlieren. Das Letzte, was die Welt derzeit braucht, ist, dass der gegenwärtig Aufschwung einer Phase anhaltend niedrigeren Wachstums, grösserer Finanzinstabilität und stärkerer grenzüberschreitender Spannungen weicht.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare