Märkte / Makro

An der Börse bleibt der Ausblick düster

Aufgrund des Krieges, der Inflation und der Angst vor einer Rezession sind die meisten Marktexperten eher pessimistisch unterwegs.

(AWP) Rezessionsgespenster, Inflationsängste und Kriegsgetrommel – die Marktdämonen des ersten Börsenhalbjahres 2022 werden auch in den kommenden sechs Monaten ihr Unwesen treiben. Kaum ein Marktexperte versprüht Optimismus.

Vielmehr versuchen viele Anlagestrategen die Investoren darauf vorzubereiten, dass es erst einmal noch schlimmer werden dürfte. Der Talboden wäre damit trotz massiver Verluste im ersten Halbjahr noch nicht erreicht.

Zur Erinnerung: Der Schweizer Leitindex SMI (SMI 11'203.14 +0.72%) steuert kurz vor Ablauf des Semesters auf einen Halbjahresverlust von rund 17% zu. Beim deutschen DAX (DAX 13'704.24 +0.96%) (rund -20%), dem New Yorker Dow Jones Industrial (rund -15%) und vor allem der New Yorker Technologiebörse Nasdaq (rund -29%) sieht es ähnlich katastrophal aus.

Epochales Phänomen

Als entscheidend für den weiteren Kursverlauf gilt die Entwicklung der Inflation. «Die Inflation ist gekommen, um zu bleiben», lautet die Einschätzung von Thomas Stucki, Anlageexperte der St. Galler Kantonalbank (SGKN 462.50 -0.11%). Damit fasst er die Meinung der meisten Marktbeobachter zusammen.

Zwar dürfte der Inflationsdruck irgendwann nachlassen, eine wirklich spürbare Abkühlung sei aber erst im kommenden Jahr zu erwarten, lautet der Tenor. Die Teuerung belaste somit Wirtschaft und Konsumenten gleichermassen noch für geraume Zeit – mit Folgen für die Aktienmärkte.

Wie der Axa-Experte Alessandro Tentori anmerkt, können viele der gängigen Anlagemodelle mit der aktuellen Phase der Inflation jedoch nicht umgehen. «Die Inflation, die wir derzeit sehen, ist nicht einseitig getrieben, vielmehr wird sie sowohl von der Angebots- als auch Nachfrageseite immer weiter befeuert, ein epochales Phänomen.»

Die Notenbanken weltweit versuchen nun, mit Zinserhöhungen dem Preisdruck entgegenzuwirken. Zentralbanken wie das Fed, die Notenbanken Australiens und Grossbritanniens haben denn auch bereits erhöht, und auch die SNB (SNBN 5'980.00 -1.64%) hat im Juni erstmals seit 15 Jahren die Zinsen angehoben. Und die Zinsen dürften auch weiterhin steigen, ist sich Chefökonom Thomas Gitzel von der VP Bank (VPBN 84.60 +0.00%) sicher.

Während dies als Mittel im Kampf gegen Inflation als der richtige Weg gilt, gibt es eine Kehrseite: Denn steigende Zinsen können gerade Unternehmen mit weniger starken Bilanzen vor schwerwiegende Probleme stellen, wenn nicht gar in den Ruin treiben, sagt Safra-Sarasin-Chefökonom Karsten Junius. Auch dies ist eine potenzielle Bedrohung für die Aktienmärkte.

Hohe Rezessionsgefahr

Zudem sind die Zinsen nur ein Teil des Puzzles. «Die hohen Inflationsraten kosten Kaufkraft, gleichzeitig fehlt es weiterhin an Materialien und auch an Personal», fasst Ökonom Gitzel die Gemengelage zusammen. «Es ist deshalb nicht die Frage, ob die Wirtschaft in eine Rezession fällt, sondern wie scharf sie ausfallen wird.»

Diese Rezessionsängste werden auch durch die anhaltenden Engpässe in den weltweiten Lieferketten geschürt. Was zu Coronazeiten wegen der Lockdowns begann, wurde durch den Ukraine-Krieg und Chinas neuerlichen Pandemie-Ausbruch verstärkt. Ein schnelles Ende ist nicht in Sicht, vor allem nicht in der Ukraine.

Ein Gift-Cocktail

All das gilt als Gift-Cocktail für die Aktienmärkte. Die ersten Folgen dieser toxischen Mischung sind auch schon zu sehen. Hierzulande haben Unternehmen wie Autoneum (AUTN 113.60 +1.97%), Coltene (CLTN 90.00 +0.45%) oder auch Interroll (INRN 2'625.00 +2.54%) mit Gewinnwarnungen einen Vorgeschmack auf das gegeben, was nach Ansicht vieler Experten den Märkten noch bevorsteht: umfangreiche Gewinnwarnungen und Prognoseanpassungen auf Seiten der Unternehmen.

«Die Unternehmensgewinne stehen vor einer kräftigen Abwärtsrevision, was die Aktienmärkte weiter belasten wird», erwartet Chefvolkswirt Daniel Hartmann von Bantleon. Entsprechend sollten Investoren auch nicht auf eine nachhaltige Wiederbelebung an den Aktienmärkten setzen.

Defensiv ist King

In diesem Negativ-Szenario dürfte sich die Schweiz allerdings vergleichsweise gut halten, meinen viele Analysten. So hat die SNB nach Ansicht vieler Beobachter noch rechtzeitig genug den ersten Zinsschritt gemacht. Dank des starken Franken ist die Inflation auch im Vergleich zur Eurozone oder den USA noch moderat. Und die SNB hat signalisiert, dass sie den Franken auch durchaus etwas aufwerten lassen wird, um so den Preisdruck von aussen zumindest etwas abzuschwächen.

Auch die eher defensive Ausrichtung des Schweizer Aktienmarktes könnte sich in den nächsten Monaten als Vorteil erweisen. Bei der UBS (UBSG 15.82 +1.67%) etwa rät Ökonom Alessandro Bee auf defensive Branchen wie das Gesundheitswesen zu setzen. Diese könnten sich relativ gesehen noch gut halten.

Insgesamt tun sich Anlageexperten aber schwer damit, aktuell Empfehlungen zu geben. Bei der SGKB etwa rät Experte Stucki trotz der jüngsten Kursverluste und gesunkenen Bewertungen zur Vorsicht vor grösseren Investitionen in Aktien. Empfohlen wird zudem vielerorts, Investitionen abzusichern.

Auch das zeigt: Die «Bullen» haben sich verzogen, das Börsenparkett dient derzeit den «Bären» als Tanzfläche.

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