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Andrew Done, CEO von Chatroulette

Zug ist für die Schweiz ein bisschen das, was das Silicon Valley für die USA ist. Eingebettet zwischen voralpiner Landschaft, die steile Nordflanke der Rigi vor Augen, arbeitet in der Kantonshauptstadt seit einigen Jahren eine wachsende Szene von Gründern am nächsten grossen Start-up. Umgeben von so viel Antrieb fühlt sich Andrew Done wohl. Der 37-Jährige steht seit Februar als CEO an der Spitze von Chatroulette, der Online-Plattform, über die vor zehn Jahren die halbe Welt sprach, die dann aber plötzlich in der Versenkung verschwand. Und für die der Australier eigens in die Schweiz gezogen ist. «Die Schweiz erinnert mich in vielerlei Hinsicht an meine Heimat», sagt er. «Beide sind auf ihre Art eine Insel – und die Natur ist grossartig.» Eigentlich möchte man etwas stärker spüren, wie er, der in Singapur aufgewachsen ist und seit jungen Jahren stets entweder in London oder Sydney gearbeitet hat, im kleinen Zug zurechtkommt. Doch Corona schränkt ein, man trifft sich zum virtuellen Austausch.

Chatroulette ist für Done das, was für andere komplexe Rätsel sind. Eine knifflige Aufgabe, die er lösen will. «Das hat mir schon immer Spass gemacht», sagt er. «Und diesmal ist die Herausforderung definitiv gross.» Spricht Done über sein Unternehmen, schlägt er eine respektvolle Note an. Die Onlineplattform mit dem eingängigen Namen ist ein Stück Internetgeschichte. 2009 vom damals 17-jährigen Russen Andrey Ternovskiy programmiert, erlangte Chatroulette in Kürze Weltruhm. Das simple Konzept: Chatroulette verbindet in Sekundenbruchteilen zufällig zwei Menschen aus x-beliebigen Orten für einen Videochat. Einen japanischen Bauarbeiter mit einer Gruppe Jugendlicher in Palästina beispielsweise. Die Nutzer sehen sich über ihre Webcam und können sich per Mikrofon oder Chatfenster unterhalten. Fünf Monate nach der Gründung nutzten im Frühling 2010 bereits 1,5 Mio. Menschen monatlich die Website. Zu dieser Zeit stand sie bereits in Verruf. Weil sich Nutzer nicht registrieren mussten und der Kontakt anonym war, wurde sie zum Jagdgrund von Exhibitionisten und Perversen. Die populärwissenschaftliche US-Zeitschrift «Psychology Today» ging darauf der Frage nach, ob Nutzen oder Gefahren der Plattform überwiegen. Sogar die mit mehreren Emmys ausgezeichnete US-Animationsserie «South Park» verballhornte Chatroulette ausgiebig.  

Done ist sich des schlechten Rufs bewusst. Bis heute ist die Plattform, die vor Kurzem mit ihrem Gründer nach Zug gezügelt ist, nicht über die archaische Grundidee hinausgekommen, die sie so berüchtigt gemacht hat. Ternovskiy hatte sein «Baby», wie er es nennt, zwar wachsen lassen, sich aber nicht um die Erziehung gekümmert. Der Mann, der nun hinter seinem Vollbart freundlich in die Webcam lächelt, ist derjenige, der das nachholen soll. Mit einem Team aus Entwicklern und Datenwissenschaftlern will Done die Marke neu aufbauen. Wo die Reise genau hingeht, steht noch nicht fest. Chatroulette soll ein soziales Netzwerk werden, hinter dem die Nutzer einen Mehrwert sehen. «Heute wird die Website von vielen als Gimmick genutzt», sagt Done. «Sie wollen sich amüsieren, indem sie verrückten Menschen zusehen, wie sie verrückte Dinge tun.»  

2020 wird zum Jahr der Experimente. Vielleicht brauche es eine höhere Eintrittsschwelle, indem sich die Nutzer registrieren müssen. Oder ­Themenkanäle, über die sie sich treffen können. Immer wieder taucht im Gespräch auch die Idee auf, die Nutzer stärker als Konsumenten und ­Produzenten von Inhalten zu betrachten. User, die andere User unterhalten, indem sie beispielsweise für andere Musik machen, oder Prominente, die Einblick in ihr Privatleben geben, könnten zur Wertschöpfung beitragen, indem Chatroulette Premium-Angebote verkauft. Bislang sind das alles Gedankenspiele. Priorität hat das Problem mit den gefährdenden Inhalten. Deshalb hat Done auch Mitarbeiter rekrutiert, die das Phänomen von psychologischer Seite untersuchen.

Done ist es sich gewohnt, Probleme akribisch anzugehen. Als Chatroulette 2009 an den Start ging, arbeitete er für Simple Machines in Sydney, einem von ihm gegründeten IT-Beratungsunternehmen. Schon mit neun Jahren brachte er sich das Programmieren bei, als 17-Jähriger entwickelte er in London bei Killik & Co. das landesweit erste Online-Tradingsystem für Privatkunden mit. Es folgten weitere Stationen in London und Sydney, bei denen Done an vorderster Front half, Start-ups gross zu machen. Vor seinem Wechsel zu Chatroulette zuletzt als CTO der Londoner Vermieterplattform Goodlord. «Durch meinen Hintergrund habe ich Chatroulette von Anfang an als das betrachtet, was es eigentlich ist», sagt er. «Ein riesiges Potenzial, unsere Art der Online-Kommunikation zu verändern.»

Wie gross das Potenzial ist, hat jüngst auch die Coronaviruspandemie gezeigt. Von 2 bis 3 Mio. monatlichen Nutzern stieg die Zahl während des weltweiten Lockdowns auf 4 bis 5 Mio. an. 80’000 Personen loggen sich allein in der Schweiz jeden Monat ein. Doch während die Nutzerzahlen profitieren, schränkt der Lockdown das junge Projekt ein. «Wenn man eine Marke neu aufbaut, ist man von einer Vision getrieben», sagt Done. «Und eine Vision treibst du am besten voran, indem du dein Team siehst, dich austauschst. Das erst macht die Vision zu einem realen Unternehmen.» Ein weiteres Problem, das Done lösen muss.

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