Märkte / Makro

«Anleger können mit dem QE-Ende leben»

Garry Evans, der Chef-Aktienstratege von HSBC, glaubt nicht, dass die Schwäche der Schwellenländer auf die Weltwirtschaft übergreifen wird.

Zweifel an der wirtschaftlichen Stabilität der Schwellenländer, die Wende in der US-Geldpolitik wie auch Fragen zur Wirksamkeit des japanischen Konjunkturprogramms sorgen an den glo­balen Finanzmärkten für eine erhöhte Volatilität. Vieles weist darauf hin, dass die Aktienmärkte im laufenden Jahr eine weniger gute Performance an den Tag legen werden als 2013, als der MSCI-Weltindex 20% avanciert ist. Garry Evans, globaler Chef Aktienstrategie der britisch-asiatischen Grossbank HSBC (HBC1 6.1700 +0.00%), geht trotzdem davon aus, dass das globale Börsenbarometer heuer 6% zulegen wird.

Wenig überraschend kommt für den Anlagestrategen der Verlust des Vertrauens in Länder wie Argentinien, die Türkei oder Südafrika. Diese Volkswirtschaften wiesen seit längerem wachsende Zahlungsbilanzdefizite auf: «Es war klar, dass die schlimmsten Defizitländer von der geldpolitischen Wende in den USA am stärksten betroffen sein würden», sagt er.

Zu schnell expandiert

Evans mag indes nicht alle jungen Wachstumsmärkte in einen Topf werfen. Das Potenzial Mexikos, Taiwans oder auch der Philippinen bleibe dank soliden makroökonomischen Fundamenten intakt. Auch China und Indien will der 52-jährige Brite trotz punktueller Schwächen nicht zu den akuten Problemländern zählen.

Die wachsende Abhängigkeit von Kapitalzufluss aus dem Ausland war nur ein Grund dafür, dass die Emerging-Market-Börsen bereits vergangenes Jahr schlechter abschlossen als die Aktienmärkte der reifen Industriestaaten. Evans nennt mit den fallenden Unternehmensprofiten einen zweiten Grund, warum die Schwellenländer an Glanz verloren haben. «Viele Unternehmen haben in den Zeiten der tiefen Zinsen zu schnell expandiert. Infolge falscher Investitionsentscheide bekunden sie jetzt Mühe, eine entsprechend hohe Rendite zu erwirtschaften», sagt Evans, der an der Universität Cambridge Volkswirtschaft und Japanologie studiert hat. Nach seinen Berechnungen ist hier die durchschnittliche Eigenkapitalrendite innerhalb von zehn Jahren denn auch von 20 auf mittlerweile noch 13% gefallen.

Abgesehen vom Schwächeanfall der Schwellenländer ist dieser Tage die geldpolitische Wende in den USA das grosse Thema an den globalen Finanzmärkten. Dabei besteht weiter Ungewissheit darüber, wie gesund die weltweit grösste Volkswirtschaft ist. «Die bisherige Gelassenheit der Märkte angesichts einer ganzen Reihe offener Fragen basiert auf der Annahme, dass das Fed im Falle einer merkbaren Konjunkturabkühlung die Aufkäufe ausweiten würde», denkt Evans.

Dabei gehen selbst die meisten Optimisten nicht davon aus, dass die US-Wirtschaft schnell zu ihrer alten Bestform ­zurückfinden wird. Der ehemalige US-­Finanzminister Larry Summers spricht sogar von einer strukturell bedingten «säkularen Stagnation». Die Frage stellt sich, was ein solches Szenario für die Börsen bedeutet. Evans teilt Summers’ Meinung, dass die Weltwirtschaft auch in den kommenden Jahren ein eher langsames Wachstum an den Tag legen wird. Für Aktien sei das nicht der fruchtbarste Boden, gibt er zu. Doch es gebe immer auch ein Wechselspiel von Wachstum und Zinsklima. «Eine Expansionsrate, die unter dem langfristigen historischen Trend liegt, verspricht gleichzeitig auch tiefe Zinsen.» Letzteres wiederum sei gut für die Börse.

Der Anlagestratege unterscheidet dabei zwischen den Weltregionen. Er sieht vor allem für US-Aktien angesichts der bereits erreichten hohen Bewertungen kaum mehr ein Aufwärtspotenzial. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) sei in kurzer Zeit von 11 auf 15,5 gestiegen. Die europäischen Börsen hingegen befänden sich mit einem KGV von 13,5 weiter unter der Mitte eines Auswärtszyklus. Die HSBC empfiehlt nicht zuletzt auch wegen einer wirtschaftlichen Erholung des Euroraums eine Übergewichtung europäischer Aktien.

Zur Zurückhaltung rät Evans, der mehrere Jahre als Aktienanalyst in Tokio tätig war, gegenüber japanischen Titeln. Er sieht die Kurse nach der im vergangenen Jahr von dem staatlichen Wachstums­programm ausgelösten steilen Rally weitgehend ausgereizt. Wenig attraktiv seien japanische Valoren vor allem auch für ausländische Investoren, müssten sie angesichts der Yenschwäche doch Wechselkursverluste in Kauf nehmen.

Gewinne im Fokus

Mit der Erstarkung der Weltwirtschaft wird in den kommenden Monaten auch die grosse globale Liquidität abebben. Es stellt sich die Frage, was nach dem Ende des ­extrem billigen Geldes den Aktienkursen Rückenwind geben wird. Evans denkt, dass die Gewinne das dominierende Thema sein werden. Unternehmen haben in den vergangenen Jahren dank Automatisierung und der Auslagerung von Produktion sowie Dienstleistungen die Rationalisierung zwar schon weit vorangetrieben. «Doch gibt es im Logistikbereich dank neuen Technologien weiteren Raum für Kostensenkungen und entsprechend steigende Gewinnmargen», sagt Evans.

Vor allem auf die Bergwerkkonzerne, deren Titel angesichts der schwachen Nachfrage nach Rohstoffen an Glanz ­verloren haben, warten weitere Kosten­einsparungen. Investoren hätten dem ­Generationenwechsel an der Spitze von Konzernen wie BHP Billiton (BHP 46.68 -0.36%) oder Vale (CVLC 13.72 -1.68%) nicht genügend Beachtung geschenkt. «Das geht einher mit einem radikalen Strategiewechsel. Während das alte Management den Schwerpunkt auf Wachstum und neue Projekte gelegt hatte, setzt die neue Generation vor allem auf Geld­zufluss, Kosteinsparungen und die Ausschüttung nicht benötigter Mittel an die Aktionäre.» Evans sieht hier Parallelen zur Pharmaindustrie. Dort habe vor fünf Jahren ein ähnlich radikaler Strategiewechsel den Aktien ungemein Auftrieb gegeben.