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Anne Richards: Von der Ingenieurin zur Fonds-Königin

Sie ist die wohl erfolgreichste Quereinsteigerin im Asset Management. Nun steht die 54-jährige Britin vor ihrer grössten Herausforderung.

Der Job beim alten Arbeitgeber ist Geschichte, der Bürotisch leer geräumt.  Anne Richards hat vergangene Woche ein weiteres Kapitel in ihrer erfolgreichen Karriere abgeschlossen. Zwei Jahre lang war die Schottin Chefin des Fondsanbieters M&G Investments, der im Besitz der Versicherungsgruppe Prudential (PRU 17.01 1.8%) ist. Nun geniesst sie eine längere Auszeit. Im Dezember wird sie ihren neuen Posten als Chefin des amerikanischen Vermögensverwalters Fidelity International antreten. Damit wird die Tochtergesellschaft des weltweit viertgrössten Vermögensverwalters Fidelity Investments ausschliesslich von Frauenhand geführt. Neben Richards amtiert Abigail Johnson als Präsidentin.

Ihr Abgang bei M&G kommt nicht von ungefähr. Prudential will die Fondssparte bis in zwei Jahren abspalten und an die Börse bringen. Das heisst: zwei Jahre Arbeit, um das Unternehmen für Investoren attraktiv zu machen. Ein Kurzfristziel, dass der überzeugten Langfristanlegerin wie Anne Richards nicht gefiel. Es mag ein glücklicher Zufall gewesen sein, dass sich Fidelity als Alternative anbot. Für die 54-Jährige ist es ein Ausstieg aus einer nicht gewollten Konstellation und ein Aufstieg in die nächsthöhere Liga.

Die CEO von Fondsgesellschaften sind in der Öffentlichkeit kaum bekannt – ganz im Gegenteil zu deren Star-Fondsmanagern. Das gehört zum Programm der Vermögensverwalter. Auch der Name Anne Richards dürfte den wenigsten ein Begriff sein. Dabei gehört die Britin zu den begehrtesten Frauen im Asset Management. Die Zeitung «The Sunday Times» adelte sie kürzlich gar zur «Queen of Asset Management» – zur Königin der Vermögensverwaltung.

Entscheidend für ihre Karriere war ein Mann, ein Doyen der Branche. Martin Gilbert, Gründer der inzwischen mit Standard Life (SL. 271.3 -2.02%) fusionierten Aberdeen Asset Management, akquirierte 2002 die schottische Finanzboutique EFM, deren Anlagechefin Richards war. Er hielt an ihr fest und gab ihr die Rolle der globalen Anlagechefin. Sie dankte es ihm mit präzis formulierten Analysen zum Marktgeschehen, die immer wieder mediale Aufmerksamkeit erheischten.

Die überzeugte Vertreterin des aktiven Anlagemanagements lässt sich vom Boom passiver Anlagen nicht nervös machen. Kürzlich wies sie in einem Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft» auf den massiven Rückgang der kotierten Gesellschaften in den vergangenen Jahren hin. «Höhere Auflagen und Kosten verdrängen Unternehmen von der Börse. Immer mehr Anlagekapital wird auf privat gehaltene Unternehmen alloziert», sagte Richards. «Das ist gut für die aktive Industrie, die gezielt auf private Unternehmen setzen kann. Eine grosse Zahl von passiven Fonds muss sich hingegen mit dem Angebot der Börse zufriedenstellen.» Es mag Ironie des Schicksals sein, dass Richards als überzeugte Vertreterin des aktiven Investmentansatzes künftig einem Anbieter vorsteht, der inzwischen auch passive Indexfonds verkauft.

Ebenfalls ein Wink des Schicksals war, dass sie überhaupt den Weg in die Finanzbranche fand. Ursprünglich hatte Richards an der Universität Edinburgh als Elektroingenieurin abgeschlossen. Ihr erster Job führte sie in die Schweiz nach Genf zum Teilchenforschungszentrum CERN. Die anfänglich faszinierende Aufgabe entpuppte sich in der Folge für die nicht so geduldige Richards als wenig geeignet. «Ich konnte mir nicht vorstellen, mein ganzes Leben lang einem Teilchen nachzuforschen, das man nach vielleicht dreissig Jahren auffindet», sagte sie jüngst in einem Interview. Während ihres MBA an der Kaderschule Insead in Paris fand sie schliesslich an Finanzthemen gefallen – und blieb dort.

Aus ihrer CERN-Zeit ist ihr aber etwas geblieben: die Liebe zur Schweiz. Sie geniesse es, in den Schweizer Alpen zu wandern, erzählt sie. Die Ruhe und die Natur erinnerten sie an ihre schottische Heimat. So würde es nicht verwundern, wenn Anne Richards auch in diesen Wochen ihrer Auszeit ab und an in der Schweiz anzutreffen wäre.

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