Meinungen

Annus mirabilis 1989

Vor drei Jahrzehnten fiel die Berliner Mauer. Doch heute ist das Siegermodell von damals, die liberale Demokratie, unter Druck. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

«Der Herausforderer ist heute China, damals wirtschaftlich noch ein Winzling.»

Das Jahr 1989 – wer’s nicht erlebt hat, hat nie spüren dürfen, was «Wende» wirklich bedeutet, was Ende und Neuanfang, Bruch und Aufbruch heissen. Denkwürdig ist so manches Jahr, doch ohne Einschränkung als historisch zu bezeichnen ist in der jüngeren Geschichte nur 1989.

Es kann gar nicht oft genug erzählt werden, welch epochaler Umsturz sich damals in Europa zutrug, mit Folgen für die ganze Welt. Die für den ganzen Kontinent unbehagliche und für seinen östlichen Teil brutale Nachkriegsordnung fiel nahezu sang- und klanglos in sich zusammen. Atemberaubend, was Abend für Abend die (noch recht grobkörnigen) Fernsehbilder zeigten: Unruhen hier, Reformen da, wankende Regimes dort. In Polen hatte es schon länger rumort; Papst Johannes Paul II., aus der Krakauer Gegend stammend, hatte seinen Landsleuten die Angst vor der kommunistischen Herrscherklasse genommen. Es gärte zunehmend auch anderswo, in Ungarn, der Tschechoslowakei, schliesslich in der DDR. Unvergessen die Trabi-Touristen, die über den Zaun der bundesdeutschen Botschaft in Prag kletterten oder über die nur noch halbherzig bewachte und technisch marode gesicherte Grenze zu Österreich liefen – den Ungarn fehlten das Geld für kilometerweise neuen Stacheldraht und der Wille, die Ostdeutschen eingesperrt zu halten. Der symbolkräftige Paukenschlag war der Fall der Berliner Mauer am 9. November. Auch die Diktatoren in Bulgarien, Rumänien – das Dracula-Imitat Ceausescu, eine besonders widerwärtige Figur – und Albanien wurden abserviert.

Die Geschichte geht weiter

Der tragische Held war Michail Gorbatschow, der versucht hatte, das Unreformierbare zu reformieren, und der, als die Völker endlich aufbegehrten, weise darauf verzichtete, seine Soldaten auszuschicken. Die in der DDR stationierten Sowjetarmisten hätten den «antifaschistischen Schutzwall» ohne weiteres dicht machen können. Doch Gorbatschow hatte die Grösse, Machtverzicht einem Blutbad – das freilich die Sowjetunion und ihre Satelliten moralisch, diplomatisch und wirtschaftlich noch weiter ins Abseits geführt hätte – vorzuziehen. Es ging alles unfasslich schnell, zuvor scheinbar in Stein gemeisselte Verhältnisse veränderten sich über Nacht. Der Kalte Krieg war zu Ende, Deutschland wurde wiedervereinigt, die vormaligen Ostblockstaaten waren die sowjetische Knute endlich los, Comecon und Warschauer Pakt lösten sich auf, sogar die Sowjetunion zerfiel.

Die Euphorie war gewaltig und berechtigt. Im Westen allerdings kommentierten manche linke «Fellow Travellers», die vom Glauben an ihre Heilslehre trotz aller Evidenz nicht lassen mochten, die Zeitläufte eher säuerlich: Die Ostdeutschen, so hiess es etwa ziemlich niederträchtig, hätten den Traum von einer gerechten Gesellschaft dem schnöden Bananenkonsum geopfert. Der real existierende Sozialismus, als gesellschaftlich-politische Alternative schon zuvor nur für die wenigsten im Westen attraktiv, war entsorgt und als Ideologie diskreditiert – einstweilen; die Bilder der zerbröselnden Städte, der Mangelwirtschaft, der allgegenwärtigen Bespitzelung und Drangsalierung der Leute und der Umweltzerstörung von Bitterfeld bis Tschernobyl liessen keinen Interpretationsspielraum.

Ohne die Auflösung der alten Bipolarität wäre wahrscheinlich auch das Ende der Apartheid in Südafrika nicht ab 1990 eingeleitet worden; die Sowjetunion und die USA brauchten am Kap keine Satelliten mehr. Ab 1991 brach das «blockfreie» Jugoslawien unfriedlich auseinander – was ohne die Wende wohl nicht oder nicht in dieser fatalen Form der Fall gewesen wäre. Tschechen und Slowaken trennten sich 1992/93 einvernehmlich – vorher undenkbar.

Das Ende der Geschichte war damit natürlich nicht erreicht. Die USA waren nie unumschränkt der globale Hegemon und sind das heute schon gar nicht mehr. Der ehemalige Hauptrivale Russland hat sich inzwischen völlig vom Westen abgewandt und folgt unter Machthaber Putin – der die Ereignisse von 1989 als geostrategische Katastrophe empfindet – wieder seinen uralten autoritären und expansionistischen Neigungen.

Der grosse Herausforderer ist heute China, damals wirtschaftlich noch ein Winzling, nun aber ein Industrie- und Handelsgigant und im Besitz eines wachsenden militärischen Arsenals und eines enormen Selbstbewusstseins. Im Juni 1989 liessen die roten Mandarine auf dem Tian’anmen-Platz in Peking Panzer auffahren. Studenten hatten von den unerhörten Vorgängen in Europa vernommen und verlangten mehr Freiheiten. Doch die Partei Maos liess sich das nicht bieten und setzte Panzer in Marsch. Der gegenwärtige Machthaber Xi und seine Vorgänger studierten genau, weshalb und wie das Sowjetimperium zerbrach. Die technokratisch überaus begabte Parteielite setzte die unter Deng Xiaoping eingeleiteten Wirtschaftsreformen mit eindrücklichem Erfolg fort, ohne jedoch auch nur den Hauch einer gesellschaftlichen Liberalisierung zuzugestehen. Bislang scheint, bedenklich, die Rechnung aufzugehen.

Dem westlichen Modell von Marktwirtschaft, Rechtsstaat und Demokratie – oder, wie der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk ätzt, «Semi-Sozialismus auf eigentumswirtschaftlicher Grundlage» – steht heute, dreissig Jahre nach der Epochenwende, eben diese Systemkonkurrenz gegenüber: eine sozialistisch verbrämte Despotie, die Staats- und Privatkapitalismus geschickt kombiniert, dabei jedoch alle Bürger streng überwacht und zu Wohlverhalten nötigt. Ein Regime, das strategisch denkt und handelt. Pekings Projekt der Neuen Seidenstrasse strahlt auf ganz Eurasien aus, und auch in Afrika und Lateinamerika machen sich die Chinesen breit.

Die in Europa und Nordamerika weit verbreitete Kurzatmigkeit und Unfähigkeit der Politik, unpopuläre, doch notwendige Reformen durchzusetzen – und der Unwille von Gesellschaften, Veränderungen zu akzeptieren –, kontrastieren teilweise unvorteilhaft mit der chinesischen Tüchtigkeit und Zielstrebigkeit. Die immer noch unausgestandene Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007 bis 2009 mit ihren Folgen, etwa der fatalen Nullzinspolitik, hat die Establishments in vielen westlichen Ländern diskreditiert, verunsichert und geschwächt. Die noch aus der Nachkriegszeit stammenden Parteiensysteme erodieren. All das weckt Bedenken, ob das Siegersystem von 1989 auf die Dauer als politisches Vorzeigemodell wettbewerbsfähig bleibt.

Die europäische Währungsunion übrigens ist auch eine Folge von 1989. Paris rang sie Kanzler Helmut Kohl als Gegenleistung zur Absegnung der Einheit ab. Ob der Euro die Eurozone und die EU eher zusammenhält als spaltet, ist eine offene Diskussion.

Renaissance eines Gespensts

Das Befremdlichste, drei Jahrzehnte nach der unschicklichen Beerdigung: Radikaler Sozialismus ist nicht tot – er geht, in Marx’ Worten, in Europa und sogar im bisher immunen Nordamerika um, als Gespenst. «System change, not climate change», fordern zum Beispiel aktuell manche lautstarke und vor allem sehr junge Menschen, die sich nicht an das reale andere System erinnern können und wohl wenig darüber erfahren haben. Heute erwacht rückblickende Milde, wo nicht vorausblickende Sympathie für roten Autoritarismus (den grüne Zwecke übrigens keinesfalls heiligen). Die britische Labour-Partei ist weit nach links gerückt, die amerikanischen Demokraten teils auch, die darbende deutsche SPD biedert sich der «Linken», den Erben der SED-Mauerbauer, an (die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen, heisst es naturwüchsig naiv aus dem SPD-Vorstand). Geschichtsvergessenheit ist ein Merkmal unserer Tage.

Günter Schabowski, der als SED-Politbüromitglied am 9. November 1989 tapsig die Öffnung der Mauer verkündet hatte, sagte es später paradox und treffend: Das Beste am Zusammenbruch der Dystopie hinter der Mauer sei, «dass Sozialismus wieder Utopie sein kann».