Meinungen

Anthropologie des Wohlfahrtsstaats

Bedarfsabhängige Sozialleistungen verstärken die Pauperisierung, die nicht als Verarmung zu verstehen ist, sondern als Überhandnahme des Bettlerdaseins unabhängig vom Wohlstandsniveau. Ein Kommentar von Rahim Taghizadegan.

Rahim Taghizadegan
«Könnte es sein, dass der Wohlfahrtsstaat selbst Bedürftigkeit produziert?»

Seit Anbeginn des Wohlfahrtsstaats warnen Ökonomen vor Finanzierungsproblemen und einer Verschuldungsspirale. Warum konnten diese Argumente bislang nicht überzeugen? Für die meisten Menschen ist der Wohlfahrtsstaat eine anthropologische und moralische Notwendigkeit, daher beeindrucken ökonomische Argumente kaum. Der Mensch kommt als das lebensunfähigste Tier auf die Welt und erfährt von klein auf Abhängigkeit und Fürsorgeverantwortung. Unser Gehirn ist denkbar schlecht auf das Leben ausserhalb einer engen Sippengemeinschaft ausgelegt. Der Wohlfahrtsstaat ist der Versuch einer Antwort auf dieses unbewusst empfundene Dilemma in modernen, anonymen Gesellschaften. Hegel brachte diesen Zwiespalt am besten auf den Punkt, als er die Kernaufgabe des modernen Staates und damit des Wohlfahrtsstaats darin erkannte, eine Synthese zwischen Liebe und Freiheit zu bilden: das heisst, die Fürsorglichkeit der Sippe zu erfahren, ohne den Beschränkungen der Sippe ausgeliefert zu sein.

Es sind im Wesentlichen drei anthropologische Prämissen, die den Wohlfahrtsstaat als notwendiges Projekt erscheinen lassen, das grundsätzlich jeden Preis wert sein müsse – und damit über der Ökonomie stehe. Am Anfang steht die These, dass eine plötzliche Häufung von Not freiwillige Strukturen überfordere. In der Neuzeit nehmen solche Häufungen durch die wachsende Tragweite politischer und ökonomischer Wechselfälle zu. Gemeinhin wird die exponentielle Erhöhung der Sozialausgaben als Indiz der sich rapide verschlechternden sozialen Lage vieler Menschen interpretiert. Von dieser Korrelation ausgehend könnte man aber auch auf eine paradoxe Kausalität schliessen. Könnte es sein, dass der Wohlfahrtsstaat selbst Bedürftigkeit produziert?

Eine ökonomische Anreizanalyse motiviert dies, wie eine Anekdote aus Vietnam verdeutlicht: Um einer Rattenplage Herr zu werden, bot die Regierung Prämien für die Schwänze toter Ratten. Damit stieg aber der Wert von Ratten, die daraufhin von den Rattenfängern zwar ihres Schwanzes entledigt, aber tunlichst nicht an der Vermehrung gehindert, geschweige denn getötet wurden. Die Zahl der Ratten wuchs noch weiter.

Unheil konjunktureller Blasen

Ist es zynisch, davon auszugehen, dass als Folge bedarfsabhängiger Förderung die Bedürftigkeit gezielt erhöht wird? Krankt die Ökonomie schlicht an einem negativen, allzu pessimistischen Menschenbild? Tatsächlich geht es hier aber nicht um ökonomische Reduktion, sondern um realistische Anthropologie: Der Mensch ist von Natur aus darauf angewiesen, ein Opportunist zu sein. An Kraft oder Schnelligkeit können wir es mit den Tieren nicht aufnehmen. Wie sich an Naturvölkern zeigt, sind wir beobachtende, wartende und verfolgende Jäger, die den kleinsten Vorteil zu ihren Gunsten ausnutzen müssen. Da unser Überleben darauf beruhte, kann man dies dem Menschen schwerlich anlasten. So ist es naheliegend, dass bedarfsabhängige Sozialleistungen die Pauperisierung nicht mindern, sondern verstärken. Unter Pauperisierung versteht man nicht Verarmung, sondern die Überhandnahme eines Bettlerdaseins, das vom Wohlstandsniveau gänzlich unabhängig und eher psychologischer Natur ist: hohe Zeitpräferenz, geringe Sparneigung, geringe Eigenverantwortung.

Neben der Politik scheint in der Neuzeit auch die Ökonomie selbst die Häufung von Not zu verstärken. Es hat sich das Phänomen eines Konjunkturzyklus bemerkbar gemacht, das eine zyklische Häufung von Unternehmenszusammenbrüchen und Arbeitslosigkeit mit sich bringt. Allerdings ist die Rezession eine Phase der Aufdeckung nicht nachhaltiger Wirtschaftsstrukturen; das eigentliche Unheil ist die Blasenwirtschaft, die davor Ressourcen verschwendet und gerade die Ärmsten in ein inflationäres Hamsterrad zwingt. Der Versuch einer blossen Linderung der Rezessionsfolgen kann also die Korrektur künstlich hinausschieben und damit die Grundlage späterer, noch grösserer Bedürftigkeit schaffen.

Tatsächlich sind es eher die zentralistischen Fürsorgesysteme, die im Konjunkturzyklus an ihre Grenzen stossen. Die These, dass die freiwilligen Strukturen mit der zyklischen Häufung von Not nicht fertigwürden, ist falsch: Mangels fester Rechtsansprüche und dank persönlicher Beziehungen waren die Friendly Societies oder Gewerkvereine wesentlich flexibler. Sie verschwanden nicht, weil sie überfordert waren, sondern wurden im Moment ihrer grössten Leistungsfähigkeit zwangsweise dem Staat einverleibt.

Die zweite anthropologische Prämisse des Wohlfahrtsstaats ist, dass nur er einen Teufelskreislauf durchbrechen könne: Arme und ungebildete Eltern hätten wiederum arme und ungebildete Kinder. Diese Perspektive überschätzt jedoch die Wirkung des Elternhauses. Zwillingsstudien zeigen, dass maximal zehn Prozent der Variation der Charaktereigenschaften und der Lebenswege von Kindern durch das Elternhaus erklärt werden können. Diese beschränkte Prägung ist vermutlich wesentlich paradoxer, als die meisten glauben. Wenn man den Lerneifer und die Leistungsbereitschaft von jungen Asiaten als Vergleich heranzieht, mag man in unseren Breiten eher Wohlstandsverwahrlosung denn materiellen Mangel im Elternhaus als Entwicklungshemmnis ansehen. Sollte der Wohlfahrtsstaat also, statt Kindergeld auszuzahlen, Verarmungsprämien bei der Geburt eines Kindes abziehen, um es vor einer gefährlich sorglosen Existenz zu bewahren?

Hinter der Logik des Wohlfahrtsstaats steckt im Kern ein Behaviorismus, der in seiner auf das Materielle reduzierten Form auch die dritte anthropologische Prämisse des Wohlfahrtsstaats bildet, nämlich dass die Menschen durch ein schlechtes Umfeld schlechter würden und daher nur die möglichst schnelle materielle Verbesserung der Lebensverhältnisse asoziales Verhalten unterbinden könne. Doch der materielle Aspekt ist hierbei der unwesentlichste. Das erkannte schon die Sozialforscherin Marie Jahoda, als sie die Verhältnisse von Arbeitslosen untersuchte: Viel schwerwiegender als materieller Mangel sind das Fehlen einer Zeitstruktur, sozialer Kontakte und einer gemeinsamen Aufgabe, die Identität stiften kann. Deshalb greifen alle Menschenbesserungsversuche per Umfeldgestaltung tief in den Lebensalltag ein. Ohne Freiwilligkeit bleibt da von der Freiheit nichts übrig. So erstaunt es nicht, dass Totalitäre oft behavioristische Losungen bemühten: Mao meinte, auf leeren Blättern würden die schönsten Gedichte geschrieben, und die Roten Khmer postulierten, nur Neugeborene seien unbefleckt.

Für ein realistisches Menschenbild

Der Wohlfahrtsstaat ist im Gegensatz dazu eine permissive Spielart des Behaviorismus, die sich selbst Freiheitlichkeit bescheinigt. Die Reduktion auf anonym-materielle Interventionen ist zwar für die Versorgten angenehmer, doch ihre Wirksamkeit ist zweifelhaft. Ein Beispiel für permissiven Paternalismus wäre, ein quengelndes Kind stets mit einem Bonbon abzuspeisen – was das Kind darauf konditioniert, nur durch die Anmeldung eines niederen Bedürfnisses Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erlangen. Der Hauptleidtragende einer solchen vermeintlich freiheitskompatiblen Abspeisung ist das Kind.

Demnach liegt die These nahe, dass die Hauptleidtragenden des Wohlfahrtsstaats seine Klienten sind: die Unterschicht. Der Wohlfahrtsstaat ist demnach nicht bloss eine ökonomische und politische, sondern vor allem eine anthropologische und moralische Katastrophe. Ihn in Frage zu stellen, ist demnach nicht ein Ausfluss unsolidarischen Geizes, sondern die notwendige Folge einer Mitmenschlichkeit, die sich nicht an theoretischen Modellmenschen orientiert, sondern auf einem realistischen Verständnis der menschlichen Natur beruht.

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