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Meinungen

Aramco und die Anleger

Cornelia Meyer
«Eine so grosse Transaktion bedarf entsprechender Liquidität an den Börsen.»
Die saudische Ölgigant will sich dem Publikum öffnen. Die Finanzplätze New York und London bewerben sich um Aramco. Doch es gibt Fragen zu Transparenz, Staatsnähe und Aktionärsrechten. Cornelia Meyer.

Der starke Mann Saudi-Arabiens, Kronprinz Mohammed bin Salman (MBS), verkündete im Frühjahr 2016, er wolle 5% der staatlichen Ölgesellschaft Saudi Aramco privatisieren.

Das war die erste Ankündigung eines Petro-Börsengangs in der Region. Mittlerweile sind andere Golfstaaten gefolgt. Abu Dhabi wird nun noch vor Saudi-Arabien 10% des Distributionsbetriebs seiner staatlichen Ölgesellschaft Adnoc an die Börse bringen.

Diese  Transaktion ist einfacher, da es sich nicht um das zentrale Explorationsgeschäft handelt. Adnocs Tankstellen und Gemischtwarenläden sind in den Emiraten sehr weit verbreitet und erwirtschaften täglich viel Bargeld.

Bei Aramco wird dies schwieriger werden, da es sich um die grösste Ölgesellschaft der Welt handelt. Das weckt zwar bei den Investoren Interesse, doch wegen Aramcos Staatsnähe auch Bedenken.

MBS, 32, ist Thronfolger und zugleich Reformer Saudi-Arabiens. Seine «Vision 2030» soll das Königreich von der Ölabhängigkeit lösen und wirtschaftlich breiter aufstellen.

Die Zeit drängt, denn rund 70% der 33 Millionen Saudis sind unter 30 Jahre alt. Arbeitsstellen müssen somit jetzt geschaffen werden. Eine stabile Gesellschaft lässt sich nur erhalten, wenn der Jugend eine Perspektive geboten wird.

Solche Umbauarbeiten bedürfen natürlich grosser Investitionen von in- und ausländischen Anlegern. Deshalb hat Saudi-Arabien vor einigen Wochen eine wichtige Investoren-Konferenz mit internationalen Finanzgrössen veranstaltet.

Prominente Wirtschaftsführer aus aller Welt reisten nach Riad, um sich mit den neuesten Entwicklungsplänen des Kronprinzen auseinander zu setzen.

Vehikel für Reformen

Einen integralen Bestandteil der «Vision 2030» bildet die Teilprivatisierung des Kronschatzes des Königreichs, eben von Saudi Aramco. Ein Zwanzigstel des wichtigsten Unternehmens des Landes soll über ein Initial Public Offering (IPO) an der Börse des Königreichs (Tadawul) sowie an internationalen Börsen kotiert werden.

Der Erlös dieser Teilprivatisierung – es wird auf etwa 100 Mrd. $ gehofft –  soll nicht Aramco selbst, sondern dem  staatlichen Investitionsfonds (Public Investment Fund, PIF) zufliessen. Der PIF besitzt das ausdrückliche Mandat, die Finanzierung der wirtschaftlichen Erneuerungspläne zu unterstützen.

Der Kronprinz, der Ölminister und der CEO von Aramco haben viel politisches Kapital in die Publikumsöffnung investiert. Sie haben auch gewisse Rahmenbedingungen Aramcos für die Privatisierung revidiert, so etwa die Steuersituation.

Der Zeitrahmen für das IPO – bis Ende 2018 – ist äusserst ehrgeizig, wie überhaupt alles, was mit der «Vision 2030» zusammenhängt. Die Idee erscheint sinnvoll: Wieso nicht Schätze des Landes teilweise versilbern, um dem Allgemeinwohl zu dienen? Die Frage nach allfälligen Problemen dieses Unterfangens sowie nach Auswirkungen immerhin denkbarer Verzögerungen stellt sich dennoch.

Das IPO von Aramco würde der grösste Börsengang der Geschichte werden. Die saudische Regierung rechnet mit einer Unternehmensbewertung von 2000 Mrd. $. Experten veranschlagen den Wert auf 1000 bis 2000 Mrd. $.

Doch die Einstufung dieses gigantischen Konzerns ist schwierig. Aramco ist betrieblich eine der bestgeführten Ölgesellschaften der Welt. Sie hat eine grosse Erfahrung darin, Riesenprojekte wie etwa das Khurais-Feld oder die Yanbu-Exportraffinerie termingerecht und technisch einwandfrei auf die Beine zu stellen.

Zudem sind die Förderkosten eines Fasses Öl in Saudi-Arabien niedriger als fast überall sonst auf der Welt. Probleme stellen sich wegen mangelnder Transparenz (was Verflechtungen des Geschäfts mit dem Staatsapparat angeht) sowie bei der genauen Erfassung der Ölreserven. Diese werden, wie in vielen Opec-Ländern üblich, als Staatsgeheimnis behandelt.

Gegenwärtig wird der internationale Börsengang in New York, London, Hongkong oder Tokio in Betracht gezogen. Eine so grosse Transaktion bedarf entsprechender Liquidität an der betreffenden Börse.

Somit wären London und New York die idealen Kandidaten. Beide Finanzplätze buhlen denn auch eifrig um das Privileg, Aramco im Kurstableau zu führen.

So twitterte US-Präsident Donald Trump, er würde sich sehr darüber freuen, wenn Aramco die Börse New York in Betracht zöge.

Die britische Premierministerin Theresa May ging noch weiter: Sie gab Aramco eine Kreditgarantie für 2 Mrd. $. Grossbritannien sieht im Börsengang auch eine Chance, die Bedeutung des Finanzplatzes London trotz des Brexit aufrecht zu erhalten.

An den Börsen in New York wie auch in London gelten jedoch strenge Vorschriften, was transparente Unternehmensführung und Buchhaltung betrifft. Die New York Stock Exchange ist besonders auf die Transparenz der Reservenbuchhaltung von Ölgesellschaften bedacht; diese Vorschriften sind zwingend – präsidiale Wünsche hin oder her.

Ein weiteres Problem bei einer Zweitkotierung in der US-Wirtschaftsmetropole sind  Gesetze, die es Amerikanern erlauben, saudische Staatseinheiten für Schadenersatz wegen der Terroranschläge von 9/11 einzuklagen.

In London waren Erleichterungen der Transparenzvorschriften zugunsten des prestigeträchtigen IPO erwogen worden, doch sollte auch dieser Finanzplatz seiner Glaubwürdigkeit zuliebe keine Kompromisse bezüglich Regeln und Transparenz eingehen, egal wie gross die Transaktion auch sein mag.

Das Interesse von Fondsmanagern am Aramco-IPO muss auch geklärt werden. Die meisten Fragen drehen sich um Transparenz, Rechte von Minderheitsaktionären, Liquidität und längerfristige Perspektiven von Ölgesellschaften in der Zeit des Energiewandels.

Dieser stellt bei genauer Analyse kein so grosses Problem dar, weil die Nachfrage nach Erdöl bei zunehmender Weltbevölkerung weiter steigen wird. Der Personentransport auf den Strassen dürfte dank hybrider und elektrisch betriebener Fahrzeuge längerfristig sinken, nicht aber der Frachttransport oder der Flugverkehr.

Es wäre von Vorteil, Saudi-Arabien und damit auch Aramco in den MSCI (Morgan Stanley (MS 48.7 0.21%) Capital International) Emerging Market Index aufzunehmen und so eine Vergleichsbasis mit anderen, wenn auch viel kleineren Unternehmen zu schaffen.

Stufenweises Vorgehen ratsam

Fondsmanager gehen mit Investitionsmöglichkeiten im Nahen Osten generell vorsichtig um, da sie selbst in den Golfstaaten um die politische Stabilität fürchten. In diesem Sinne wäre es wichtig, dass die saudische Führung sowohl innen- wie aussenpolitisch Bedachtheit demonstriert.

Saudi Aramco besitzt 16% der Weltölreserven und ist grösste Ölgesellschaft überhaupt. Eine Publikumsöffnung könnte Aramco zur wertvollsten Unternehmung avancieren lassen.

Bei wachsender Erdölnachfrage und tendenziell steigenden Ölpreisen könnte Aramco eine gute Anlagemöglichkeit für Investoren mit entsprechendem Risikoprofil sein. Bedenken über Transparenz, Rechte von Minderheitsaktionären, Verflechtung mit dem Staatsapparat und politischer Stabilität müssten jedoch ausgeräumt werden.

Es liegt an der saudischen Führungsspitze, hierfür Lösungen zu finden. Diese können durchaus auch darin bestehen, dass der internationale Börsengang erst nach einer Privatplatzierung stattfindet.

Das hätte den Vorteil, dass der Stellenwert der Transparenz kleiner wäre und die Finanzberichterstattung wie bislang im privaten Rahmen stattfinden könnte.

Der lokale Börsengang am Tadawul wird sehr wahrscheinlich vorgängig erfolgen, um der saudischen Bevölkerung Gelegenheit zu geben, sich an der Teilprivatisierung ihres wirtschaftlichen Kronjuwels zu beteiligen.