Im Jahr 2050 leben gemäss einer Schätzung der Vereinten Nationen zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten (1950 waren es noch 30%). «Als Folge davon wird es in vielen Städten bei der durchschnittlichen Wohnfläche, nach Jahrzehnten des Wachstums, zu einem Rückgang kommen.» Das schreibt Stefan Breit, Zukunftsforscher am Gottlieb Duttweiler-Institut (GDI), in der neuen Studie «Microliving – Urbanes Wohnen im 21. Jahrhundert».

Gerade in den Städten sei der Druck zur Verdichtung und somit zu kleineren Wohnflächen am stärksten. Eine zukünftige Abnahme der Wohnfläche hat aber nicht nur mit Verzicht zu tun, sondern auch mit neuen Bedürfnissen. Denn, so Stefan Breit, «das Argument der Verdichtung allein wäre zu negativ, es gibt ein Gefühl des verordneten Verzichts auf Raum. Vielmehr entspricht es einem neuen Lebensstil. Ja, man sagt beinahe mit Stolz ‹Ich brauche diese My-Home-is-my-Castle-Mentalität nicht mehr›.»

Hinzu kommt, dass heute viele Menschen nicht mehr riesig viel Eigentum und Besitz haben wollen, wie es frühere Generationen taten. «Es gibt eine neue Genügsamkeit, die durchaus als schick empfunden wird», sagt Breit. Sogar als ein neuer Luxus, denn die Befreiung von Ballast, die Beschränkung auf das Nötigste wird zu einem neuen Lifestyle. Lieber gibt man sein Geld für anderes aus.

Stefan Breit: «Es ist eine ähnliche Philosophie wie bei EasyJet, wo man sich fragte: Was wollen unsere Kunden wirklich? Eben: den Transport von A nach B ohne Schnickschnack. Bei kleineren Wohnflächen kann man sich ähnlich fragen: Was muss ich wirklich zur Verfügung haben?» Entsprechend kann die Digitalgeneration heute mit dem Minimum leben, Wifi und ein Stromanschluss reichen. Zur Möblierung ein Bett, ein Tisch, eine Nasszelle. Denn zu Hause ist man ohnehin an mehreren Orten.

Dazu Wohnforscher Stefan Breit: «Der Begriff Zuhause, das Wort Heimat lösen sich von einem geografischen Ort, sie verschieben sich immer mehr in eine Cloud. Die Familie, den Freundeskreis und die Arbeit sowieso hat man dennoch immer dabei: in der Hosentasche auf dem Handy oder dem Tablet.» Wohnen findet nicht mehr zu Hause statt, heisst es in der erwähnten Studie. Technologische Entwicklungen verändern die Art und Weise, wie wir Raum verstehen und wie wir mit ihm interagieren.

«Die Nomaden grenzen sich bewusst von tradierten Lebensformen, Karriereformen oder Familienmodellen ab», sagt auch Sven Ehmann, Deutscher Publizist und Kreativdirektor des Verlags Gestalten, wo er unter anderem den Bildband «The New Nomads» herausgegeben hat (siehe Hinweis am Schluss).

Das Nomadentum sei nicht mehr nur das Begleitproblem eines fordernden Arbeitsmarktes, sondern Lebensmodell und Trend, hält Ehmann fest. «Moderne Nomaden lassen es nicht über sich ergehen, sondern gestalten es mit.» Es sind vor allem junge Profis, die möglicherweise gerade ihr Studium beendet haben, meint Ehmann.

Aber es gebe auch Menschen, die zu einem anderen Zeitpunkt des Lebens das nomadische Moment entdecken. Ihr Lebensstil ist hedonistisch, spricht für Neugier und für die Verweigerung, sich auf einen Ort oder einen Job zu beschränken. Diese Lebensform lässt sich leben, indem man sich einer der immer zahlreicheren Communities anschliesst, die ihren Mitgliedern überall auf der Welt kleine, meist nur mit dem Nötigsten ausgestattete Wohneinheiten anbieten.

Darin lässt es sich temporär leben, ganz nach den gerade opportunen beruflichen oder privaten Bedürfnissen. Oder man schafft sich seine eigene kleine Unterkunft an, die sich an (fast) jedem gewünschten Ort aufstellen lässt. Es sind eine Art kompakte Klein-Apartments, manchmal auf Rädern, manchmal auf Stelzen, oft direkt auf dem Boden zu platzieren.

Der Wohnwagen, das Sinnbild des biederen Touristen, der auch im Urlaub seiner gewohnten Umgebung nicht entfliehen will, erlebt ein Revival. Und was für eines! Es hat Architekten, Ingenieure und Tüftler herausgefordert zu innovativen Wohn- und Mobilitätsformen, die zuweilen an gebastelte Kunst werke erinnern, aber sogar dann die schönere Alternative zum gewöhnlichen Campingbus darstellen.

Architektonische Cleverness und Kreativität führt aber auch zu modernen, oft fast skulpturalen Objekten mit stilvollem, wenn auch sehr reduziertem Innenkonzept. Immer mit dem Ziel einer flexiblen Nutzbarkeit. Ob als futuristisches, fahrbares Ei der DMVA Architekten aus Belgien oder in edler Containeroptik wie Minimod, als rustikaler Schuppen auf Rädern wie Pocket Shelter von Aaron Maret oder in expressiver Form wie das Falthaus Fold Flat Shelter des Deutschen Adrian Lippmann.

«10 Smart Square Meters» nennen Tengbom Architects (Schweden) ihr überzeugendes Minihaus aus Sperrholz. Dagegen ist das knallblaue Container Guest House des US-amerikanischen Büros Poteet Architects schon fast eine kleine Villa, entstanden aus einem rezyklierten Schiffscontainer. Es sind die Alternativen zu oftmals kaum erschwinglichen Grundstücken oder Wohnungen. Und sie sind Ausdruck der Freiheit.

Durch alle Gesellschaftsschichten

Für Stefan Breit vom GDI ist jedoch die wichtige Entwicklung nicht, dass die Wohnungen mobil werden, sondern das Wohnen selbst. «Dass immer mehr Leute temporär wohnen und der Zugang zu den Wohnungen einfacher wird. Beispiele hierfür sind Airbnb, New Eelam oder Roam.»

Interessant ist, dass sich die Bewegung der urbanen Nomaden durch alle Gesellschaftsschichten zieht. «Noch sprechen wir zwar von einem kleinen Teil, der diese örtliche Unabhängigkeit ganz bewusst sucht und realisiert. Aber der Trend, dass immer mehr Menschen global leben und an mehreren Orten gleichzeitig zu Hause sind, ist wohl nicht aufzuhalten.»

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