Meinungen English Version English Version »

Arme Länder im Bietergefecht um Impfstoffe

Der beste Weg, armen Ländern zu mehr Impfdosen zu verhelfen, ist eine internationale Übereinkunft über die Koordination der Zuteilung vorhandener Impfstoffe. Ein Kommentar von Anne O. Krueger.

Anne O. Krueger, Washington
«Natürlich haben es die Unternehmen, die das Risiko eingegangen sind, die Entwicklung eines sicheren und wirksamen Impfstoffs anzugehen, verdient, für ihre Anstrengungen entschädigt zu werden.»

Die Welt hat für das kommende Jahr das bestmögliche Geschenk erhalten. Die Entwicklung sicherer und wirksamer Impfstoffe gegen Covid-19 in derart kurzer Zeit ist fast so etwas wie ein medizinisches Wunder und weist auf ein Ende der Krise hin, die 2020 bestimmt hat.

Doch das Tempo, mit dem wir die Pandemie beenden werden, ist von drei Faktoren abhängig. Der erste ist das Ausmass der fortgesetzten Einhaltung empfohlener Sicherheitsmassnahmen wie des Tragens von Masken, der Beachtung von Abstandsregeln, der Vermeidung von Menschenmassen und des Händewaschens. Der zweite ist unsere Fähigkeit, die vielen Logistik- und Vertriebsherausforderungen der weltweiten Verabreichung des Impfstoffs zu bewältigen. Der dritte ist der Zugriff auf Impfstoffe für die armen Länder. Die Pandemie wird so lange nicht enden, bis das Coronavirus überall besiegt ist.

Es sind bereits Bemühungen hierzu im Gange. So bemüht sich etwa Covax, ein Bündnis aus 172 Ländern (aber ohne Beteiligung der USA), «einen raschen, fairen und gerechten Zugriff» auf Impfstoffe «für Menschen in allen Ländern» zu garantieren. Das unter gemeinsamer Leitung der Impfallianz Gavi, der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stehende Bündnis hat bereits Übereinkünfte mit neun Pharmaentwicklern getroffen, um Impfstoffe zu beziehen, sobald sie zugelassen sind. Den grössten Beitrag zu dieser Anstrengung – bis dato 850 Mio. € – haben bisher die Europäische Union und einzelne EU-Mitgliedstaaten geleistet, gefolgt von der Bill & Melinda Gates Foundation und anderen wichtigen Spendern.

Mehr Geld löst das Problem nicht

Covax bemüht sich, bis Ende 2021 5 Mrd. $ aufzubringen, um 2 Mrd. Impfdosen zu beschaffen. Doch selbst bei einem Impfstoff, der nur eine Dosis erfordert (bei den gegenwärtig zugelassenen Vakzinen sind es zwei), wären 2 Mrd. Dosen nicht genug, um die Bevölkerungen der Entwicklungsländer abzudecken. Obwohl Hoffnung besteht, dass Hersteller in Ländern wie Indien Impfstoffe preiswerter produzieren können, wird das weltweite Angebot trotzdem deutlich hinter der Nachfrage zurückbleiben.

Neben Covax gibt es Bemühungen, den armen Ländern direkt Finanzmittel zur Verfügung zu stellen. So hat etwa die Weltbank ihren Kundenländern 160 Mrd. $ zugesagt, und viele andere Geber und karitative Stiftungen haben in ähnlicher Weise einen Beitrag geleistet. Ausserdem wurde im Rahmen der gemeinsamen Initiative zur Aussetzung des Schuldendienstes (DSSI) der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds 73 armen Ländern die Gelegenheit zu einem Zahlungsaufschub bis Juni 2021 angeboten. Mit Stand Anfang Dezember haben sich 45 Länder für das Programm registriert, die meisten haben so Mittel im Umfang von 0,1 bis 2% ihres BIP freigesetzt.

Während ein universeller Zugriff auf den Impfstoff unverzichtbar ist, um die Pandemie zu überwinden, ist angesichts der zu erwartenden Angebotsprobleme unklar, ob die Zuweisung von mehr Geld an die armen Länder sie tatsächlich in die Lage versetzen wird, mehr Impfdosen zu erwerben. Die Hersteller, die bereits die Zulassung erhalten haben, stossen schon jetzt an Kapazitätsgrenzen, und während es positive Überraschungen geben könnte, dürfte die erhöhte Nachfrage (und damit der Preis, zu dem der Impfstoff erhältlich ist) kaum zu einer wesentlich höheren Produktion anregen.

Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage

Darüber hinaus verpflichten viele der laufenden Verträge die Hersteller, zum Selbstkostenpreis zu verkaufen, wobei die Mengen bereits festgelegt sind. Wenn diese Bestände aufgebraucht sind, dürften zusätzliche Finanzmittel für Länder, die unilaterale Käufe anstreben, zu Bietergefechten führen und so den Preis in die Höhe treiben und die Vorteile für das Gemeinwohl ausgleichen.

Natürlich haben es die Unternehmen, die das Risiko eingegangen sind, die Entwicklung eines sicheren und wirksamen Impfstoffs anzugehen, verdient, für ihre Anstrengungen entschädigt zu werden. Mit zunehmenden Produktionskapazitäten sollte man es den Marktkräften ermöglichen, Anreize für die Innovation, die Entwicklung und die Schaffung zusätzlicher Produktionsanlagen zu setzen. Doch da die Nachfrage nach Impfstoffen 2021 das Angebot übersteigen dürfte, ist nicht zu erwarten, dass weitere Anreize für eine Ausweitung der Produktion das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage innerhalb eines Jahres verbessern werden.

Das ist durchaus nicht der einzige Grund zur Beunruhigung. Wenn einige arme Länder ausreichend kreditwürdig sind, werden sie womöglich höhere Kredite aufnehmen, um in einer Zeit steigender Impfstoffpreise zusätzliche Impfstoffkäufe zu finanzieren. Sie hätten dann letztlich mehr Schulden, aber nicht mehr Impfstoffe, als sie sich andernfalls womöglich hätten beschaffen können.

Die USA dürften der WHO wieder beitreten

Zugleich sehen sich andere arme, bereits jetzt hoch verschuldete Länder Schwierigkeiten beim Schuldendienst ausgesetzt, die sie selbst unter normalen wirtschaftlichen Umständen erlebt hätten. Einige derjenigen, die Unterstützung im Rahmen der DSSI erhalten, werden – statt Impfstoffe zu kaufen – die freigesetzten Mittel womöglich einfach nutzen, um andere Schulden zu bedienen. In dem Umfang, in dem andere Gläubiger – wie etwa private Banken und wichtige offizielle bilaterale Kreditgeber wie China – heute bezahlt werden, werden später weniger Mittel für die in Verbindung mit gesamtwirtschaftlichen Reformen durchgeführten Umschuldungen zur Verfügung stehen.

Diese Umstände könnten dazu führen, dass weniger Impfstoffe an die armen Länder ausgeliefert werden und dass Gläubiger, deren Kredite bedient werden, auf Kosten derjenigen, die im DSSI-Rahmen Verzicht geleistet haben, profitieren. In noch anderen Fällen könnten die neu zur Verfügung stehenden Gelder für andere defizitfinanzierte Staatsausgaben genutzt werden als für den Kauf von Impfstoffen.

Angesichts all dieser Komplikationen besteht der beste Weg, armen Ländern zu mehr Impfdosen zu verhelfen, darin, (vermutlich durch Covax und die WHO) eine internationale Übereinkunft über die Koordination der Zuteilung vorhandener Impfstoffe zu erreichen. Es steht zu erwarten, dass die USA nach Amtseinführung des designierten Präsidenten Joe Biden am 20. Januar erneut der WHO beitreten werden. Sobald das geschieht, wird eine multilaterale Anstrengung, Impfstoffe in effizienter Weise an die armen Länder zu verteilen, eine hohe Erfolgschance haben und sollte ernsthaft vorangetrieben werden.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare