Unternehmen / Konsum

Aryzta-Anleger müssen sich weiter gedulden

Analyse | Die frischgebackene Führungscrew kann noch keine Neuigkeiten verkünden, aber es ist mit Devestitionen zu rechnen. Die neue Strategie braucht Zeit.

Seit zwanzig Tagen sind die neuen Aryzta-Verwaltungsräte um Präsident Urs Jordi im Amt. Genug Zeit, um sich einen ersten Überblick über die komplexe Situation zu verschaffen. Aber noch zu wenig Zeit, um erste strategische Hebel umzulegen.

Jordi war dennoch bemüht, am Dienstag an einer Telefonkonferenz für etwas Fantasie zu sorgen. «Wir prüfen weiterhin sämtliche strategischen Optionen», sagte er mehrfach. Ein eigens dafür gegründetes Team kümmere sich um M&A-Themen. Zusätzlich zum bestehenden Interesse der Investmentfirma Elliott gebe es Anfragen für einzelne Unternehmensteile. «Wir prüfen alle Angebote, handeln aber nicht überstürzt», so Jordi. Aryzta spürt keinen unmittelbaren finanziellen Druck, doch der Status quo ist ebenfalls keine Option, wie das Jahresergebnis 2019/20 zeigt.

Langsame Erholung

Dem Spezialisten für tiefgekühlte Back­waren ist der Umsatz im Ende Juli zu Ende gegangenen Geschäftsjahr erwartungsgemäss weggebrochen. Auf dem Höhepunkt der Lockdown-Massnahmen im April lag er um fast die Hälfte tiefer als im Vorjahr. Seither haben sich die Verkäufe graduell erholt. Aber in den beiden wichtigsten ­Regionen – Europa und Nordamerika (91% des Umsatzes) – ist die Konsumentenstimmung gedämpft. Viele Länder haben infolge einer zweiten Infektionswelle die Einschränkungen wieder verschärft.

Das trifft in erster Linie den Verkaufs­kanal Foodservice, wo Aryzta Restaurants und Hotels bedient (23% des Umsatzes). Im Geschäft mit Fast-Food-Ketten und im Detailhandel seien hingegen Verbesserungen sichtbar, teilte das Unternehmen mit. Einmal mehr bezeichnete es die bevor­stehende Erholung als «holprig».

Ein besonders schwieriges Jahr hatte erneut Nordamerika, wo die Probleme schon vor der Coronakrise am grössten waren. Die Profitabilität ist noch einmal geschrumpft, um 1,7 Prozentpunkte, auf eine Ebitda-Marge von 5,3%. Das ist im Gruppenvergleich klar unterdurchschnittlich. Um die Effizienz zu verbessern, wurden in acht Monaten drei ­Bäckereien geschlossen. Doch weitere Verbesserungen – oder Devestitionen – sind notwendig. Es ist gut möglich, dass der erneuerte Verwaltungsrat zuerst in Nordamerika den Hebel ansetzt und dort Unternehmensteile abstösst.

Urs Jordi sagte dazu, er möchte Aryzta auf Kernmärkte und das Kerngeschäft ­fokussieren. Er fügte aber hinzu: «Was das bedeutet, müssen wir noch entscheiden.» An der Generalversammlung vor drei Wochen hatte Jordi dem Gesamtverkauf des Unternehmens eine Absage erteilt.

Besser als erwartet fiel der Gewinn auf Stufe Ebitda aus. Wegen Abschreibungen in Nordamerika blieb unter dem Strich ein hoher Verlust. FuW rechnet auch für 2021 höchstens mit einem Mini-Gewinn.

Vertrauen in den VR

Positiv ist die Liquidität von 424 Mio. €. Das Management hat die Kosten in der Coronakrise rasch in den Griff bekommen. Die Nettoverschuldung stieg vor ­allem infolge der Anwendung von IFRS 16 nochmals, auf 1,01 Mrd. €. Dank den neu vereinbarten Kreditbedingungen mit den Banken sollte die Verschuldung bis Mitte 2021 kein Problem sein. Zusammen mit den ausstehenden Hybridinstrumenten im Umfang von 926 Mio. € bleibt die finanzielle Flexibilität stark eingeschränkt.

Für den Turnaround ist der zusätzliche finanzielle Spielraum eine wichtige Voraussetzung. FuW traut der neuen Führung den Turnaround grundsätzlich zu, auch aufgrund des Bäckerei-Know-how, das sie mitbringt. Devestitionen und eine Re­duktion der Komplexität würden den ­Aktien ebenfalls helfen. Für neue Enga­gements raten wir, erste strategische Weichenstellungen abzuwarten.

 

Die komplette Historie zu Aryzta finden Sie hier.»

Leser-Kommentare

Michael Wagner 06.10.2020 - 15:48

“Die Nettoverschuldung ist jedoch nochmals gestiegen, auf 1,01 Mrd. €.” Dies ist nur teilweise korrekt. Die Nettoverschuldung ist im Berichtsjahr auf vergleichbarer Basis um rund CHF 10m angestiegen (2019 CHF 733.3m, 2020 CHF 742.2m). Die ausgewiesenen Nettoschulden von CHF 1’010.7m beinhalten auch die aufgrund der Einführung von IFRS 16 erfassten Leasingverbindlichkeiten.

Gabriella Hunter 06.10.2020 - 16:08

Besten Dank für den Hinweis, Herr Wagner. Die entsprechende Passage wurde präzisiert.