Meinungen

Asien am Ende der Pax Americana

Die wachsenden Zweifel an der Verlässlichkeit der USA und der gleichzeitige Aufstieg Chinas zur Weltmacht nähren Unsicherheiten in ganz Asien. Ein Kommentar von Urs Schoettli.

Urs Schoettli, Tokio
«Die Geopolitik akzeptiert kein Vakuum.»

Asien ist für viele der Kontinent der Verheissung –  mit neuen Märkten und unbegrenzten Wachstumschancen. Ohne Zweifel hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten das Gewicht der Weltwirtschaft in Richtung Asien verschoben. Das 21. Jahrhundert ist gleich in mehrfacher Hinsicht das asiatische Jahrhundert, nachdem das 20. Jahrhundert mit den monumentalen Siegen im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg den USA gehört hatte.

Doch Asien ist nicht nur ein Kontinent der Opportunitäten, sondern auch der Risiken. Gleich an mehreren Stellen finden sich offene, schwelende oder verdeckte Krisenherde. Die Welt ist sich gewahr der langjährigen, blutigen Kriege in Syrien und in Afghanistan. Weniger bewusst ist man sich im Westen der explosiven Lage in Kaschmir, der Nordwestecke des indischen Subkontinents. Kaum bekannt sind die ungelösten Grenzstreitereien zwischen Indien und China sowie die Instabilität an der Grenze zwischen Bangladesch und Myanmar.

Der Streit zwischen der Volksrepublik China und der von Peking als «abtrünnige Provinz» betrachteten Insel Taiwan kann jederzeit in einen Krieg ausarten. Im Südchinesischen Meer streitet sich China gleich mit mehreren Anrainerstaaten um einige Inseln. Inseldispute zwischen China, Japan und Südkorea sind langjährige Spannungsherde, wobei die Beziehungen dieser drei Nachbarn untereinander ohnehin historisch belastet sind. Schliesslich steht noch die notorische Unberechenbarkeit des hermetischen Regimes in Nordkorea im Raum.

Ungewissheit ist gefährlich

Im Unterschied zu Europa hatte Asien nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht den Vorteil, dass auf massgebliches Betreiben der USA eine kontinentale oder regionale Sicherheitsarchitektur errichtet wurde. Washingtons Engagement in Asien war und ist auf bilaterale Bündnisse ausgerichtet. Im Vordergrund stehen dabei Taiwan, Südkorea und Japan. Alle drei Staaten hatten sich in der komfortablen Gewissheit eingerichtet, dass, sollte es zu einer Krise kommen, die USA ihnen bedingungslos zur Seite stehen würden. Manifest war dieser Rückhalt zum letzten Mal 1996, als der damalige US-Präsident Bill Clinton den chinesischen Einschüchterungsversuchen nach der ersten demokratischen Wahl eines Präsidenten in Taiwan energisch Paroli bot.

Militärexperten sind sich einig, dass nichts so gefährlich ist wie gezielte oder auch unbeabsichtigte Ungewissheit über das Verhalten im Krisenfall. Sie nährt auf allen Seiten Zweifel an der Solidität bestehender Sicherheitsvorkehren und an der Verlässlichkeit von Bündnissen. Diese Ungewissheit kann kurzfristig zu unbedachten Reaktionen und längerfristig zu gefährlichen geopolitischen Ambitionen verleiten. An vielen Fronten hat Präsident Donald Trump Ungewissheit über die Politik der USA und damit auch Versuchungen für unbedachte Reaktionen auf der Gegenseite eröffnet. Wohl am markantesten zeigt sich dies anhand von Trumps Umgang mit dem nordkoreanischen Führer Kim Jong-un.

Ohne Zweifel ist die koreanische Halbinsel eine der gefährlichsten Regionen nicht nur Ostasiens, sondern der ganzen Welt. Das nordkoreanische Regime, eine konfuzianische Erbmonarchie mit stalinistischem Staatsaufbau und einer auf die Armee gestützten Oligarchie, ist ein Unikat. Entsprechend schwierig ist es, Pjöngjangs Absichten richtig einzuschätzen. Trump hat die Beziehungen zu Kim Jong-un zur Chefsache erklärt. Er lässt sich von aussen- und sicherheitspolitischen Experten nicht beeinflussen und, was sich in Ostasien als besonders destabilisierend herausstellt, er konsultiert die unmittelbar betroffenen Nachbarn Nordkoreas nicht, ja hält nicht einmal einen minimalen Informationsaustausch für nötig. Kim Jong-un weiss, dass er Raketen testen und sein Nuklearprogramm vorantreiben kann, ohne dass ihn dies bei Trump in Ungnade fallen lässt.

Asien sieht die USA noch nicht im Verfallsstadium, wie es das Ende des Römischen Reichs oder des britischen Empire einläutete. Dazu sind die militärische Hardware und die wirtschaftliche, finanzielle Macht der USA viel zu gross. Doch bei der Position und der Achtung, über die eine dominante Macht verfügen kann, geht es auch um Wahrnehmung und Überzeugung. Es ist gefährlich, wenn sich der Eindruck festsetzt, dass die USA ihre Präsenz in der Welt, ihr Engagement in globalen Macht- und Einflusssphären abbauen. Hier geht rasch wichtiges politisches Kapital verloren.

Die Pax Americana beruht nicht nur auf Wirtschafts- und Militärmacht. Entscheidend wird bzw. wurde sie auch von weichen Faktoren geprägt; dazu zählen Werte und Institutionen, politische Netzwerke, kulturelle und geopolitische Fachkompetenz sowie das, was man gemeinhin mit «Intelligence» bezeichnet. Gemein ist all diesen Elementen, dass ihr Aufbau einen grossen Aufwand an Zeit, Geld und Talent erfordert, dass sie aber sehr rasch und häufig unwiderruflich verloren gehen können, wenn sie nicht sorgsam gepflegt werden.

Bereits heute ist erkennbar, dass nicht erst unter Trump, sondern bereits unter Obama die USA in Asien an Terrain eingebüsst haben. Unter Trump hat die Einbusse an amerikanischem Einfluss alarmierende Ausmasse erreicht. Dies zeigt sich an der Nichtbesetzung von diplomatisch wichtigen Positionen, am Rückzug von der Trans Pacific Partnership (TPP), an der gefährlichen Unterminierung der amerikanischen Sicherheitsdienste – vom FBI bis zur CIA. Gerade in kulturell so fernen und so komplexen Regionen wie Südasien, Südostasien oder im Fernen Osten fällt es besonders schwer, kompetent politischen Einfluss auszuüben.

Erschwert werden die anstehenden Herausforderungen noch dadurch, dass die EU und militärische Zwerge wie Frankreich oder Deutschland, vom Handelsaustausch abgesehen, in Asien keine Rolle spielen. Einfacher wird die Lage auch nicht dadurch, dass in Asien ein neu-alter Hegemon, China, bereitsteht, die am Ende der Pax Americana hinterlassenen Leerräume rasch und effizient zu besetzen. Die Geopolitik akzeptiert kein Vakuum, und wo die USA sich zurückziehen, zeigen die Chinesen Flagge, in geringerem Masse die Japaner.

Das chinesische Gegenmodell

Symptomatisch für diese weitreichende Entwicklung steht die Abkehr vom «Washington-Konsens» zum «Peking-Konsens». Getragen auch von den Bretton-Woods-Institutionen hatte sich während der Hochblüte der Globalisierung die Meinung verbreitet, dass eine vorbildliche Entwicklung die Werte der Marktwirtschaft und der liberalen Demokratie ins Zentrum zu rücken habe. Dem stellt nun China seine Erfahrung mit einer eigentümlichen Mischung von Autoritarismus mit Staatswirtschaft und privatem Kapitalismus entgegen.

Seit dem Beginn der Wirtschaftsreformen in den späten Siebzigerjahren hat sich China sozioökonomisch bemerkenswert modernisiert. In der Wirtschaftspolitik handelt das Regime völlig pragmatisch, doch zugleich hält es an den politischen Strukturen einer kommunistischen Einparteiherrschaft fest. Als in der Finanzkrise ab 2008 eine wachsende Zahl von Ländern in Schwierigkeiten geriet, wuchs in Peking die Überzeugung, China sei ein Vorbild für andere Entwicklungs- und Schwellenländer. Da gleichzeitig die USA unter Trump vom Nation Building Abschied nehmen, wird das Ende der Pax Americana in Asien nicht nur im militärischen Bereich Folgen zeitigen, sondern auch weitreichende ordnungspolitische Konsequenzen haben. Das asiatische Jahrhundert, das vom Wiederaufstieg der Weltmacht China geprägt wird, wird unter diesen Umständen eine Zäsur bringen, die von noch grösserer Tragweite sein kann als das Ende des Kalten Kriegs und die kurzlebige Epoche einer westlich geprägten Globalisierung.