Meinungen

Asien-Pazifik rückt zusammen

Im asiatisch-pazifischen Raum entsteht die riesige neue Freihandelszone RCEP. Das wird den regionalen Austausch beleben und Drittländer herausfordern. Ein Kommentar von Bernd Schips.

Bernd Schips
«Die Bedeutung des Yuans als Transaktions- und Reservewährung wird zunehmen.»

Am 15. November vergangenen Jahres haben sich fünfzehn Länder aus dem asiatisch-pazifischen Raum auf das Freihandelsabkommen RCEP verständigt – nach acht Jahren Vorbereitung und 31 Verhandlungsrunden. Für die Ratifizierung haben die Unterzeichner zwei Jahre Zeit. Dabei handelt es sich um die Mitglieder des Verbands der Südostasiatischen Staaten Asean (Brunei, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam) sowie die nicht zur Asean gehörenden Länder Australien, China, Japan, Neuseeland und Südkorea. Das Abkommen über die Regional Comprehensive Economic Partnership soll sechzig Tage nach der Ratifizierung in zumindest sechs der Asean-Mitglieder und in drei der Nicht-Asean-Länder in Kraft treten.

Der Anteil der RCEP-Länder an der globalen Wertschöpfung (BIP) und am Welthandel liegt gegenwärtig bei jeweils ca. 28%. In der geplanten neuen Freihandelszone leben derzeit gut 2,2 Mrd. Menschen, also etwa 30% der Weltbevölkerung. Mit Indien, das sich noch bis 2019 an den Verhandlungen beteiligte und dann aufgrund des vorgesehenen Zollabbaus für Industrie- und Agrarprodukte ausschied, wären es sogar rund 40% der Weltbevölkerung gewesen. Aber auch ohne Indien entsteht nun eine Freihandelszone, deren Anteil an der globalen Wertschöpfung künftig die des USMCA (United States-Mexico-Canada Agreement) und des EWR (EU plus Norwegen, Island und Lichtenstein) deutlich übertreffen wird.

Entgegen der sich in Teilen der Welt verstärkenden Vorliebe für protektionistische Massnahmen ist es gelungen, eine für die wirtschaftliche Entwicklung in der Region bedeutsame Freihandelszone zu etablieren, zugleich eine, die sich in den kommenden Jahren weltwirtschaftlich bemerkbar machen wird. Das RCEP-Abkommen könnte – nach dem Rückzug der USA aus den Verhandlungen über die Transpazifische Partnerschaft (TTP) – zusammen mit dem von den Pazifikanrainern Australien, Brunei, Chile, Japan, Kanada, Malaysia, Mexiko, Neuseeland, Peru, Singapur und Vietnam im März 2018 vereinbarten und bereits ratifiziertem CPTPP-Abkommen (Comprehensive and Progressive Agreement for Trans-Pacific Partnership) möglicherweise sogar einmal die Basis für die Schaffung eines mit USMCA und EU vergleichbaren Wirtschaftsraums bilden.

Handelshemmnisse beseitigt

Alle Unterzeichner mussten für das Zustandekommen der RCEP  Bedenken ausräumen und Zugeständnisse machen, z.B. in den Bereichen Waren- und Dienstleistungshandel, Investitionen, geistiges Eigentum, Wettbewerb, staatliches Beschaffungswesen, Online-Handel, Personenverkehr, Anerkennung beruflicher Qualifikationen, Ursprungsregeln, technische Standards, Konfliktbeilegung. Für Umweltstandards und arbeitsrechtliche Regelungen wurde zwar noch keine Lösung gefunden, bei der Liberalisierung von Dienstleistungen und Investitionen geht die RCEP aber über das gegenwärtig geltende Regelwerk der Welthandelsorganisation WTO hinaus.

Einige der von Ländern in der Region zuvor abgeschlossenen Freihandelsabkommen – wie z.B. sieben der elf CPTPP-Abkommen – waren Wegbereiter für die RCEP. Mit diesen Freihandelsabkommen wurden Zollsätze bereits deutlich gesenkt und auch einige nichttarifäre Handelshemmnisse abgebaut. Der Handel zwischen den asiatisch-pazifischen Ländern ist nicht zuletzt deshalb schon heute äusserst rege. Eine spürbare Ausweitung des Handels darf daher zunächst nur von den auf die RCEP zurückgehenden intensiveren wirtschaftlichen Beziehungen zwischen China und Japan sowie zwischen Japan und Korea erwartet werden.

Die RCEP sieht vor, dass künftig bis zu 90% der in der Region gehandelten Waren – nur für agrarische Produkte sind noch Ausnahmen vorgesehen – nicht mehr mit Zöllen belastet werden. Für die Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen in der Region ist jedoch der vorgesehene Abbau nichttarifärer Handelshemmnisse, besonders die Harmonisierung der Ursprungsregeln, letztlich viel entscheidender. Die bisher in der Region abgeschlossenen bilateralen Freihandelsverträge verlangten für einen präferenziellen Marktzugang die Einhaltung bestimmter Ursprungsregeln. Exporteure mussten, um das Ausmasss der «heimischen» Wertschöpfung  zu belegen, einen Ursprungsnachweis vorlegen. Mit dem RCEP-Abkommen werden die in den einzelnen Freihandelsverträgen geltenden Ursprungsregeln konsolidiert und harmonisiert. Für die Ermittlung der heimischen Wertschöpfung dürfen nun die Vorleistungen aus allen RCEP-Ländern verwendet werden. Ein importierendes Land muss fortan Standards und technische Normen des exportierenden Landes anerkennen («Made in Asia for Asia»-Klausel). Importe sollen künftig binnen 48 Stunden abgefertigt werden, bestimmte verderbliche Waren sogar innerhalb von sechs Stunden. Handelshemmnisse aufgrund unterschiedlicher Regeln, Standards und Normen entfallen. Die Kosten für den Austausch von Waren und Dienstleistungen sowie für  grenzüberschreitende Aktivitäten von Unternehmen werden sinken, was auch zu einer Intensivierung der zwischenstaatlichen Kooperationen führen wird.

Die Ausweitung der wirtschaftlichen Aktivitäten zwischen den RCEP-Ländern wird sich nicht auf alle Beteiligten im gleichen Ausmass auswirken. Südkorea und Japan werden vom präferierten Zugang zum chinesischen und zum südostasiatischen Absatzmarkt besonders stark profitieren, und China wird künftig weniger abhängig sein vom Handel mit den USA. Aufgrund der durch die RCEP nochmals gestärkten weltwirtschaftlichen Rolle Chinas dürften mehr und mehr Handelsverträge in Yuan denominiert werden. Die Bedeutung des Yuans als Transaktions- und Reservewährung wird zunehmen. In dem für die Bestimmung des Yuanreferenzkurses gegenüber dem US-Dollar von der People’s Bank of China (PBoC) verwendeten Währungskorb wird deshalb das Gewicht der US-Währung sukzessive geringer werden. Zudem werden das kleiner werdende Währungsrisiko und die noch länger anhaltenden Renditevorteile den Kauf chinesischer Staatsanleihen auch für Anleger ausserhalb der RCEP attraktiver machen.

Europäische Exporteure müssen sich anpassen

Besonders Wirtschaftsräume und Länder mit intensiven Handelsbeziehungen zu Ländern im RCEP-Raum werden die Belebung der wirtschaftlichen Aktivitäten innerhalb der Region zu spüren bekommen. Die zu erwartenden Verschiebungen der Handelsströme dürften sich vor allem für die USA und Indien nachteilig auswirken. Die wesentlich vom Rohstoffhandel bestimmten Beziehungen mit der Russischen Föderation und den Mercosur-Ländern werden etwas weniger betroffen sein. Europäische Exportprodukte könnten aber zunehmend durch im RCEP-Raum produzierte Waren und Dienstleitungen ersetzt werden. Es droht der Verlust von Marktanteilen, z.B. in Wirtschaftsbereichen, in denen südkoreanische, japanische und chinesische sowie europäische Hersteller aufeinandertreffen. Exportorientierte Unternehmen aus der EU und der Schweiz werden vermehrt Produktionseinrichtungen, Liefer- und Logistikketten in den RCEP-Raum verlagern müssen. Vor allem die Kunden nicht stark spezialisierter schweizerischer KMU dürften sich künftig an Lieferanten aus der Region wenden.

Die RCEP ist ein Zusammenschluss wirtschaftlich besonders dynamischer Länder zu einem Wirtschaftsraum mit einer noch wachsenden Bevölkerung. Diese Dynamik bietet jedoch auch Chancen, die genutzt werden können. Die Schweiz sollte deshalb in den Verhandlungen über neue Freihandelsabkommen mit Ländern im asiatisch-pazifischen Raum pragmatisch vorgehen, auf die Berücksichtigung von Sonderwünschen verzichten und versuchen, möglichst rasch Verhandlungsergebnisse zu erzielen, um den in der Schweiz produzierenden Unternehmen Planungssicherheit zu ermöglichen.