Märkte / Aktien

«Asien und China werden als Anlageregionen immer wichtiger»

Gemäss Jürg Rimle, Schweiz-Chef von Fidelity International, ist China weiter im Zyklus als Europa und hat die Coronapandemie deutlich besser gemeistert.

Herr Rimle, es drängen neue Asset-Management-Player in die Schweiz, obwohl eine Konsolidierung erwartet wurde. Woher kommt der Hype?
Der Schweizer Markt ist wegen der grossen institutionellen Investoren und als Sitz der beiden Grossbanken nach wie vor wahnsinnig attraktiv. Zudem bleibt der Anlagenotstand. Der Home Bias ist bei den institutionellen Investoren mehr und mehr herausgefordert. Das heisst, die Nachfrage nach Produkten in ausländischen Märkten wie etwa Asien ist im Moment gross. Für ausländische Player, die sich dort gut auskennen und über einen langjährigen Track Record verfügen, ist das eine Chance, sich zu positionieren.

Also (ALSN 237.50 +2.37%) ist das Thema Konsolidierung vom Tisch?
Nein, sie wird auf kleinerer Ebene stattfinden. Allein schon wegen des Kostendrucks, der bleibt natürlich.

Zeigt sich bei den Institutionellen ­Investoren eine Müdigkeit, was Schweizer Asset-Manager betrifft?
Nein, das beobachte ich nicht. Ein Wechsel des Asset-Managers ist in der Regel rein von Anlagethemen getrieben. Wir hatten das Glück, mit unserer starken Asien-Franchise die richtigen Produkte anzubieten. Wir blicken daher bisher auf ein gutes Jahr zurück. Sogar Ende des ersten Quartals, als viele vorsichtig waren, konnten wir Neukunden gewinnen.

Was genau war Ihr Vorteil?
Im März wurden Investment-Grade- und High-Yield-Anleihen in US-Dollar in Asien und China mit 30% und mehr Rendite bis zur Fälligkeit gehandelt. So etwas habe ich im Lauf meiner Karriere noch nicht erlebt. Diese Verwerfungen sind vielen institutionellen Investoren auch aufgefallen und sie haben Asset-Manager gesucht, die sich in diesen Märkten gut auskennen, um die Situation entsprechend zu nutzen.

Wie genau ist Fidelity International in Asien und China positioniert?
In Asien haben wir mehrere Tausend Mitarbeiter, in China sind es rund 1000 Angestellte, davon sind über 100 Analysten oder Portfolio-Manager. Der Aufbau des Teams war ein längerer Prozess. Fidelity International ist seit 40 Jahren in China aktiv, diesen Track Record haben nur wenige. Zudem haben wir im Frühling den nächsten Lizenzschritt gemacht. Nun ist uns erlaubt, ohne lokalen Partner Onshore-Finanzprodukte zu vertreiben.

Die Coronapandemie hat Ihr Asien-­standbein nicht ins Wanken gebracht?
Nein, im Gegenteil. Asien und China werden als Anlageregionen immer wichtiger. Ausserdem sind die Länder dort schon mehrmals durch ähnliche Situationen gegangen und haben viel mehr Erfahrungen als wir in Europa. Daher ist die Wirtschaft dort auch schon wieder in der Erholungsphase. Sogar das inländische Reisevolumen ist in China beispielsweise bei 80 bis 90% des Vor-Corona-Niveaus. China ist ganz klar weiter im wirtschaftlichen Zyklus als Europa. Zudem wirkte Corona für viele Sektoren, in denen Asien und China ohnehin stark waren, als Beschleuniger. Nehmen wir E-Commerce oder Artificial Intelligence aus dem Technologie-Sektor. 

Welche Fehler können Institutionelle Investoren aus der Schweiz in Asien machen?
Die meisten decken Asien und China immer noch über Emerging-Markets-Quoten ab. Das ist ein falscher Ansatz. Der Begriff Emerging Markets deckt sehr heterogene Regionen ab. Hier wäre es sinnvoll, wenn ein Umdenken in der regionalen Allokation stattfindet und Asien und China herausgelöst betrachtet werden. Ebenso investieren Institutionelle kaum in Sektoren. Auch hier würde ich mir ein Umdenken wünschen, denn gerade im Tech-Bereich gibt es Opportunitäten. 

Was erwarten Sie für das nächste Jahr?
Das wird auf der Makroebene, wegen der tiefen Basis, gut aussehen. Auf Ebene BIP könnte weltweit ein Wachstum von 6 bis 7% möglich sein, auch die PMI-Daten und der Konsum werden sich erholen. Mit Blick auf die Arbeitslosigkeit bin ich weniger optimistisch, da könnte die zweite Coronawelle noch einiges anrichten.

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